Todesängste in der Biwakhöhle

Da oben kämpft jeder für sich und Gott gegen alle!" Man spricht nicht ohne Grund ab einer Höhe von rund 8000 Metern von der Todeszone. Das Atmen und Sichbewegen wird immer anstrengender, die Sinne sind benebelt, und klar zu denken fällt schwer. Doch, obwohl der Weg bis zum Gipfel nur noch aus Qualen und dem Kampf gegen das Aufgeben besteht, gibt es Menschen, die sich dieser Tortur freiwillig stellen, ja sogar viel Geld bezahlen, um den Gipfel zu erreichen. Hajo Netzer ist Bergführer. In jedem Urlaub und an den Wochenenden wurde und wird geklettert, gewandert oder Ski gefahren. Der humorvolle, aber auch ehrgeizige 54-Jährige wohnt nahe dem Tegernsee. Mit der Ausbildung und Prüfung zum Bergführer an der Technischen Universität München machte der gelernte Schreiner sein Hobby zum Beruf. Die wettergegerbten, markanten Gesichtszüge und das urige Aussehen des großen und hageren Bergsteigers lassen auf einen ausdauernden und zähen Menschen, reich an Erfahrung, schließen. Bekannt wurde Hajo Netzer 2001 durch das erfolgreiche Führen der ersten kommerziellen Expedition auf den 8125 Meter hohen und technisch sehr anspruchsvollen Nanga Parbat. Darauf war er mehrfach in Dokumentarfilmen zu sehen. Neben drei weiteren gemeisterten 8000ern - Shishapangma, Cho Oyu und Gasherbrum II - sieht er selbst als seinen größten Erfolg das Besteigen des knapp 3500 Meter hohen und wegen des extremen Wetters schwierigen Fitz Roy in Patagonien. Seine vernünftige, rücksichtsvolle und hilfsbereite Vorgehensweise machen Hajo Netzer zu einem begehrten Bergführer. Bei ihm geht es nicht um einen möglichst spektakulären und schnellen Aufstieg, sondern in erster Linie um Sicherheit und Menschlichkeit. So kam es vor, dass er einen Aufstieg nicht allein wegen schlechten Wetters und Problemen in der eigenen Gruppe abbrach, sondern auch um anderen Bergsteigern zu helfen oder Tote zu bergen und zu beerdigen. So geschehen 1996 am Mount Everest, als das schlechte Wetter, kleinere Unfälle in der eigenen Gruppe und das Helfen bei der Bergung von Lawinenopfern einen weiteren Aufstieg unmöglich machten. Er musste bei Lager 4 auf einer Höhe von knapp 8000 Metern, der letzten Station vor dem Gipfel, abbrechen und umkehren. Einige Teilnehmer zeigten sich fast verständnislos, da sie für die Besteigung rund 10 000 Euro bezahlt und sich sieben Wochen Urlaub genommen hatten. Neben der Enttäuschung bei seinen Kunden hat auch er mit dem Scheitern zu kämpfen. "Es macht mich schon traurig, und ich zermartere mir den Kopf, ob es nicht Alternativen gegeben hätte." Als das Gespräch auf den allgegenwärtigen Tod am Berg zugeht, wird der sonst sehr fröhliche und viel und laut lachende Oberbayer sehr ernst. "So eine Totenbergung beschäftigt einen schon. Da wird dir bewusst, dass immer etwas passieren kann. Deine eigene Verletzbarkeit wird deutlich." Sowohl sein Bruder als auch sein Vater verunglückten vor vielen Jahren in den Bergen tödlich. "Ich selbst war einmal mit einem Gast in einer lebensgefährlichen Situation. Mitten in der Nacht wachte ich in einer Biwakhöhle auf und bemerkte, dass wir eingeschneit wurden und der Sauerstoff immer knapper wurde. In Todesangst und mit letzter Kraft schaffte ich es, uns zu befreien." Die Geburt seiner Tochter schränkte ihn, obwohl er dadurch eine größere Verantwortung zu tragen hat, kaum ein. "Lediglich das Entscheiden in Extremsituationen ist anders: Ich kann leichter aufhören." Aber auch sonst merke er, sogar noch im permanenten Kampf kurz vor dem Gipfel, wo sein Limit sei. "Ein Abstieg bei Dunkelheitseinbruch bedeutet den fast sicheren Tod, und in so großer Höhe zu übernachten ist praktisch unmöglich." Weil er vom Bergsteigen allein nicht leben kann, hält er Vorträge und Seminare für die Managementabteilungen großer Unternehmen, bei denen es darum geht, wie man in komplexen Situationen entscheiden und die Kontrolle behalten kann. "Bergsteigen macht Spaß. Es ist die Auseinandersetzung mit sich, dem Wetter, der Gefahr und das Gefühl, am Ende richtig entschieden zu haben und wohlbehalten zurückzukehren. Außerdem bin ich am Ende auf mich allein gestellt und kann mich ganz auf mich konzentrieren. Hinzu kommt noch das Erlebnis, an die Grenzen des Körpers und der Leidensfähigkeit zu stoßen." Von besonderer Bedeutung sind für ihn die spektakulären Rettungen, die er am Mt. McKinley in Alaska oder am Cho Oyu durchgeführt hat. Auf dem Mount McKinley fand er einen Hilflosen und transportierte ihn ab. Am Cho Oyu bekam einer seiner Kunden auf etwa 8000 Meter Höhe die Höhenkrankheit und war deshalb nicht mehr in der Lage, sich aus eigener Kraft zu bewegen. Drei Tage lang stützten, zogen und trugen sie ihn, bis sie wieder eine Höhe erreicht hatten, auf der medizinische Hilfe und ein Abtransport möglich waren. "Solche Sachen sind physisch, aber auch psychisch extrem schwer. Man denkt die ganze Zeit: er oder wir. "

Informationen zum Beitrag

Titel
Todesängste in der Biwakhöhle
Autor
Julian Schöne
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.04.2010, Nr. 86 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180