Ins Gewitter fliegen

Johann Wagenstaller ist Hagelflieger und steuert seine Maschine quer zur Gewitterfront. Den gefährlichen Einsatz zum Schutz der Ernte nehmen in Oberbayern immer zwei Piloten auf.

Gewitterwolken ziehen auf, es weht ein starker Wind, in der Ferne hört man Donner grollen, Blitze zieren den dunklen Himmel. Ein richtiges Unwetter beginnt, vor dem sich viele lieber in Sicherheit bringen. Nicht so Johann Wagenstaller. Der 55-jährige Architekt ist ehrenamtlich Hagelflieger und fliegt mitten in die Gewitterfront. Seit 2004 versucht er zusammen mit sechs anderen Piloten, Schäden durch Hagel rund um die Landkreise Rosenheim, Miesbach und Traunstein zu verhindern.

Der Südrand der Alpen ist eine Gegend, in der es häufig zu heftigen Unwettern mit Hagelbildung kommt, Hagelabwehr hat dort eine lange Tradition. Ursprünglich stammt die Idee aus den Vereinigten Staaten und wird auch in Ländern wie der Schweiz und Österreich praktiziert.

Um die Bildung größerer Hagelkörner, die viel Schaden anrichten, zu verhindern, wird Silberjodid, gemischt mit Aceton, in die Aufwinde des Gewitters eingeimpft. So sind mehr Kondensationskeime in den Wolken vorhanden, und es bilden sich mehr, dafür aber kleinere Hagelkörner, die am Boden weniger Schaden anrichten. Die Maschinen, die für solch einen Einsatz benötigt werden, haben Generatoren an den Spitzen der Flugzeugtragflächen, in denen das jodidhaltige Wundermittel verbrannt und somit freigesetzt wird.

  Die Flugzeuge stehen in Vogtareuth mitten in einer grünen Wiese auf dem kleinen Flugplatz, der nur aus einer Start-und-Landebahn, ein paar kleinen Schuppen und einem Hangar besteht, und wirken fast zu klein, um sich der Gewalt eines Unwetters entgegenzusetzen.

Johann Wagenstaller hat jedoch großes Vertrauen in seine Maschine. "Es ist jedes Mal ein Adrenalinkick, mitten in dieses beeindruckende Naturschauspiel zu fliegen", sagt Wagenstaller, dessen ordentliche Erscheinung mit sauber gebügeltem Hemd und grauer Hose nicht so recht zu dieser Aussage zu passen scheint. Den Kampf gegen den Hagelschlag nehmen immer zwei Piloten auf, die entgegengesetzte Schlangenlinien quer zur Gewitterfront fliegen. Dabei wird in unterschiedlichen Höhen geflogen, um Kollisionen zu vermeiden, denn trotz extrem schwieriger Bedingungen fliegen die Piloten hauptsächlich auf Sicht. Während eines Einsatzes stehen Hagelflieger dauernd in Kontakt mit einem Meteorologen, der über die Wolkenentwicklung aufklärt und die Lagen der Hauptgewitterzellen weitergibt.

Wenn die gesamte Gewitterzelle durchflogen ist, beginnt erst der wirklich nervenaufreibende Teil des Fluges. "Am gefährlichsten sind die Rückflüge, man muss im Tiefflug die gesamte Gewitterfront durchqueren, mit stärksten Böen und fast ohne Sicht. Oft sind die Turbulenzen so stark, dass man gerade noch so die Kontrolle über sein Flugzeug behalten kann. Und natürlich hofft man immer, nicht von einem Blitz erwischt zu werden", erklärt Johann Wagenstaller.

Dafür wird er nach dem Verlassen der Gewitterfront belohnt. "Nach einem Gewitter ist das Land richtig saubergewaschen, es sieht so unschuldig aus, und es herrscht eine ganz besondere Atmosphäre, oft sieht man auch den ein oder anderen Regenbogen." Eine ruhige Stimmung mit klarer Luft, die er oft auf Fotos festhält.

Fliegen zu können war für Johann Wagenstaller ein Kindheitstraum. Seit 1982 hat er einen Pilotenschein, ist früher neben seiner Arbeit Rettungsund Sanitätsflugzeuge geflogen, bis er sich 2004 als Hagelflieger beworben hat. Nötig dafür sind ein Flugschein für zweimotorige Maschinen und eine Instrumentenflugberechtigung. Es folgt eine zweijährige Ausbildung, während der ein erfahrener Pilot Einsätze begleitet, weswegen es Johann Wagenstaller zwar aufregend, nicht aber beängstigend fand, als er das erste Mal mitten ins Gewitter geflogen ist.

Von Mai bis September haben immer zwei Piloten und ein Meteorologe Bereitschaft, die Beobachtung der Wetterverhältnisse ist dabei selbst zu bewerkstelligen. "Das ist natürlich schwierig, wenn man ganztags berufstätig ist, doch bei akuten Wetterentwicklungen beobachtet man den Bildschirm des Wetterradars dann doch etwas genauer." Und wenn es nötig wird, dann heißt es ab ins Flugzeug! Um die 30 Einsätze werden jährlich geflogen, ein einziger kostet um die 8000 Euro. Finanziert wird die Hagelabwehr in Deutschland über die Landkreise, in Österreich unter anderem von Weinbauern, um ihre Ernte zu schützen.

Jeder kann die Flüge der Piloten über eine App mitverfolgen, entwickelt an der Fachhochschule Rosenheim, mit Hilfe derer die Einsatzrouten eingesehen werden können und die Möglichkeit besteht, selbst Unwetter zu melden.

Doch können Hagelschäden wirklich durch den Einsatz der Piloten verhindert werden? "Physikalisch ist die Wirkung von Silberjodid in Aceton ganz klar nachgewiesen, nur kann man eben in Realität keine geimpfte Gewitterzelle mit einer nicht geimpften vergleichen, da sich Unwetter immer voneinander unterscheiden", vertritt der Hagelflieger seine Meinung. Bestätigt sieht er seinen Standpunkt durch mehrere Jahre, in denen keine Hagelflieger eingesetzt worden sind und es zu besonders schlimmem Hagelschlag gekommen ist.

Trotzdem gibt es Skeptiker, aber obwohl es immer wieder Vorschläge gibt, die Hagelabwehr im Landkreis abzuschaffen, wurde das nie durchgesetzt. Der letzte Versuch endete mit einer Unterschriftenaktion, die deutlich zugunsten der Hagelflieger ausfiel. "Wichtig ist, dass der Rückhalt in der Bevölkerung da ist, das sichert am besten den Fortbestand der Hagelflieger."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ins Gewitter fliegen
Autor
Christina Angerer
Schule
Karolinen-Gymnasium , Rosenheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.2017, Nr. 175, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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