Ein Zuhause für die Ausrangierten

Schneewittchen hatte viele Besitzer. Immer wieder wurde das kleine Shetlandpony verkauft, musste viele kleine, aber auch viel zu große Reiter ertragen und erlebte nur ganz selten Liebe und Fürsorge. Wallach Rambo war der Hauptgewinn einer Verlosung und Kaltblüter. Jerry sollte auf einer Kirmes verschachert werden. Kuh Martha vegetierte in einem Gewächshaus, Kater Benji lag verwirrt im Straßengraben, und Mischlingsrüde Jackie war durch den Tod seiner Besitzerin plötzlich allein zu Haus. Barbara Deppe kennt die Schicksale, "und dass wir in einer Wegwerfgesellschaft leben, ist nicht wegzudiskutieren", weiß die 44-Jährige aus leidvoller Erfahrung.

Um "ausrangierten" Tieren ein neues und artgerechtes Zuhause zu verschaffen, gründete sie 1995 nahe Löningen im Landkreis Cloppenburg den Hagelhof. "Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum", nach diesem Motto hat sie einen alten Bauernhof samt Freiflächen gekauft und das Areal vorwiegend für Zwei- und Vierbeiner umgebaut. Mittlerweile tummeln sich rund 500 Tiere auf dem Gnadenhof, darunter auch Exoten, wie Mathilde, eine griechische Schildkröte, die Rhesusaffen Maggie und Jogi oder die Frettchen Amba und Roger. Alle haben einen Namen, und allen geht es, den individuellen Umständen entsprechend, tierisch gut.

Die Gründe, ein Tier abzugeben, auszusetzen oder verwahrlosen zu lassen, seien vielschichtig, erklärt die Hofbesitzerin. Sie berichtet von Stute Heidi als Scheidungsopfer und Stute Katja, die in einem fremden Garten einfach angebunden wurde. Schäferhündin Asta verbrachte fast ihr gesamtes Leben völlig isoliert in einem Zwinger. Sie kam zu spät zum Hagelhof und musste nach nur wenigen Wochen schwer krank eingeschläfert werden. Bewegend auch das Schicksal von Ziege Paula. Sie wurde im Winter in einem Zirkus geboren und kurz darauf auf einer Müllhalde entsorgt. Spaziergänger fanden das völlig unterkühlte und schwache Lamm und brachten es zum Hagelhof. "Es war ein Drahtseilakt", erinnert sich Barbara Deppe. Die kleine Ziege wurde mit der Flasche aufgezogen. Rund um die Uhr. Doch sie schaffte es und wuchs zu einem lieben Tier heran, das gerne kuschelt und die Nähe zum Menschen sucht. Besser erging es von Anfang an dem Eseltrio Sarah, Dana und Jockel, deren Zukunft ihre Besitzerin kurz vor ihrem Tod selbst verfügte. "Sie sollten zu uns kommen", sagt Barbara Deppe. Promi-Status hat RTL-Kuh Evi, bekannt als vierbeinige Bewohnerin des Big-Brother-Hauses. Sie lebte vor ihrem medialen Durchbruch in einem Milchwirtschaftsbetrieb. Als die Container-Staffel abgedreht war, suchte die Produktionsfirma einen geeigneten Platz für sie und fand schließlich den Hagelhof.

Kollegin Balma verbrachte ebenfalls einen Großteil ihres Lebens in einem Landwirtschaftsbetrieb. Der war einer psychiatrischen Klink angeschlossen und Patienten der Klinik kümmerten sich um die Tiere des Hofes. Als Balma geschlachtet werden sollte, konnten sie das nicht übers Herz bringen. Sie sammelten Geld, kauften die Kuh und machten sich auf die Suche nach einem Gnadenhof.

Durch einen Schutzvertrag ist auch der erblindete Trakehner-Wallach Hengsti nach seiner Karriere nicht beim Schlachter gelandet, und Schwein Babe musste aus liebevollen Händen abgegeben werden, weil sich die Nachbarn gestört fühlten. Auf Unverständnis stößt auch Barbara Deppe häufig. "Die Leute können nicht nachvollziehen, dass ich damit kein Geld verdiene und meine Arbeit aus Leidenschaft und der Verantwortung dem Tier gegenüber mache", betont sie. Doch der finanzielle Aspekt sei natürlich entscheidend. So fallen monatlich hohe Kosten für Futter und die tierärztliche Betreuung der zum Teil schwerkranken Tiere an, die über Spenden, Patenschaften und durch Mitgliedsbeiträge des Vereins "Hagelhof e.V" beglichen werden.

Tatkräftige Unterstützung erhält Barbara Deppe, die halbtags als Tierarzthelferin arbeitet, von ihrer Tochter, ihrem Lebensgefährten, der Hufschmied ist, und zwei Angestellten. An Urlaub sei jedoch nicht zu denken. Allein für die Fütterung werden am Tag acht Stunden kalkuliert, hinzu kommen Hege, Pflege "und täglich mindestens 20 Anfragen, ob wir nicht neue Tiere aufnehmen können". Doch die Grenze sei erreicht und die große Resonanz zeige, dass es weitaus mehr Gnadenhöfe geben müsse, appelliert die Südoldenburgerin, es ihr gleichzutun. Mit neuen Gehegen und einem Weidezelt hat sie ihren Hof gerade erst ausgestattet. Auch die Ställe wurden renoviert. Generell favorisiert Barbara Deppe die offene Haltung, nur die rund 140 Federtiere müssten nachts aufgrund von "Fressfeinden" eingesperrt werden. Harmonie herrscht auf dem Hof, weil das Beutetierschema Beachtung findet. "Natürlich kann man Hunde nicht zwischen Hühnern laufen lassen. Wir sind ja keine Arche Noah", sagt die Tierschützerin lächelnd. Jede Geschichte ihrer Tiere bewegt sie, und tagtäglich sieht sie sich bestärkt in der Aussage, die Mahatma Gandhi zugeschrieben wird: "Für mich ist das Leben eines Lamms nicht weniger wertvoll als das eines Menschen. Je hilfloser ein Lebewesen ist, desto größer ist sein Anspruch auf menschlichen Schutz vor menschlicher Grausamkeit."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Zuhause für die Ausrangierten
Autor
Juliana Rießelmann
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.03.2011, Nr. 57, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180