Schöner malen für Menschen mit Behinderung

Ein hessisches Paar bietet in der Bretagne Kunst-Urlaub an / Mit dem Skizzenbuch nach Concarneau

Das Schild mit der blauen Aufschrift "Pontage" weist zum Ziel. Ein holpriger Weg führt zu einem Gelände, das von Büschen umrahmt ist, um die Bewohner vor neugierigen Blicken zu schützen. Drei Gebäude und eine riesige Wiese kommen zum Vorschein. Es gibt eine Feuerstelle, einen Holzpavillon und eine Bar aus Steinen. Die drei Häuser waren früher ein Bauernhof, dann wurden die Ställe zu Wohnungen umgebaut. Sie sind in der typisch bretonischen Bauart errichtet, Stein auf Stein. Manni Lieb und Gertrud Schwab heißen ihre Gäste herzlich willkommen.

Mit ihrem Projekt Pontage, Französisch für "Brücken bauen", bieten die beiden seit 19 Jahren Urlaub für Familien, Freunde, Gruppen oder Einzelreisende an. Auch Menschen mit Behinderungen zählen zu den Gästen. Sozialpädagoge Manni Lieb wollte gemeinsam mit Sonderpädagogin Gertrud Schwab einen Ort erschaffen, der für jedermann geeignet ist. Wie der Name ihres Projekts sagt, geht es darum, Barrieren aus dem Weg zu schaffen und Menschen zusammenzuführen. "Wir bieten hier Malworkshops für Menschen mit Behinderung an, gemeinsam mit einer befreundeten Künstlerin aus Darmstadt. Natürlich darf an diesen Workshops jeder teilnehmen, der Lust auf Kunst und neue Begegnungen hat und kreativ sein möchte. Eine Behinderung zu haben ist dabei keine Bedingung. Im Gegenteil - es geht uns mehr darum, verschiedene Menschen zusammenzuführen", schwärmt Lieb. Seine Freude an seiner Arbeit kann man ihm vom Gesicht ablesen. "Na klar ist es Arbeit, aber bei unserem Projekt sind die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit oft fließend, und das ist für uns anstrengend, aber schön."

Gertrud und Manni lieben das Land, die Sprache und die Kultur Frankreichs, das sie seit mehreren Jahren bereisen. Französisch lernten sie erst nach ihrem Umzug in die Bretagne. "Davor konnte ich ein besseres Urlaubsfranzösisch. Gertrud hatte Französisch in der Schule, aber das ist auch schon lange her", erzählt Manni Lieb. Angst, etwas könne schieflaufen bei ihrem Projekt, hatten die beiden nicht. "Darüber haben wir nicht viel nachgedacht, denn wenn du damit anfängst, dann findest du tausend Gründe, etwas nicht zu machen." Mit Mut, Risikobereitschaft und der Überzeugung, dass sie etwas Gutes tun, haben sie es geschafft, sich ihren Traum in der Bretagne aufzubauen. Erste Berührungen mit Menschen mit Beeinträchtigung hatte Manni Lieb durch seinen Zivildienst in einem Wohnheim in Miltenberg. Er entschied sich zuerst für eine Ausbildung zum Erzieher, anschließend studierte er Sozialpädagogik in Frankfurt. Das Studium finanzierte er durch eine Halbtagsstelle als Erzieher in einem Behindertenwohnheim. "Mein Studienschwerpunkt war zwar die Jugendarbeit, aber die Arbeit mit Menschen mit Behinderung habe ich immer als großen Gewinn und als sinnvoll gesehen."

Dazu haben sie sich viele Aktivitäten ausgedacht. Eines der Angebote ist der Wanderurlaub für Menschen mit Behinderung. Über mehrere Tage hinweg wandert eine kleine Gruppe rund 100 Kilometer an der bretonischen Küste entlang. Die atemberaubende Sicht aufs Meer gibt es kostenlos. Morgens geht es mit dem Auto zur Küste. Die Wege sind meist eng und nicht mehr als ein Trampelpfad. Auf der einen Seite schlagen die Wellen gegen die Klippen. Ab und zu ragt ein Strandhaus aus den Weiden. Alle entspannen. Wenn sich alle einig sind, sie seien für den Tag genug gelaufen, wird auf das Auto für die Rückfahrt gewartet. Am nächsten Morgen geht es zum nächsten Streckenabschnitt.

Daneben gibt es auch Kunst- und Malprojekte, bei denen sich die Teilnehmer den Urlaub mit einem Thema beschäftigen und dies im hauseigenen Atelier künstlerisch umsetzen. Vormittags wird in der Werkstatt gearbeitet, nachmittags wird ein Ausflug unternommen zu allen möglichen Orten, die es in der Nähe gibt. Beliebt sind atemberaubende Strände wie beispielsweise Sables Blancs, Le Cabellou oder Plage de Tahiti. Aber auch die Altstadt von Concarneau "Ville Close" ist ein guter Ort, um Inspirationen zu finden.

Dabei führen die Künstler immer ein Skizzenbuch mit. Das hilft ihnen, die Eindrücke besser festzuhalten. Am nächsten Morgen werden diese vielen skizzenhaften Zeichnungen mit Acrylfarbe, Pinsel, Rolle und Spachtel in großformatige Kunstwerke verwandelt. Viele der Kunstprojekte sind in Zusammenarbeit mit Heidi Schrickel, Mitbegründerin des Ateliers Freifarbe in Ober-Ramstadt im Landkreis Darmstadt-Dieburg, entstanden. Sie sucht Teilnehmer und organisiert Ausstellungen, bei denen die Kunstwerke präsentiert werden. "Dabei wurden schon manche der Gemälde verkauft. Entweder hier in der Bretagne oder auch in Deutschland auf einer kleinen Ausstellung. Das ist etwas, auf das man stolz sein kann", sagt Lieb.

Die Arbeit mit behinderten Menschen kann hart und anstrengend sein, aber es gibt auch wunderschöne Momente, in denen einem das Herz aufgeht. "Wir hatten eine Gruppe aus dem Raum Offenbach bei uns und gleichzeitig eine Familie im anderen Haus. Einer aus der Gruppe fand die rote Jacke der Frau sehr schön, und jeden Tag fragte er sie, ob er die Jacke haben könnte. Am Ende des Urlaubs hat sie ihm die Jacke in der Tat geschenkt, und er war überglücklich", sagt Gertrud Schwab.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schöner malen für Menschen mit Behinderung
Autor
Marie Lieb
Schule
Hermann-Staudinger-Gymnasium , Erlenbach am Main
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2018, Nr. 24, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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