Hochgefühle über dem Hunsrück

Die Hängeseilbrücke zieht scharenweise Touristen an

Schwindelnde Tiefe, schwankender Boden. Beim Begehen der Hängeseilbrücke Geierlay im Hunsrück wird es einem ein wenig flau im Magen. Stahlseile tragen die Brücke und sind fest im Felsen verankert, parallel zum Laufsteg verlaufen Windlastseile, die zur Stabilität beitragen und im Notfall die Brücke allein halten können. Es ist also alles zu einhundert Prozent abgesichert, und dennoch trauen sich die wenigsten auf die Hängeseilbrücke, wie Ingo Börsch, einer der drei selbsternannten "Brückenträumer" verrät: "Es sind viele, die nicht drüber gehen." Wer es von der Mörsdorfer auf die Sosberger Seite geschafft hat, der darf sich, da er Mut bewiesen hat, ein Armband mit der Aufschrift: "Ich bin drüber" kaufen. Die Geierlay lässt sogar Hunde zu Angsthasen werden: "Manche müssen getragen werden, manche werden gezerrt, manche gehen gar nicht, und andere merken überhaupt nichts", sagt der in Jeans und Hemd gekleidete grauhaarige Mann.

Wer sich auf die Brücke traut, kann sich auf eine wunderschöne Aussicht inmitten des Mörsdorfer Bachtals, einem Seitentals der Mosel, freuen. In ungefähr 100 Meter Tiefe plätschert der Mörsdorfer Bach, Baumkronen reihen sich aneinander, leichte Windzüge sorgen für ein Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit. Es ist keine Frage, warum die Geierlay-Hängeseilbrücke zu einem Magnet für Touristen im Hunsrück, Saar- und Moselland geworden ist. Auch Besucher aus dem Rhein-Main-Gebiet, dem Ruhrgebiet und den Niederlanden reisen für einen Tagesausflug an. Davon profitieren Wirtschaften und Restaurants. "Die Idee war, dass der Tourismus gefördert wird, und das kommt ja der ganzen Region zugute." Auch die Gemeinde Mörsdorf profitiert, durch die Einnahmen der Parkgebühren kann sie sich jetzt einen Gemeindearbeiter leisten, der das Dorf von Müll befreit und viele Arbeiten, die im Ort anfallen, übernimmt. Aber reich werden war nie das Ziel der Brückenträumer: "Es war für uns von Anfang an klar, dass wir keinen Eintritt für die Brücke nehmen wollen", sagt Börsch. "Das Schöne an der Brücke ist ja auch, dass sie immer und zu jeder Zeit zugänglich ist." Trotzdem sollte man die Brücke nicht immer betreten, vor allem bei Sturm, Unwetter und Glätte wird empfohlen, sich von ihr fernzuhalten. Wer es dennoch tut, tut dies auf eigene Gefahr. Die Idee des Baus der Brücke hatte Ingo Börsch in Kanada. Begeistert von der Capilano Suspension Bridge in Vancouver fragte er sich, warum wir eine solche Hängeseilbrücke nicht auch im Hunsrück haben. "Wir haben eine so wunderschöne Landschaft, die Kerbtäler haben alle eine wahnsinnige Naturausstattung." Jetzt musste man die Leute von der Idee überzeugen, was nicht so leicht war: "Da hat ja am Anfang niemand dran geglaubt. Die Leute haben alle gesagt, dass wir verrückt seien." Marcus Kirchhoff und Hans-Peter-Platten waren wie Ingo Börsch sofort begeistert und sahen das Potential der Hängeseilbrücke. Doch mit einem solch großen Ansturm hatten alle nicht gerechnet. "Wir mussten auf die Schnelle erst einmal Parkplätze schaffen. Die Besucher hätten uns hier alles zugeparkt, das wäre ein Chaos geworden", erklärt der 59-jährige Verwaltungsbeamte.

Die Hängeseilbrücke ist nicht direkt mit dem Auto erreichbar. Sie liegt rund einen Kilometer von Mörsdorf entfernt. Das hält niemanden davon ab, sie zu besuchen: "Das ist wirklich der Wahnsinn, wer da alles kommt, da kommen sogar Menschen mit Krücken und ältere Damen mit Gehstöcken", sagt Börsch begeistert. Es ist auch möglich, die Hängebrücke mit dem Rollstuhl zu befahren, allerdings muss dieser geschoben werden, da die Steigung der Brücke zu groß ist.

Viele Wanderer und Gruppen mit Pferden kommen vorbei, wobei Pferden das Betreten der Brücke aus Sicherheitsgründen untersagt ist. Der Saar-Hunsrück-Steig verläuft genau unter der Brücke und ist durch Zuwege schnell zu erreichen. Zusätzlich werden Rundwege mit unterschiedlichen Längen angeboten. Viele kommen auch nur, um Fotos zu machen - ob Profifotografen, Hobbyfotografen oder Besucher mit Drohnen. "Letztens war eine Riesengruppe da, die haben da Modenschau und Fotos gemacht", erzählt Börsch amüsiert. "Einmal hab ich abends ein Pärchen getroffen, die haben sich da abgeseilt." Abseilen? Darf man auch Bungeespringen? Diese Frage beantwortet Börsch mit einem klaren "Nein!". Das würde die Brücke zu sehr belasten, und so etwas war auch nie eine Intention beim Bau. "Das wollen wir nicht, es soll ja kein Rummel im Wald sein."

Informationen zum Beitrag

Titel
Hochgefühle über dem Hunsrück
Autor
Michelle Gabriel
Schule
Lina-Hilger-Gymnasium , Bad Kreuznach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2017, Nr. 281, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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