313, ist der anwesend?

Tauglich oder nicht tauglich, das ist die Frage bei der Musterung in der Schweiz. Die jungen Männer werden nicht nur psychologisch gründlich getestet.

Gepäck hier abstellen und zuhören! Um zu schauen, ob alle anwesend sind, werde ich nun eure Nummern herunterlesen, und ihr antwortet mit einem Ja!" Früh morgens um halb sieben werden die jungen, stellungspflichtigen Männer durch die forsche Stimme des glatzköpfigen Rekrutierungsoffiziers Werner Hofmann im Empfangsbereich zum Zuhören gebracht: "313, ist der anwesend?" Als nach kurzer Zeit keine Antwort aus der wartenden Gruppe kommt, sagt der nun etwas missgestimmte Rekrutierungsoffizier: "Gruppenführer der Gruppe zwei, gehen und schauen Sie, wo der sich herumtreibt!"

"Der Rest von euch geht mit dem jeweiligen Gruppenleiter mit", tönt es in der Eingangshalle des Rekrutierungszentrums Windisch. Jeder junge Mann, der hier eintrifft, hat ein persönliches Schreiben nach Hause geschickt bekommen, in dem steht, dass er sich zu stellen hat, um seinen obligatorischen Militärdienst zu leisten. Dieser Stellungstag ist dazu da, grundlegende medizinische Check-ups durchzuführen und die Fitness und Psyche der stellungspflichtigen Schweizer zu testen. Als alle Teilnehmer an dem Platz sind, an dem sie sein sollen, werden sie in drei verschiedene Gruppen eingeteilt. Major Roland König, ein kleiner, kurzhaariger Mann mit überdurchschnittlich gewaltigem Stimmorgan, erklärt, dass jede Gruppe ihr individuelles Programm hat.

"Gruppe zwei, mir folgen", dirigiert Mario Gamma, der in Uniform gekleidete Gruppenführer der Gruppe zwei, seine Rekruten. "Wir werden als Erstes einige psychologische Tests am Computer durchführen, aber genaue Anweisungen werdet ihr noch von unserer Psychologin erhalten." Nachdem die jungen Männer den fast zweistündigen Test hinter sich haben, können sie sich an Computern verteilen und sich in einem Informationsprogramm über die Tätigkeiten und Anforderungen im Militär erkundigen. Jedoch bleibt einigen kaum Zeit, sich zu setzen, denn der Gruppenführer tritt herein und sagt: "Nummer 302, 304, 309, 315 und 320 mit mir kommen!" Bei jenen Nummern haben sich Abweichungen im Raster der Psychologietests ergeben. Deshalb führen nun Militärpsychologen Einzelgespräche mit den Rekruten, in denen sie diese tiefgehender zum Test beziehungsweise zu den gegebenen Aussagen befragen. Denn in Windisch wird geklärt, ob ein Rekrut militärdiensttauglich oder -untauglich ist.

Im Rekrutierungszentrum, das im Kanton Aargau liegt, müssen sich alle Stellungspflichtigen der Inner- und Nordschweiz einfinden. Dies erklärt auch die Größe der Anlage. Sie besitzt neben Dutzenden Versammlungsräumen und Zimmern zum Übernachten eine Sporthalle und eine Kantine. Nach dem Mittagessen und einer kurzen Pause treffen sich alle Mitglieder der Gruppe zwei in der Sporthalle. Jetzt werden wir uns ein bisschen sportlich betätigen", sagt Mario Gamma. "In fünf Minuten umgezogen in der Sporthalle." Die Rekruten werden hier erneut in kleinere Gruppen eingeteilt und absolvieren ein Zirkeltraining, bei dem Ausdauer, Rumpfstabilität, Oberkörperkraft, Gleichgewicht und Sprungkraft getestet werden. Nach den fünf Stationen des Parcours, die von Sportlehrern überwacht werden, erhält jeder Teilnehmer seine Punktzahl. Jemand, der sich zum Militärpolizeigrenadier ausbilden lassen will, braucht über 100 Punkte.

"Wir hatten mal einen Rekruten, der hat 115 von 125 Punkten geschafft", berichtet Sportlehrer Michael Baumann stolz. "Wobei man anfügen muss, dass dies wirklich die Ausnahme ist und auch nur machbar, wenn man in Topform ist." Der Durchschnitt an erreichten Punkten beträgt 75, ab 80 Punkten wird ein Sportabzeichen ins Dienstbüchlein eingetragen.

Dann geht es zur medizinischen Untersuchung. Ein grauhaariger Militärarzt in weißem Kittel und mit Stethoskop um den Hals begrüßt alle: "Bitte einer nach dem anderen eintreten, und sobald einer fertig ist, kann der Nächste kommen. Danach einfach in die nächste Tür." Unter anderem geht es um Impfungen, EKG, Hörtest, Röntgen und ein Ganzkörperscan, um die Maße für die Uniform zu bekommen. Seit sieben Jahren arbeitet der Leitende Oberarzt Peter J. Spirig für das Militär. Er habe schon einiges erlebt, zum Beispiel wie viele der Stellungspflichtigen versuchten, erfundene Gründe anzugeben, um den obligatorischen Militärdienst nicht leisten zu müssen. "Natürlich gibt es Fälle, wo man sagen muss, dass der Stellungspflichtige keinen Militärdienst leisten kann. In solchen Situationen wird man entweder als militärdienstuntauglich, aber zivilschutztauglich bewertet oder als doppelt untauglich." Wenn ein Rekrut doppelt untauglich ist, muss er eine jährliche Wehrpflichtersatzsteuer bezahlen, die drei Prozent von seinem Einkommen beträgt. Nach zwei Stunden sind die medizinischen Untersuchungen abgeschlossen. Alle treffen sich zum Abendessen. Um 22 Uhr ist Bettruhe angesagt, der nächste Tag beginnt früh.

"In 15 Minuten unten im Speisesaal", ruft Mario Gamma in einen der Schlafräume. Langsam realisieren die ersten Rekruten, wo sie sich befinden. "Denkt ihr, das war ein Witz? In 14 Minuten unten im Speisesaal!" Nach dem Frühstück geht es weiter in einen der unzähligen Präsentationsräume. Dort erhalten die Teilnehmer allgemeine Informationen, wann sie am besten mit der Rekrutenschule beginnen und wie es mit dem Lohnersatz aussieht. Dieser besteht aus 80 Prozent des Lohnes, den man vor dem Militär erhalten hatte. Studenten erhalten den fixen Tagessatz von 62 Schweizer Franken.

"Somit wären wir schon fast am Ende. Als Letztes erwartet euch noch das abschließende persönliche Rekrutierungsgespräch. Danach werden wir euch den verschiedenen Sparten zuteilen. Vergesst nicht, eure Wunschzettel mitzunehmen! Denn die Rekrutierungsoffiziere werden versuchen, eure Wünsche zu berücksichtigen", kündigt der in Tarnfarben gekleidete Major König an. Alle versammeln sich nun im großen Präsentationsraum, der auch als Kantine genutzt wird, und warten, bis ihre Nummer über Lautsprecher ausgerufen wird. Der Rekrutierungsoffizier teilt jedem mit, welcher Sparte er zugeteilt ist und wann er seinen Militärdienst antreten muss. Zum Schluss holt man seine persönlichen Sachen von der Rezeption ab und ist entlassen, zumindest bis zum Beginn der Rekrutenschule.

Informationen zum Beitrag

Titel
313, ist der anwesend?
Autor
Sandro Exer
Schule
Kantonale Mittelschule Uri , Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2011, Nr. 63, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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