Design kann nicht demokratisch sein

Auf der Welt tüfteln 600 Menschen an neuen Modellen für Mercedes. Die Fäden hält Gorden Wagener fest in der Hand. Denn je mehr mitreden, umso mehr verwässert das Ganze, findet der Designer.

Bitte amtliches Dokument bei Anmeldung vorlegen" - dieser Aufforderung verleiht ein Warnschild Nachdruck, das am Tor des Mercedes-Benz-Werkes in Sindelfingen angebracht ist. Der Weg hinein führt nur durch eine Zufahrt, die durch Schranken abgesichert ist und regelmäßig von Testfahrzeugen, deren gesamte Karosserie mit Folien abgeklebt ist, passiert wird. Besucher verschaffen sich Zugang über ein Anmeldehaus. Auch hier machen etliche Warnschilder auf Bestimmungen aufmerksam, die für das Areal gelten: Fotoverbot, mitgeführte Gegenstände anmelden. Das Sicherheitspersonal kontrolliert Ausweise, Kameras von Mobilfunkgeräten, Laptops werden abgeklebt.

Betritt man das rund 100 Meter entfernte größere Gebäude, in dem das Designteam arbeitet, müssen Handys, Laptops und Taschen in Schließfächern verstaut werden. Der Weg führt durch mehrere Sicherheitstüren. "Weil wir hier die Zukunft gestalten, ist alles so geheim", erklärt Gorden Wagener, Chief Design Officer der Daimler AG, in seinem Büro im Herzen des Hauses. Auf einem Sims steht eine Reihe verschiedener Mercedes-Benz-Modelle, darüber schmücken Ölgemälde des gebürtigen Esseners die Wand. "Schon als Kind zeichnete ich Fahrzeugentwürfe auf die Schulbänke", erinnert sich Wagener, der später Industrial Design in Essen und Transportation Design am Royal College of Arts London studierte. Er sitzt leger gekleidet an seinem Glastisch mit sternförmigem Standfuß. In seinem stylischen Büro bei Stuttgart ist der 49-Jährige aber nur selten anzutreffen, da er neben der Entwicklung des Autodesigns, neuer Marken- und Designstrategien und seinen Managementtätigkeiten auch in den verschiedenen internationalen Designstudios der Daimler AG vor Ort ist. Obwohl er das spannend findet, liebt er es am meisten, abends oder am Wochenende an den Tonmodellen neuer Autos zu arbeiten. "In den Creating-Prozess eines Autos stecke ich viel Dedication und Herzblut", sagt Wagener, dem rund 200 000 Menschen auf Instagram folgen, über den Designprozess. Dieser läuft bei jedem Fahrzeug nach einer bestimmen Reihenfolge ab. Verschiedene Designteams stellen sich zunächst der Aufgabe, ein neues Auto nach zuvor festgelegten entwicklungstechnischen Vorgaben zu entwerfen. Jedes von ihnen geht die Herausforderungen individuell an, wobei nach und nach nur die besten Ansätze ausgewählt und weiterverfolgt werden. Der Designprozess an sich beginnt immer mit einer Zeichnung, indem die Designer ihre Ideen auf Papier und dann in Form eines Renderings in differenzierteren Ansichten digital auf den Rechner bringen. In einem nächsten Schritt wird das sogenannte Package erstellt. Dies macht erstmals realistische Dimensionen und Proportionen deutlich, sodass die geometrischen Vorgaben ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Nach der Betrachtung des Entwurfs mit Hilfe eines virtuellen Modells wird das erste dreidimensionale Modell zuerst im Maßstab 1 zu 4 und letztendlich auch im Maßstab 1 zu 1 erstellt. Abschließend vereint man das Exterieur mit den Modellen des Interieurs zu einem finalen Modell, das schließlich als Vorbild für das erste Auto genutzt wird.

All diese Designprozesse, an denen weltweit mehr als 600 Mitarbeiter beteiligt sind, laufen bei Gorden Wagener zusammen, der letztlich entscheidet, welche Fahrzeugideen ausgewählt werden. "Je mehr in einem Projekt mitreden, desto mehr verwässert das Design. Deshalb kann Design nicht demokratisch sein", erklärt er resolut. Diese Vorgehensweise gilt für alle Abteilungen in seinem Designbereich, die alle ihre Besonderheiten mit sich bringen.

"In unserem Advanced Design ticken die Uhren zum Beispiel schon im Jahre 2030", sagt Wagener, indem er auf seine analoge Armbanduhr zeigt. In dem von Steffen Köhl geleiteten Team arbeiten die Visionäre der Daimler AG, denn sie designen Fahrzeuge, die erst in zehn Jahren auf der Straße zu sehen sein werden. Dafür steht Köhls Abteilung in Sindelfingen in engem Kontakt mit den vier weiteren Advanced Design Studios der Daimler AG in Carlsbad und Sunnyvale in Kalifornien sowie in Como und Peking, wo Designer vor Ort ähnlich wie Seismographen stilistische Trends aus Kunst, Kultur und Architektur aufnehmen und deren weitere Entwicklung erspüren. "Die beste Art, Trends zu erforschen, ist jedoch die, selbst welche zu erschaffen", sagt der gebürtige Hesse Köhl. Dass das Advanced Exterior Design komplex und in weiter zeitlicher Ferne ist, bringt laut Köhl, der in Pforzheim Industrie- und Automobildesin studierte und seit fast 30 Jahren bei Daimler arbeitet, Herausforderungen mit sich: "Man muss sich manchmal auf einen kleinen Schwebeflug einlassen und die imaginären Seile, die einen am Boden halten, kappen." Nur so könnten mutig Fahrzeuge entworfen werden, deren Design Neuland betritt und in der fernen Zukunft überzeugt. "Das Design beeinflusst heute die gesamte Marke", erklärt Wagener den Paradigmenwechsel, der sich im Zuge der Digitalisierung nicht nur bei Mercedes vollzogen hat. "Die Welt wurde zu einer komplexeren. Und so wurde auch der Gestaltungsbereich viel umfangreicher." Wo früher gerade einmal fünf Baureihen entstanden, wird heute an 50 Fahrzeugen gleichzeitig gearbeitet. Dieser Wandel sorgte mitunter auch dafür, dass heute, so findet Steffen Köhl, jede Felge schon ein kleines Kunstwerk sein kann. "Die Fülle an Neuem muss jedoch nicht nur usable, sondern auch auf das Wesentliche reduziert sein", fordert Chefdesigner Wagener. Aus diesem Grund setzt er heute auf große Flächen und konkave Formen anstatt auf Linien und Kanten. Dabei hat auch das Prinzip "Form follows function" an Bedeutung verloren. Stellte früher das Design lediglich die Hülle einer Funktion dar, ist es heute die treibende Kraft und gibt den Ingenieuren den Rahmen für eine Funktion vor. "Mir haben bei dieser sehr deutschen rationalen Designschule schon immer die Emotionen gefehlt. Gutes Design löst Emotionen aus, spricht nicht nur die Ratio an." Auch Köhl vertritt diese Auffassung und erinnert an die Arbeit an dem Forschungsfahrzeug "Mercedes-Benz F015 Luxury in Motion". Die Advanced-Designer hatten die Idee, dass die Fensterscheiben des selbstfahrenden Autos von außen mit Chrom verspiegelt und von innen durchsichtig sein sollten. Nach einer langen Entwicklungsphase lösten die Ingenieure diese Aufgabe durch eine neu entworfene Drucktechnik, die eine einseitige Durchsichtigkeit ermöglicht. "Die Reibung mit den Ingenieuren ist ein Prozess, der essentiell für den Entstehungsprozess eines Autos ist", erklärt Köhl. Durch den Wettbewerb mit den Kollegen aus der eigenen Abteilung finde er Inspiration. "Ich sehe mich als eine Art Hochleistungskünstler", lacht Köhl über den außerbetrieblichen Druck, der ihn motiviert, von seinem Team designte Autos wie den F015 irgendwann auf der Straße zu sehen. Gorden Wagener, der sich als einen creative artist versteht, sieht beim Design keine Grenzen, weder von der Technik noch von wirtschaftlichen Faktoren oder Tradiertem. Ihn treibt bei seiner Arbeit vor allem eines an: "Wie jeder Designer möchte ich Ikonen schaffen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Design kann nicht demokratisch sein
Autor
David Schaeffert
Schule
Gymnasium Kenzingen , Kenzingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2018, Nr. 30, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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