Ganz schön abgehoben

Raschelnd erhebt sich der Schirm, bis er direkt über Lisa Schuster schwebt. Ein letzter Kontrollblick nach oben, ob die Kanten nicht eingeknickt sind, dann läuft sie los, den Hang hinunter, bis sie den Grund unter ihren Füßen verliert. Die Münchnerin fliegt davon, wird immer weiter in die Höhe gezogen und bringt schließlich 70 Meter zwischen sich und den Boden, den sie ein paar Minuten später ansteuert. Fünf Meter über der Erde zieht sie an den Leinen, bremst ab und landet gegen den Wind. Schnell rafft sie den Schirm zusammen, macht Platz für die Landung des nächsten Flugschülers und begibt sich gleich wieder zur Spitze des Hügels, um erneut abzufliegen.

Bekannt ist Paragliding durch die idyllischen Bilder bunter Schirme, die die schneeweißen Berggipfel unter azurblauem Himmel umkreisen, aber auch durch die vielen Zeitungsartikel, die über den tragischen Tod eines abgestürzten Fliegers berichten. So verunglückten an einem einzigen Tag sieben Piloten tödlich bei Übungsflügen in den Dolomiten. Durch überraschende thermische Bewegungen der Luft, Erfahrungsmangel oder Unachtsamkeit können wundervolle Flugminuten schnell zu den letzten schrecklichen Sekunden des Lebens werden. Um dem hohen Risiko entgegenzuwirken, muss deshalb in Deutschland in einem Verein oder in einer der etwa 100 Flugschulen eine amtliche Lizenz zum Fliegen erworben werden, für die 30 Flüge mit einer Höhendifferenz von mindestens 300 Metern sowie eine Theorieprüfung über Luftrecht, Meteorologie, Gerätekunde und Verhalten in besonderen Fällen notwendig sind.

Nach Bestehen der praktischen Prüfung hat der Pilot, der mindestens 14 Jahre alt sein muss, den A-Schein. Der erlaubt ihm die Teilnahme am Flugverkehr außerhalb der Flugschule, bindet ihn jedoch an ausgeschriebene Start- und Landeplätze. Wer sich selbst den Ort zum Landen aussuchen möchte, muss zusätzlich 20 Alleinflüge mit einer Höhendifferenz von 500 Metern und einen 10 Kilometer weiten Überlandflug nachweisen. Danach erhält er den B-Schein, der ihn zur freien Wahl des Landeplatzes berechtigt.

Auch die hübsche Lisa, eine sportliche junge Frau mit langen braunen Haaren und tiefen dunklen Augen, möchte die Erlaubnis zum eigenständigen Fliegen erhalten. So lernt die Studentin der Biochemie an der LMU in München nun Flugtheorie und besucht bei schlechtem Wetter den Unterricht der Flugschule. Dort erhält sie zudem eine Funkeinweisung und lernt, wie man einen Schirm richtig packt.

Für den Grundkurs zum Erlernen von Start und Landung bezahlte Lisa 550 Euro, der A-Schein verlangt ihr noch einmal 880 Euro ab. Hinzu kommt die Ausrüstung, Gurtzeug und Schirm, die sie gebraucht für 1700 Euro erstanden hat, das hat ihre Ersparnisse verschlungen. Kein Wunder also, dass Lisa und ihre beiden Freunde von der Uni, die sie "einfach mal zum Paragliding mitgenommen haben", mit ihren 21 Jahren hier zu den Jüngsten gehören. Ein Flugtag beginnt mit dem Aussuchen des Gurtzeugs, das wie ein Rucksack angezogen wird und als Sitz dient. Ein Schirm, dessen Größe auf das Gewicht abgestimmt sein muss, ein Helm, der bei Landungen in einem Baum oder bei der Begegnung mit einer Felswand das Leben retten kann, sowie ein Funkgerät werden mitgenommen, dann geht es mit dem Bus zum Übungshügel. Dort wird um den besten Startplatz gerangelt. Dann wird der Schirm parallel zum Hang ausgebreitet. Die Eintrittskante, eine etwa 20 Zentimeter breite Zeile, die in viele Kammern unterteilt ist, muss oben liegen. Durch sie soll später die Luft strömen, damit der Schirm dahingleiten kann. Dann geht es unter anderem ans Ordnen der Leinen, die an beiden Enden des Gleitschirmes befestigt sind. Sie sind zum Aufziehen und Lenken nötig. Ein letzter Check durch den Fluglehrer, der Schüler erhält per Funk das Startsignal und leitet durch Losrennen den Abflug ein. Lisa vertraut auf die Lehrer und Lotsen der Papillon-Schule in der Rhön, die darauf achten, den Schüler vor gefährlichen Luftströmungen zu bewahren und ihn bei unvorhergesehener Thermik mit Anweisungen sicher wieder auf den Boden zu bringen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ganz schön abgehoben
Autor
Johanna Stoiber
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2011, Nr. 69, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180