Die Gefahr lauert in den Gängen am Seegrund

Kalikokrebse gefährden das Ökosystem am Oberrhein

Laues, abgestandenes Wasser, bräunlich getrübt durch den aufgewühlten Seegrund, zerwühlte Ufer und eine totenähnliche Stille sind für Carsten Grabow inzwischen alltägliche Bilder. Der 54-jährige Diplombiologe an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe beschäftigt sich seit 13 Jahren mit der Ausbreitung des eingeschleppten Kalikokrebses im Oberrheingraben und engagiert sich für die Verminderung der Krebsbestände in seinem Wohnort Durmersheim und der angrenzenden Stadt Rheinstetten, südlich von Karlsruhe.

Der Kalikokrebs ist ein ursprünglich nordamerikanischer Krebs, der durch seine Immunität gegen die weitverbreitete Krebspest als besonders resistent und überlebensfähig gilt. Er zeichnet sich außerdem durch eine für Krebse unübliche Eigenschaft aus, denn Kalikokrebse können weite Strecken über Land zurücklegen, um neue Gewässer zur Fortpflanzung zu finden. Bevorzugt besiedelt er Gewässer mit schlammigem Untergrund und gräbt dabei zur Überstehung von Trockenphasen verzweigte Gänge in den Seeboden und in die angrenzenden Ufer. Der hierbei aufgewühlte Grund trübt den See und schützt sie somit nun ebenfalls vor Fressfeinden. "Man kann sogar auf Google Earth erkennen, ob ein Gewässer befallen ist oder nicht, indem man die Luftbilder vergleicht", sagt Grabow.

Der Krebs erreicht nach kurzer Zeit seine Geschlechtsreife, er nimmt in den ersten paar Monaten seiner Entwicklung viel Nahrung zu sich und stört so die Fortpflanzungsprozesse von Amphibien und Libellen, indem er Laichkraut, Kaulquappen und Wasserpflanzen am Seegrund frisst. "Der Kalikokrebs ist in den befallenen Gewässern der Top-Prädator und stört somit das gesamte Ökosystem", meint der Wissenschaftler. Die rapide Verbreitung der Krebse in Mittel- und Nordbaden und dessen extreme Vermehrung stellt nun durch die Möglichkeit des Wanderns ein enormes Problem dar. "Einmal haben wir in einem Monat mehr als 20 000 Krebse aus ein und demselben Gewässer entnommen, es ist eine sehr frustrierende Arbeit, wenn man weiß, dass noch weitere Krebse am Grund in den Gängen verharren und der See somit nicht vollkommen gereinigt werden kann."

Die Mitarbeiter und Studenten des Instituts für Biologie und Schulgartenwirtschaft der PH Karlsruhe versuchen die Ausbreitung des Krebses, der inzwischen auch in Gewässern bei Karlsbad zu finden ist, durch Verschlechterungen der Lebensbedingungen zu verhindern. Kiesböden, Krötenzäune und kleine Baumstämme rund um das Seeufer hindern den Krebs an dem Bau von Gängen und die Wanderung von einem Gewässer zum nächsten, doch die Suche nach einer weiteren Schwachstelle des Krebses ist noch lange nicht abgeschlossen.

Die Ausbreitung des Kalikokrebses wird auch in den nächsten Jahren weiter zunehmen, Prognosen zufolge wird er demnächst Fließ- und Naturschutzgewässer in Hessen befallen und kann nur durch die Aufklärung der Bevölkerung und intensive Maßnahmen zur Verminderung des Krebsbestandes gemindert werden, wobei die Stiftung Naturschutzfond Baden-Württemberg bereits ihre Unterstützung zusicherte, um die Bedrohung heimischer Arten zu hemmen und zusammen mit dem Projekt der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe die Regeneration des Amphibien- und Libellenbestandes zu fördern.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Gefahr lauert in den Gängen am Seegrund
Autor
Claire Augustin
Schule
Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium , Durmersheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.2017, Nr. 175, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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