Sein Leben in den Griff kriegen

Walter Schlenzig ist als Streetworker in Berlin unterwegs und bemüht sich um Vertrauen zu den Jugendlichen. Die sind misstrauisch: Bist du von der Polizei?

Laute Musik, klirrende Bierflaschen, über den harten Granitboden rollende Skateboards. Aus der Ferne beobachtet Walter Schlenzig die im Hohenschönhausener Skatepark in der Darßer Straße herumlungernde, lachende Gruppe Jugendlicher. Nach einer kurzen Weile nähert er sich mit selbstbewusstem Schritt. Seine Base-Cap zurechtrückend räuspert er sich, möchte ein Gespräch anfangen, bekommt auf das nett gemeinte "Hallo" jedoch nur freche Gegenfragen: "Wer bist du? Was willst du hier? Bist du von der Polizei?" Doch Schlenzig reagiert gelassen und erklärt den Jugendlichen ruhig, wer er ist und warum er sie angesprochen hat. Nach einigen kurzen misstrauischen Blicken scheinen sich die Gesichter zu entspannen, und ein offenes Gespräch beginnt.

Solche Situationen sind Alltag für den in Berlin arbeitenden Streetworker. Er ist Mitarbeiter der vor 27 Jahren gegründeten Organisation Gangway e.V. Der 36-Jährige wurde im Alter von 14 Jahren selbst von Streetworkern dieses Vereins begleitet. "Ich war damals in einer sehr großen Gruppe, die etwa 100 Jugendliche umfasste. Wir hatten Ideen, die der Gesellschaft nicht gefallen haben. Die Sozialarbeiter halfen uns, von der schiefen Bahn herunterzukommen, indem sie uns zuhörten, Projekte mit uns planten und Hilfe bei Ämtergängen oder Wohnungssuche leisteten." Nach einer Lehre als Einzelhandelskaufmann und kurzer Berufstätigkeit schloss Schlenzig eine Ausbildung zum Heilerzieher an und arbeitete einige Jahre in einem Heim für psychisch kranke Kinder und Jugendliche. "Schließlich entschied ich mich noch für das Studium der Sozialarbeit", erläutert er munter. Nach seinem Abschluss ging er in die mobile Jugendarbeit und ist seit drei Jahren bei Gangway. "Dazu hatte ich aufgrund meiner Jugend ja schon eine gewisse Nähe", sagt er schmunzelnd.

Der Verein ist in neun Berliner Bezirken tätig. Es gibt rund 100 Mitarbeiter, etwa 70 arbeiten im Bereich Streetwork und gehen wöchentlich zwei- bis dreimal auf die Straße, um die Jugendlichen aufzusuchen. Die anderen bilden Spezialteams, die Projekte in Schulen, bei der Arbeitsvermittlung oder verschiedene Workshops anbieten. Finanziert wird Gangway vom Senat und den Behörden, freut sich jedoch über Spenden.

Der Begriff Streetwork stammt aus den Vereinigten Staaten und tauchte in Deutschland erstmals Ende der sechziger Jahre auf. "Hierbei handelt es sich um Straßensozialarbeit, die sich größtenteils an junge Menschen im Alter von 14 bis 27 Jahren richtet, deren Hauptaufenthaltsort der öffentliche Raum geworden ist", erklärt Schlenzig. Aus unterschiedlichen Gründen stünden sie am Rande der Gesellschaft und könnten ihr Leben nicht eigenverantwortlich in die Hand nehmen. "Unsere Aufgabe ist es, die Jugendlichen in ihrem Umfeld, also auf der Straße und auf öffentlichen Plätzen, aufzusuchen und eine vertrauensvolle Basis aufzubauen, um gemeinsam an ihren Problemstellen arbeiten zu können und so ihre persönliche Entwicklung zu fördern." Wichtig sei, dass die Streetworker Gast bei den Jugendlichen sind. "Wir kommen in deren Lebensumfeld und benehmen uns höflich und respektvoll. Will ein Jugendlicher in Ruhe gelassen werden, akzeptieren wir diese Entscheidung und entfernen uns umgehend."

Entscheidend seien die Methoden der Kontaktaufnahme, Vertrauensgewinnung und Zusammenarbeit. "Wir sprechen die Jugendlichen an und sagen sofort, wer wir sind und was wir machen. Natürlich sind wir offen, freundlich, neugierig, hören zu und fragen nach Interessen und Wünschen für die Zukunft." Die Jugendlichen sollen merken, dass sich jemand für sie interessiert und sie nicht allein dastehen.

Hat Schlenzig erst einmal das Vertrauen gewonnen, muss er weiter in die Beziehungsarbeit investieren: "Wir bieten Freizeit- und Erlebnisangebote, gemeinsame Projekte sowie Ausflüge an. Dabei lernen sich Streetworker und Jugendliche besser kennen, gleichzeitig werden soziale Kompetenzen gefördert." So hat er vor ein paar Jahren zusammen mit Kollegen und 60 Jugendlichen aus Problembezirken eine Woche lang in einem Naturcamp verbracht, in dem es weder warmes Wasser noch Strom gab und Handys tabu waren. Vor allem bei solchen Projekten kommen sie ins Gespräch. Oft kristallisieren sich dabei Probleme heraus, an denen sie mit den Jugendlichen arbeiten. Das können schwerwiegende familiäre oder schulische Schwierigkeiten sein, Defizite in der beruflichen Bildung, Schulden, Obdachlosigkeit sowie Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, aber auch leichter zu lösende wie Liebeskummer oder Streit mit Freunden.

"Ich arbeite seit zwei Jahren mit Gangway zusammen. Walter hilft mir dabei vor allem bei Ämtergängen und der Wohnungssuche", sagt Dennis (Namen der Jugendlichen sind geändert) fröhlich, während er durch den mit grauen Plattenbauten durchzogenen Bezirk Hohenschönhausen läuft, in dem das Büro von Schlenzig und seinen Kollegen liegt. "Im Moment wohne ich noch bei meiner Mutter und meinem Stiefvater zu Hause, das möchte ich ändern. Um eine eigene Wohnung beantragen zu können, musste ich schon zu über fünf Ämtern wie zum Beispiel der sozialen Wohnungshilfe, der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter", sagt der 20-Jährige.

Von den rund 150 Jugendlichen, mit denen Gangway im Jahr zusammenarbeitet, werden 17 bis 20 in Einzelfallhilfe betreut. "Die wird eingesetzt, wenn ein Jugendlicher mit einem konkreten Anliegen wie Schulden oder Obdachlosigkeit zu einem Streetworker kommt, so dass dieser sich intensiver mit den Problemen auseinandersetzen und gezielt helfen kann", erklärt Schlenzig. Der 19 Jahre alte Alexander ist unter Alkoholeinfluss aggressiv und oft in Schlägereien verwickelt. Durch mehrere Gerichtsverfahren hat sich ein enormer Berg an Schulden angehäuft. "Alex und ich spielen öfters gemeinsam Fußball und unterhalten uns dabei sehr viel. Vor einiger Zeit hat er mir erzählt, dass seine alleinerziehende Mutter ihn aus der Wohnung geschmissen hat, da sie mit dem Verhalten einfach überfordert war", berichtet Schlenzig, der Alexander hilft, sein Leben in den Griff zu bekommen.

"Ich bin gemeinsam mit Walter auf der Suche nach einer eigenen Wohnung, versuche meinen Schuldenberg abzubauen und meine Bewährungsauflagen zu erfüllen", sagt Alexander. Dafür werden sie in Kontakt zu Wohnungsbaugesellschaften treten, die Bewährungshilfe regelmäßig aufsuchen sowie Alexanders Alkoholkonsum deutlich reduzieren.

Bei der Zusammenarbeit treten auch Probleme auf, vor allem bei Drogenabhängigkeit: "Wir bieten zwar Suchthilfen an, eine kontinuierliche Arbeit ist jedoch nur schwer aufrechtzuerhalten. Gerade im jungen Alter sind die Jugendlichen oft abgelenkt und wollen sich lieber anderen Themen widmen als der Arbeit an ihren Problemen." Trotzdem gibt es für ihn und Dennis eine Sache, die beide motiviert, trotz Komplikationen weiterzuarbeiten. "Wenn ich sehe, dass die Jugendlichen einen Schritt vorankommen, also zum Beispiel einen Antrag beim Amt gewährt bekommen, freue ich mich jedes Mal tierisch. Gemeinsame Erfolge feiern zu können, zu sehen, dass Jugendliche eine Motivation dafür haben, ihre Zukunftswünsche zu erreichen, das ist es, was mich in meiner Arbeit zufrieden macht."

Informationen zum Beitrag

Titel
Sein Leben in den Griff kriegen
Autor
Lisa Weickert
Schule
Katholische Schule Liebfrauen , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2017, Nr. 181, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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