Problemfans im Blick

Kommissar Neumann ist ein szenekundiger Beamter

Szenekundiger Beamter ist nicht gerade die beliebteste Tätigkeit bei Polizisten. Viele möchten diese Aufgabe nicht übernehmen, da man keine freien Wochenenden hat. Vor allem für Polizeibeamte mit Familie ist das ein Grund, sich gegen diese Tätigkeit zu entscheiden. Ein weiterer Grund, sagt Thomas Neumann, sei, dass es ab und zu vorkomme, dass man nach einem Spiel mit einem blauen Auge nach Hause komme. Seit 16 Jahren ist der Polizeihauptkommissar als szenekundiger Beamter für den VfR Aalen tätig. Sein Büro befindet sich in der Stadtmitte von Aalen im Polizeirevier im zweiten Stock.

An der Wand hängen ein Wimpel des Fußballdrittligisten VfR Aalen sowie ein Fanpullover und ein Fanschal. Es gibt einen Schrank, an dem eine schusssichere Weste und eine Uniform hängen, das Einzige, was darauf hindeutet, dass hier ein Polizeihauptkommissar arbeitet. Thomas Neumann sitzt in Jeans und Lederjacke am Schreibtisch, vor ihm stehen eine Tasse Kaffee und ein Laptop. Seine Aufgaben lassen sich in zwei Bereiche unterteilen, berichtet er: Zum einen beschafft er Informationen über Problemfans und zum anderen bestimmt er mit den gesammelten Informationen die passende Anzahl an Einsatzkräften für ein Heimspiel. Neben der Arbeit im Büro hat Neumann hin und wieder den direkten Kontakt zu den Problemfans und ist bei jedem Fußballspiel mitten im Geschehen der Ultragruppierung dabei.

Vor 16 Jahren begann Neumann mit dieser Arbeit. "Da ich einer der Jüngeren im Dienstzweig und bereits als Trainer und Schiedsrichter sportlich vorbelastet war, war die Entscheidung für mich damals nicht schwer." Zudem seien die Wochenenden für ihn als Ledigen weniger wichtig als für seine Kollegen, die Familienväter sind. Seit Anfang der achtziger Jahre setzt die Polizei szenekundige Beamte zur Erkenntnisgewinnung über Strukturen und Akteure in den Fußballfanszenen ein. Insgesamt sind so rund 140 Polizeibeamte im Einsatz. Die speziell geschulten Beamten treten stets in ziviler Kleidung auf. "Wir beobachten die als potentielle Störer ausgemachten Fans nicht nur im Stadion, sondern versuchen sie möglichst immer auch auf den Anreisewegen zu Auswärtsspielen zu begleiten", sagt Neumann. Sie stehen der Polizeieinsatzleitung bei Heim- wie auch Auswärtsspielen zur Verfügung und arbeiten eng mit den Vereinen zusammen. So sind sie bei Sicherheitsbesprechungen zu wichtigen Spielen anwesend und tauschen sich regelmäßig mit dem im Verein Verantwortlichen aus und leisten direkte Aufklärungsarbeit bei Straftaten im Zusammenhang mit Fußballspielen. In der 2. und 3. Bundesliga werden meistens zwei szenekundige Beamte je Fußballverein eingesetzt. In der 1. Bundesliga können es aber auch bis zu sieben szenekundige Beamte sein.

Vierzehn Tage vor einem Heimspiel beginnt für den Hauptkommissar zusammen mit seinem Partner die Vorbereitungsphase. Zuerst müsse der Kontakt zu den szenekundigen Beamten der anderen Mannschaft aufgenommen werden. Zusammen könne dann der Risikofaktor beim Aufeinandertreffen der Ultragruppierungen eingeschätzt werden. In der weiteren Vorbereitungszeit werden zusätzliche Informationen über das kommende Spiel gesammelt. Zum einen durch die Einzelgespräche mit den Rädelsführern der Ultragruppierungen, aber auch durch die Recherche im Internet auf Seiten der Ultragruppierung können mögliche Vorhaben rechtzeitig erkannt werden. Dies beeinflusse später seine Hauptaufgabe, nämlich dem Polizeiführer bei der Bestimmung der Einsatzkräfte zu helfen.

"Auch müssen wir in Erfahrung bringen, auf welche Art und Weise die Fans anreisen." Sollten sie mit dem Zug anreisen, müssten Einsatzkräfte auch auf dem Weg vom Bahnhof zum Stadion stationiert werden, um eine sichere Anreise für alle Fans gewährleisten zu können. "Am einfachsten ist es, wenn die Fans mit Bussen direkt zum Stadion gebracht werden, am schwierigsten, wenn sie mit privaten Pkws anreisen", sagt der Polizist, dessen Aufgabe nicht mit der Anzahlbestimmung der Einsatzkräfte und dem Verfassen des Einsatzberichtes zu Ende ist. Auch am Spieltag ist seine Anwesenheit bei der Sicherheitsbesprechung vor dem Spiel und beim Spiel im Stadion nötig. "Ich bin als Ansprechpartner für die Sicherheitskräfte und für deren Koordinierung zuständig."

Trotz allem kommt es immer wieder zu Ausschreitungen bei Fußballspielen. Diese Erfahrung musste auch Thomas Neumann schon machen. "Vor drei Jahren beim Heimspiel des VfR Aalen gegen den FC Ingolstadt kam es nach einem friedlichen Spiel zu einer unerwarteten Situation. Fans des VfR Aalen bewarfen mit Steinen abreisende Fanbusse des FC Ingolstadt." Diese Aktion der Aalener Fans konnte nicht vorhergesehen werden, da sie spontan über Whatsapp geplant worden sei. "Zum Glück kam es nur zu einem Sachschaden, und alle Fans des FC Ingolstadt blieben unversehrt, dennoch vergisst man solche Situationen nicht so einfach."

Viele halten die Arbeit von szenekundigen Beamten deswegen für nutzlos, da oft genug von Ausschreitungen bei Fußballspielen berichtet wird. Und die Ultragruppierungen fühlen sich von den szenekundigen Beamten genauso wenig verstanden wie von anderen Beamten. Neumann sieht das natürlich anders. Zwar könne er nicht immer jede Situation optimal lösen, aber zumindest zufriedenstellend für alle Beteiligten. Ein weiterer Anreiz sei für ihn der Umgang mit den Menschen und das Verstehen der Szene. "Trotzdem freue ich mich, nach einer langen Saison und vielen anstrengenden Wochenenden erst einmal auf meinen wohlverdienten Urlaub, der mir während der Saison verweigert ist."

Informationen zum Beitrag

Titel
Problemfans im Blick
Autor
Thilo Hartel
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2017, Nr. 181, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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