Das Ö findet sie schwer

María aus Spanien lebte sich in Münster gut ein

Ich wusste, dass mein Papa im Ausland arbeiten wollte, aber ich habe nicht geglaubt, dass es wirklich passiert", sagt María Martin Andrade. Auch ohne den Akzent könnte man aufgrund ihrer leicht gebräunten Haut, der Sommersprossen und der braunen Locken vermuten, dass María nicht gebürtig aus Deutschland stammt. Geboren wurde die heute 16-Jährige im spanischen Badajoz, nahe der Grenze zu Portugal. Danach zog sie mit ihrer Familie, zu der neben ihren Eltern auch ihre jüngere Schwester Lourdes zählt, nach Ceuta. "Ceuta gehört zwar zu Spanien, liegt aber in Marokko", erklärt María strahlend. Weitere Stationen waren Teneriffa sowie Almería, eine Stadt ganz im Süden Spaniens, im Jahr 2013 zog die Familie schließlich nach Münster. Grund für den Umzug war der Beruf des Vaters. Er arbeitet für die spanische Regierung.

Der Abschied von ihren Freunden sei ihr nicht leichtgefallen, an die Vorfreude auf Deutschland kann sich das musikbegeisterte Mädchen dennoch gut erinnern. "Meine Mutter hat direkt angefangen, sich über die deutsche Kultur und das Schulsystem zu informieren." Auch María habe sich ein Buch über deutsche Grammatik gekauft und die wichtigsten Wörter sowie die Konjugation einiger Verben gelernt. "Aber das hat nichts gebracht", ist ihr Fazit, denn sie habe nicht mitbedacht, dass deutsche Wörter eine andere Aussprache haben als englische. So habe sie zu Beginn zum Beispiel nicht Zucker, sondern Zacker gesagt. "Niemand hat mir erklärt, wie man deutsche Vokabeln ausspricht", sagt sie lachend.

Doch nicht nur die Sprache habe ihr am Anfang zu schaffen gemacht. Auch an die deutsche Kultur habe sie sich zunächst gewöhnen müssen. Hier sei man nicht so patriotisch, wie es in Spanien üblich sei. Als sie weitere Eigenschaften der Deutschen aufzählen will, fällt ihr das deutsche Wort zunächst nicht ein. "In Spanien sagen wir cuadriculados." Das heißt geordnet und strukturiert. Außerdem hätten die Deutschen in Spanien den Ruf, sehr ernst zu sein. Das kann María jedoch nicht bestätigen. "Ich wurde hier sehr freundlich von den Schülern und Lehrern empfangen." Dennoch habe das Leben in einem fremden Land Marías Familie zusammengeschweißt. "Wir haben hier niemanden gekannt. Wir sind als Familie zusammengewachsen."

Mittlerweile hat sich die Familie in Münster gut eingelebt. Auch die Sprache spricht María annähernd fließend. "Konjugieren und Deklinieren ist kein Problem mehr", meint María lächelnd, "Wörter mit ö finde ich aber immer noch besonders schwierig." Jedoch habe ihr gerade zu Beginn die deutsche Sprache große Schwierigkeiten bereitet. "Meine Noten in Spanien waren gut, und auch hier musste ich benotet werden, aber wie soll das gehen, wenn man nichts versteht? Ich stand am Anfang wirklich unter Druck. Ich sollte Deutsch verstehen, sprechen und schreiben." Deshalb hatten die beiden Schwestern anfangs eine Privatlehrerin, die den beiden Mädchen bei den Hausaufgaben und der Vorbereitung auf Klassenarbeiten half.

An eine Situation kann María sich besonders gut erinnern. Einmal sei sie mit ihrem Fahrrad auf der falschen Straßenseite gefahren, woraufhin ein Polizist sie nach ihrem Alter gefragt habe. "Da habe ich einfach nur ja geantwortet, weil ich nicht verstanden habe, was er gefragt hat. Das war echt peinlich." Mittlerweile sprechen die Geschwister so gut, dass sie die letzten Staffeln ihrer Lieblingsserie "Pretty Little Liars" auf Deutsch gucken, da diese nicht auf Spanisch erhältlich sind. Auch ihre Eltern haben die beiden Schwestern bezüglich der Deutschkenntnisse überholt. "Manchmal ist es richtig nervig, wenn ich für meine Eltern übersetzen muss oder ihnen erklären soll, was auf der Nudelpackung steht."

An den ersten Tag hier kann sie sich noch genau erinnern. "Das war ein Donnerstag. Der 22. August 2013. Ich habe mir in einem Café in der Nähe unserer Wohnung ein Croissant und eine heiße Schokolade bestellt. Da war ich schon total stolz auf mich." Als dann nach acht Wochen ihre Großeltern aus Spanien zu Besuch kamen und die beiden Enkeltöchter schon ein wenig übersetzen konnten, sei dies für María ein persönliches Erfolgserlebnis gewesen. "Wenn man bedenkt, dass ich am Anfang nur sagen konnte: "Hallo, ich heiße María. Ich komme aus Spanien, und ich bin vierzehn Jahre alt."

Mittlerweile gehen beide Schwestern auf ein Gymnasium. Da Maria sich schon immer für Sprachen interessiert hat, wählte sie an ihrer Schule die Hauptfächer Englisch und Französisch. Außerdem hat sie dort neben Deutsch auch Spanischunterricht und bringt sich zu Hause selbst Latein bei.

Bald wird die Familie wieder nach Spanien zurückkehren. Sie ziehen in ihre alte Heimat Almería. Ob sie eines Tages nach Deutschland zurückkehren wird, weiß Maria noch nicht. Sie ist sich jedoch sicher, dass sie Deutschland vermissen wird. "Weihnachtsmarkt in Spanien, das wäre schön." Auch die Bäckereien, die Landschaft und die vielen Fahrräder in Münster werde sie vermissen. Das typische Plätzchenbacken in der Weihnachtszeit will María in ihrer Heimat weiterführen, da man diese Tradition in Spanien nicht kenne. Auch der mysteriöse "Tee mit Kohlensäure" entpuppte sich nach einiger Zeit als Apfelschorle.

"Das gute Wetter in Spanien habe ich nicht vermisst. In Almería haben wir bestimmt 350 Sonnentage im Jahr. Da wird Sonnenschein irgendwann richtig langweilig. Deshalb hat meine ganze Familie sich am Anfang immer gefreut, wenn es hier geregnet hat oder ein richtiger Sturm vorausgesagt war. Auch echten Schnee haben wir hier zum ersten Mal gesehen."

Sie habe sich jedoch vorgenommen, auch in Spanien Sprachkurse zu besuchen, um die deutsche Sprache nicht zu verlernen. Momentan arbeite sie an einem Fotoalbum für ihre Familie, damit auch sie die Zeit in Deutschland nicht vergessen werden. "Man könnte eben sagen, ich bin eine Spanierin mit deutschem Herz."

Informationen zum Beitrag

Titel
Das Ö findet sie schwer
Autor
Clara Rüther
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2017, Nr. 169, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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