Gut, dass wir ihn haben

Mittwoch, 14 Uhr, Florian Blums Schicht hat gerade begonnen. Der 17-Jährige bringt den Bewohnern des Azurit Seniorenheims in Grünstadt Tee und Kaffee in den hellen Aufenthaltsraum. Zwei spielen "Mensch, ärgere dich nicht", andere unterhalten sich. Nachdem sie Forian erblicken, lächeln viele zufrieden. Eine Bewohnerin sagt: "Unser Florian ist immer so nett und höflich." Eine andere betont: "Außerdem bringt er uns gerne zum Lachen." Ein ergrauter Herr bemerkt: "Der Junge ist stets gutgelaunt. Gut, dass wir ihn haben." Florian grinst und freut sich über das Lob.

Als er die 9. Klasse der Dualen Oberschule im pfälzischen Eisenberg besuchte, machte er viele Praktika: Er half in einer Autowerkstatt, bei einem Gerüstbauer, in einer Lackiererei und im Einzelhandel. Ein Freund vermittelte ihm ein Praktikum im Seniorenzentrum Azurit in Grünstadt. "Anfangs war ich sehr skeptisch, da ich nie daran gedacht hatte, einen Pflegeberuf zu erlernen." Nach den ersten Arbeitstagen war seine Skepsis verflogen, und ihm wurde ein Ausbildungsplatz angeboten. "Da musste ich nicht lange überlegen. Endlich habe ich einen Beruf gefunden, der nicht nur vielseitig ist, sondern einen, der mich auch glücklich macht." Nach einem Jahr Ausbildung kann er sich Altenpflegehelfer nennen. Nach zwei weiteren Jahren ist er eine Pflegefachkraft/Altenpfleger.

"Zurzeit, also im ersten Lehrjahr, verdiene ich im besten Fall zwischen 600 Euro und 700 Euro. Es kommt drauf an, wie viel und wie oft man arbeitet." Ein Altenpfleger verdient zwischen 2000 Euro und 2400 Euro brutto. Im Pflegedienst arbeitet man in der Schichtarbeit. Um 6.30 Uhr beginnt die Frühschicht und endet um 14 Uhr. Die Spätschicht geht von 14 bis 21 Uhr. Dann beginnt die Nachtschicht, die um 6.30 Uhr endet. "Manchmal muss man sechs Tage hintereinander arbeiten. Klar, dass das sehr anstrengend ist." Wenn Florians Freunde am Wochenende freihaben, kommt es vor, dass er zur Arbeit muss. "Mit den Schicht-, Wochenend- und Feiertagsdiensten muss man natürlich erst einmal zurechtkommen. Das geht nicht so schnell. So hat jeder Job seine Licht- und Schattenseiten." Aus einem der Wohnräume ruft eine altersschwache Stimme: "Hallo, ich muss mal aufs Klo." Blum betritt das Zimmer einer Frau im Rollstuhl. Er schiebt die Schwerkranke zur Toilette. Einige Minuten vergehen, und nachdem die Frau fertig ist, hilft ihr der Azubi und bringt sie zurück zu ihrem Zimmer. Liebevoll bringt er ihr noch eine Tasse Tee vorbei. "Dann bis später", verabschiedet er sich.

Hier liegen viele Menschen mit fortgeschrittener Altersdemenz. Manche sind so gebrechlich, dass sie nicht mehr ihr Bett verlassen können. Andere scheinen nur noch auf den Tod zu warten. Florian wirft einen kurzen Blick in jeden Wohnraum und schenkt jedem ein freundliches Wort. "Es macht mich einfach glücklich, wenn ich merke, wie dankbar und zufrieden die Menschen hier sind und wie sie sich freuen, wenn sie mich sehen."

Seit er zehn Jahre alt ist, engagiert er sich bei der Freiwilligen Feuerwehr in Carlsberg im Landkreis Bad Dürkheim. "Ich glaube, dass ich schon immer eine Art Helfersyndrom hatte. Es macht mir einfach Spaß. Früher habe ich alte Menschen über die Straße geführt."

Zu den Aufgaben eines Altenpflegers gehören die Grundpflege der Heimbewohner sowie die medizinische Grundversorgung. Die Zimmer müssen aufgeräumt und es muss Nachtwache gehalten werden. Neben diesen medizinisch-pflegerischen Aufgaben beraten und betreuen die Altenpfleger die Bewohner in ihren persönlichen und sozialen Angelegenheiten. Sie geben Hilfen zur Erhaltung der selbständigen Lebensführung, organisieren Feiern und Ausflüge und begleiten die älteren Menschen bei Behördengängen und Arztbesuchen.

"Florian, kommen Sie doch mal einen Moment zu mir", bittet eine schwache Stimme. Nach zehn Minuten kommt Florian zurück: "Der Mann hat nur ein wenig Aufmerksamkeit gebraucht. Seit einigen Wochen muss er das Bett hüten und darf nicht aufstehen. Er ist darüber sehr traurig und braucht dann jemanden zum Reden. Leider wird er auch nur selten von seiner Familie besucht." Kurz wird er nachdenklich: "Natürlich tut mir der Mann sehr leid, und es gibt auch andere unangenehme Dinge in meinem Beruf. Es ist schrecklich, wenn ein Heimbewohner stirbt. Man denkt immer, dass man mehr hätte tun müssen, um demjenigen zu helfen. Anfangs macht man sich sehr viele Gedanken. Deshalb ist es nötig, Berufliches und Privates strikt voneinander zu trennen."

In einem der anderen Räume kontrolliert er die Flüssigkeitsaufnahme eines Bewohners. "Das ist wichtig, denn die alten Menschen trinken oft zu wenig, und man muss sie immer daran erinnern, sonst trocknen sie aus." Fehler dürfen ihm nicht passieren, sei es bei der Medikamentenausgabe oder im Umgang mit todkranken Bewohnern und deren Angehörigen. Plötzlich ruft eine laute energische Frau aus dem Aufenthaltsraum: "Donnerwetter, warum kommt denn keiner? Wie lange muss ich denn noch warten?" Florian schaut nach, was los ist. "Leider ist die 85-Jährige durch ihre Altersdemenz stark verändert. Sie kam gleich nach dem Tod ihres erst kürzlich verstorbenen Gatten hierher. Häufig ist sie stark verwirrt."

Nachdem er die Frau ein wenig beruhigt hat, geht er zum Ende des langen Flurs. "Wir beide gehen jetzt nach draußen, die frische Luft wird Ihnen guttun", sagt er zu einem weißhaarigen Herrn und streift dem unsicheren Mann eine Jacke über. Mit einer Gehhilfe erscheinen sie an der Eingangstür. Im Strahlen der Augen kann man erkennen, dass sich der Bewohner auf ein bisschen Abwechslung freut. Nach 20 Minuten kehren sie zurück, Florian setzt den Mann in den Aufenthaltsraum. "Hier sitzen die unterschiedlichsten Menschen. Glückliche, Liebenswerte, manche sind durch die Schwere ihrer Krankheit unausstehlich geworden. Genau das macht den Beruf auch so interessant."

Für eine kurze Teambesprechung treffen sich alle Kollegen in der Küche. Im Anschluss daran muss alles schriftlich dokumentiert werden. Jeder Bewohner hat eine eigene Akte, in der alles festgehalten wird, was sich während einer Schicht ereignet hat. "Das betrifft beispielsweise Pflegedetails wie Duschen oder Baden, die Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme sowie die Verdauung oder den Gemütszustand und die Verfassung der Bewohner." Florian betont: "Sollte einmal eine unangemeldete Prüfung erscheinen, dann heißt es gleich: Was nicht abgezeichnet ist, das wurde auch nicht gemacht."

Mit Berufserfahrung und Fortbildung kann Florian Pflegedienstleiter, Lehrkraft an einer Schule oder auch Heimleiter werden. "Mittlerweile habe ich einige Bewohner ins Herz geschlossen, und ich freue mich jeden Tag aufs Neue, meine Arbeit zu verrichten. Ich würde sagen, es ist sogar meine Berufung."

Informationen zum Beitrag

Titel
Gut, dass wir ihn haben
Autor
Florian Wessendorf
Schule
Leininger-Gymnasium , Grünstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2011, Nr. 63, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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