Teneriffas Straßenhunde sind sein Familienersatz

Ich wusste nie, was ich mit meinem Leben machen wollte", sagt der 35-jährige Spanier Javier Solera (Name geändert) an einem sonnigen, windarmen Tag auf der Insel Teneriffa. Er sitzt, umgeben von sechs Hunden, im Schneidersitz am Strand mit einer Flasche undefinierbarem Alkohol in der Hand. Von diesem Punkt aus hat er einen Überblick über die Touristen, Händler und die Strandpromenade, ohne ein Teil davon sein zu müssen.

Er gehört nirgendwohin, seine Familie hat ihn schon lange aufgegeben, und er hat keine Geburtsurkunde, keinen Pass, keinen Beweis für seine Existenz. Javier Solera kam das erste Mal mit 19 Jahren auf die Insel. Er wuchs in der Nähe von Sevilla auf und hatte noch nicht viel von der Welt gesehen. "Als ich das erste Mal vom Festland hierüber kam, hatte ich gerade meinen Schulabschluss in der Tasche und wollte den Sommer damit verbringen, Geld für ein Studium zu verdienen." So weit sollte es aber nicht kommen: Er landete am Flughafen, fuhr zu dem Hotel, in dem er als Entertainer arbeiten sollte, wurde an seinem zweiten Tag dabei erwischt, wie er einer alten Dame die Uhr klauen wollte, und wurde entlassen. "Ich war jung und dumm und habe mein Leben nicht ernst genommen, ich habe nicht verstanden, was das für Konsequenzen haben würde." Er wurde aus dem Hotel geworfen, aber anstatt nach Hause zu fliegen, entschied er sich zu bleiben und schlief ein paar Nächte am Strand. Dort traf er einheimische Jugendliche, die ihm anboten, ihn bei sich wohnen zu lassen und ihm einen Job zu vermitteln.

"Es war Sommer, ich wollte was erleben, nicht nach Hause gehen und das Leben leben, das meine Eltern sich für mich vorgestellt hatten." Zunächst verlief alles gut, aber nach einiger Zeit fing er an, Drogen zu nehmen, die dann zu gesundheitlichen Konsequenzen und Geldproblemen führten. Hinzu kamen schwere Probleme mit der Leber. Diese halten ihn aber auch heute nicht davon ab, sich "einen zu gönnen". Javier Solera verließ die Insel nur einmal in 16 Jahren. Er flog nach Hause, um an der Beerdigung seiner Mutter teilzunehmen, die an einem Herzinfarkt gestorben war. Die Familie gab ihm die Schuld dafür, denn man wusste oft monatelang nichts von ihm. Und er hatte kurz vor dem Tod der Mutter einen Abschiedsbrief an seine Eltern und Geschwister verfasst, in dem er erklärte, dass er nie wieder zurückkommen würde und auch keinen Kontakt mehr wollte.

Hunde waren nicht Tiere, zu denen sich Javier Solera besonders verbunden gefühlt hatte, sie kamen nur eines Tages zu ihm und waren seit dem immer an seiner Seite. Er kümmert sich um sie, so wie er sich um sich selbst kümmern sollte; sich selbst vernachlässigt er allerdings schon lange. Wenn man ihn heute fragt, ob er einen Liebling unter den Hunden hat, schüttelt er den Kopf und lacht. "Ich habe zwar keinen Liebling, aber ich habe einen Hund, der mich an mein früheres Ich erinnert: jung und verloren."

Jeden Tag kommen neue Hunde, die auf der Suche nach Essen und Zuneigung bei Javier Solera landen. Er nimmt sie alle auf in seine kleine, fast zusammenfallende Hütte. Wenn er umherläuft, hat er auch mal 10 bis 30 Hunde um ihn herum, aber er baut nie innige Beziehungen zu den Tieren auf, da immer die Möglichkeit besteht, dass sie eines Tages nicht wiederkommen. Dies hängt unter anderem mit dem Bestehen vieler "perreras", den Hundetötungsstationen, zusammen.

"Meine Familie und Freunde haben sich von mir abgewendet. Sie werden mir nicht verzeihen. Aber die Hunde tragen mir nichts nach und werden mir immer vergeben." Javier Solera betrachtet den Sonnenuntergang, so wie jeden Abend. Seine Augen sind glasig und suchen nach irgendeiner Antwort in dem rötlichen Licht, eine Antwort auf all die offenen Fragen: Was geschieht morgen? Wo bekomme ich morgen zu Essen her? Wie bin ich hier gelandet? Zum Abschied sagt er: "Es geht nicht darum, dass es Hunde sind. Es geht darum, dass jemand da ist."

Informationen zum Beitrag

Titel
Teneriffas Straßenhunde sind sein Familienersatz
Autor
Sofia Walderdorff
Schule
Europäische Schule , Frankfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.03.2011, Nr. 57, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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