Mülltrennung mit Gringo aus München

Wie, du hast noch nie zum Frühstück Reis mit Banane bekommen?" Michael Gschlößl erinnert sich lächelnd an seine Zeit in dem Dörfchen Simon Bolívar im Nebelwald von Ecuador. Elf Monate verbrachte der Energietechnikstudent aus München seinen "Anderen Dienst im Ausland" als Zivildienstersatz in Ecuador, um dort als Teil des Projektes "Fincas Tropicales" Schulkinder in Englisch zu unterrichten.

"Am Anfang war das alles doch sehr gewöhnungsbedürftig", berichtet der von den Einheimischen meist "Gringo" genannte Michael. Er denkt dabei nicht nur an das Frühstück, sondern auch an die vielen Insekten, mit denen er sein Zimmer teilte, den Dorfhahn, der zuverlässig um zwei Uhr nachts zu krähen pflegte, und an die Montage, an denen sich alle Schüler zum Singen der Nationalhymne vor der Flagge aufstellen. "Aber meine herzliche Gastfamilie und die offene Art der Ecuadorianer machten mir die Eingewöhnung leicht." Verständigungsprobleme gab es trotz Spanischkurs in der Hauptstadt Quito, auch wegen des starken Dialekts seiner Gasteltern.

"Was mich am meisten verwundert hat, war die nichtvorhandene Disziplin", berichtet der 22-Jährige, wenn er nach seinen Erfahrungen als Englischlehrer gefragt wird. "Die Sieben- bis Zwölfjährigen, die ich vormittags unterrichtete, machten es mir jedenfalls nicht leicht." Das Interesse für den sympathischen, braunhaarigen Gringo mit heller Haut war größer als das für die Fremdsprache. Die Schüler machten wenige Fortschritte. Auch der Unterricht der einheimischen Englischlehrerin schien kaum Früchte zu tragen, so dass sich der Zivildienstleistende nach einer weiteren Aufgabe umschaute. "Dabei kam ich zu der Erkenntnis, dass, wenn ich hier tatsächlich etwas bewegen möchte, das nur kann, indem ich die Menschen motiviere, ihnen ein Stück der großen Welt zeige und vielleicht sogar so etwas wie ein gutes Vorbild bin." Was ihn am meisten erschreckt hatte, waren die Verschmutzung und die hygienischen Verhältnisse in seinem Dorf. "Ecuadorianer entsorgen ihren Müll entweder auf der Straße oder verbrennen ihn in ihrem Hinterhof." Darüber schockiert, bemühte er sich gemeinsam mit drei anderen jungen Deutschen, Aufklärungsarbeit in Sachen Müllentsorgung zu leisten.

Die Müllentsorgung ist ein altbekanntes Problem in Ecuador. Eine unterversorgte, aus Quito zentral gesteuerte Müllinfrastruktur und eine hohe Müllproduktion führten zu einem explosionsartigen Anstieg von wilden Mülldeponien, die aus gesundheitlichen und ökologischen Gründen bedenklich sind. "Das Enttäuschendste waren die Zivildienstleistenden aus aller Welt, die nach kürzester Zeit die Gewohnheiten der Ecuadorianer übernahmen und ihren Müll auf der Straße entsorgen", sagt Michael. "Für mich war klar, dass man da etwas tun muss."

Ein selbstgeschriebenes Theaterstück, das in den umliegenden Schulen von den vier "Neo-Ökos", wie Michael sich und seine Mitstreiter nennt, aufgeführt wurde, sollte den Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit Müll und die Idee des Recyclings näherbringen. 17 Schulen mit mehr als 2000 Kindern nahmen an dem Projekt teil, sammelten und trennten Müll, um diesen dann in den nahen Städten zu verkaufen. Von dem Erlös wurden beispielsweise Schaufel, Besen und Mülleimer für jedes Klassenzimmer gekauft. "Wenn man sieht, wie viel man mit so wenig lostreten kann, dann ist das schon ein begeisterndes Gefühl", freut sich Michael. Ein "Mülltag" wurde veranstaltet, um auch die Familien der Kinder für das Projekt zu gewinnen, Aufkleber und Flyer dienten als Werbung und zu Informationszwecken. Bei der Frage nach anderen Dingen, die der junge Deutsche den Ecuadorianern zeigen wollte, fährt sich Michael lachend durch den Drei-Tage-Bart. "Als eine Art Gastgeschenk habe ich ein Weißwurstfrühstück für meine Gastfamilie vorbereitet, und auch wenn wir Weißbier aus Plastikbechern tranken und ich anstatt eines ,Prost' nur ein ,Brust' zu hören bekam, war es ein voller Erfolg."

Was er selbst mitnahm, ist für den Studenten klar: Gelassenheit. "Die Ecuadorianer sind einfach gelassener, man nimmt nicht alles so furchtbar ernst wie hier. Ich glaube, dass man sich da in dem einen oder anderen Punkt durchaus ein Beispiel nehmen kann." Außerdem bewundert er die Offenheit und Herzlichkeit, mit denen er aufgenommen wurde, und den Zusammenhalt in den Familien. Diese spielen überhaupt eine viel größere Rolle als in Deutschland. Die Beziehung zu seiner Familie habe sich dadurch definitiv verbessert. Wie sehr ihn diese Zeit beeinflusst hat, zeigt seine Studienwahl - Energietechnik.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mülltrennung mit Gringo aus München
Autor
Henrik Spalek
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2011, Nr. 63, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180