Wenn es kracht, sind die Unfallforscher zur Stelle

Dresdener Wissenschaftler erheben 3400 Parameter und arbeiten jeden Unfall rund 30 Stunden lang auf

Die Wolken hängen tief an diesem grauen Morgen in der Dresdener Stauffenbergallee. Mirko Vogt, ein großgewachsener Mann, sitzt einen Moment wie gelähmt in seinem Ford Focus, er spürt einen stechenden Schmerz im Nacken. Es hat gekracht, Auffahrunfall wie im Lehrbuch. Anschließend folgt das übliche Prozedere: Polizei, Krankenwagen und so weiter. Doch dann wird der schwarzhaarige 52-Jährige noch einmal überrascht: Ein Mitarbeiter der Verkehrsunfallforschung der TU Dresden spricht ihn an. "Ich war im ersten Moment total überrumpelt, ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt", staunt Vogt.

Die Verkehrsunfallforschung, VUFO, ging aus einem 1999 entstandenen Projekt der Technischen Universität Dresden hervor und wurde 2005 als eigenständige Firma ausgelagert. Ihr Ziel ist es, die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen und Unfälle zu verhindern. Dabei geht es sowohl um technische Verbesserungen der Autos als auch der Gestaltung der Verkehrswege. Diplomingenieur Uli Uhlenhof, Bereichsleiter der Datenerhebung bei der VUFO, berichtet: "Wir führen mit den Beteiligten ein Gespräch und wollen natürlich rausfinden, wie es zu dem Unfall gekommen ist und wie sie den Unfall wahrgenommen haben. Wir erheben zuerst allgemeine Personendaten wie Alter und Geschlecht. Neben männlich und weiblich gibt's bei uns auch noch schwanger", lacht er. Da alles auf freiwilliger Basis geschieht, wurde auch Mirko Vogt erst um sein Einverständnis gebeten.

Die Aufarbeitung des Unfalls folgt einem festen Schema. "Ganz grob gesagt, erstellen wir eine technische und eine medizinische Datenbank, eine Unfallskizze und eine Bilddokumentation", erklärt der Experte mit strahlend blauen Augen. Dabei werden durchschnittlich 3400 Parameter erhoben, das klingt im ersten Moment nach viel, doch jedes noch so kleine Detail muss erfasst werden, um den Unfall rekonstruieren zu können. Dazu fahren zwei Techniker und ein Mediziner zum Unfallort, sie werden von einem Koordinator gesteuert. Das vierköpfige Team verbringt im Schnitt zwar nur eine und eine Viertelstunde am Unfallort, doch die Aufbereitung eines Falles dauert durchschnittlich 30 Stunden, und das bei rund 1000 Unfällen im Jahr.

Die erhobenen Daten, so auch die von Mirko Vogt, fließen in die Datenbank der German In-Depth Accident Study, Gidas. Vorher werden sie natürlich anonymisiert, das fordern die strengen Datenschutzrichtlinien. Gidas ist ein Sammelbecken für die Informationen aus Dresden und der Verkehrsunfallforschung der Medizinischen Hochschule Hannover. Automobilhersteller können diese Daten auswerten, um ihre eigene Technik zu verbessern. Denn ein Automobilhersteller, der damit werben kann, dass sein Auto noch sicherer ist, hat größere Verkaufschancen. Uli Uhlenhof weiß um das Interesse der Produzenten: "Mittlerweile ist das ein riesengroßes Marketinginstrument."

Ausgerechnet zwei Tage vor dem Autounfall hatte Mirko Vogt einen Unfall mit seinem Fahrrad. Es ist dunkel. Die beiden Fahrradfahrer, der eine fährt auf der falschen Seite, der andere hat kein Licht, beide dunkel angezogen, prallen aufeinander. Die Folge sind Hämatome im Gesicht. "Deswegen bin ich ja dann mit dem Auto gefahren", erzählt der sportliche Mann kopfschüttelnd. "Bei diesem Unfall war niemand, der mich befragt hat. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich nur mit dem Fahrrad und nicht mit dem Auto unterwegs war." Uhlenhof erklärt, dass es mehrere Gründe geben kann, warum dieser Fall nicht untersucht wurde, doch am Verkehrsmittel liegt es nicht. "Schon ein Fahrradfahrer allein, der in den Straßengraben fährt, zählt als Unfall, und das kommt gar nicht so selten vor", schmunzelt er. Ob der Unfall vom Team angefahren wird oder nicht, hängt auch davon ab, dass es mindestens eine verletzte Person geben muss. Zusätzlich gibt es ein festgelegtes Erhebungsgebiet. Der Fahrrad-Unfall könnte passiert sein, während nicht das Team um Uli Uhlenhof, sondern das in Hannover Dienst hatte. Die Schichten sind so abgestimmt, dass der ganze Tag abgedeckt wird. Auch der Unfallzeitpunkt könnte die Ursache dafür sein, dass der Zusammenstoß nicht dokumentiert wurde. Die VUFO ist direkt an die Führungslage der Polizei gekoppelt und erhält die Nachricht über einen Unfall. Dieser wird bearbeitet, und danach fährt das Team den Unfall an, der zuletzt gemeldet wurde, dazwischenliegende Unfälle werden also nicht betrachtet. "Die Leute fragen uns immer: Warum seid ihr nicht bei dem und dem schweren Unfall gewesen, aber wir wollen ein realistisches Abbild des gesamtdeutschen Geschehens erstellen", erläutert Uhlenhof.

Natürlich gehören Blut und Schwerverletzte auch zum Berufsalltag, manchmal müssen die Experten den Opfern ins Krankenhaus nachfahren. "Für mich ist sichtbar, wie die Maßnahmen greifen. Die Bilder, die ich als Student gesehen habe, waren noch ganz andere als die, die ich jetzt sehe", sagt Uhlenhof, der seit sieben Jahren in der Unfallforschung arbeitet und an der TU Dresden sein Diplom als Verkehrsingenieur erlangte. Die Anzahl der Verkehrstoten geht stetig zurück. Die Fahrzeuge sind sicherer, und Insassen sind deshalb seltener schwerverletzt.

Mirko Vogt hat den Unfall leichtverletzt überstanden, nur das blaue Auge vom Fahrradsturz und die Halsmanschette vom Auffahrunfall erinnern daran. Seine Daten helfen vielleicht, dass solche Unfälle in Zukunft weniger werden.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wenn es kracht, sind die Unfallforscher zur Stelle
Autor
Tatjana Gieland
Schule
Romain-Rolland-Gymnasium , Dresden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2018, Nr. 30, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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