Gepanzert abwärts

Treffpunkt ist eine rustikale Gaststätte auf dem Sustenpass. "Hallo, hier sind wir!", ruft der dunkelblonde Hans Baumann. Er hat sich in den Alpen mit seinem hünenhaften Freund Robert Schuler aus Chur verabredet. Die beiden 29-Jährigen, die seit der Primarschulzeit Sportsfreunde sind, sitzen auf der Sonnenterrasse und haben bereits die Hälfte der Schutzausrüstung an. Die Fahrt in das im Tal liegende Innertkirchen ist gefährlich, da die Straße über längere Strecken mehr oder weniger kurvenlos ist und die Boarder eine hohe Geschwindigkeit erreichen. Deswegen tragen sie viele Protektoren. Doch auch die Knie-, Schienbein-, Ellenbogen- und Handschützer sowie die Rückenpanzerweste, die sie anziehen, können ihre Lebensgefährtinnen nicht beruhigen. Ihnen gefällt das gefährliche Hobby gar nicht, aber sie können nichts ausrichten, denn alle Warnungen prallen an dem Gärtner Baumann und dem Informatiker Schuler ab.

Die Sonne steht schon hoch am Himmel, so dass sie nicht geblendet werden. Die Straße ist trocken, es gibt nur wenig Verkehr. "Es ist enorm wichtig, dass man vorher abklärt, wie die Verkehrsverhältnisse sind", sagt Baumann. "Es kann zwischen Leben und Tod entscheiden, ob plötzlich hinter der nächsten Kurve ein Auto oder gleich mehrere hintereinander angefahren kommen", ergänzt Schuler. "Wenn man jedoch verängstigt und verkrampft an die Abfahrt geht, ist es mindestens genauso gefährlich, wie wenn man ohne Infos über die Verhältnisse aufbricht. Ist man unkonzentriert, können einem Fehler unterlaufen, die verheerende Folgen haben", sagt sein Freund.

Das Tagesziel der beiden Cracks - wie sie sich selbst nennen - ist, das Ende der Passstraße möglichst schnell und unversehrt zu erreichen. "Man darf sich keine Illusionen machen", warnt Baumann. "Das Verletzungsrisiko beim Downhillboarden ist stets präsent und groß, egal, ob man alles gut vorbereitet hat oder nicht." Auf die Frage, warum er sich während des letzten Satzes mehrmals mit der Hand über den Ellenbogen gefahren ist, sagt er: "Ich habe mir schon einmal den Ellenbogen und den Unterarm bei einem Sturz gebrochen. Wir sind einfach aufs Geratewohl auf den San-Bernardino-Pass und dann mit unseren Longboards heruntergefahren. Die Straße war an einigen Stellen noch leicht feucht, und da haben meine Räder den Halt verloren. Zum Glück ging's an dieser Stelle nicht einen felsigen Abhang herunter, sondern nur über eine Wiese hinunter."

Heute fahren sie die Variation Downhill. Es gibt fünf Variationen des Longboardens: Downhill, Cruisen, Carven, Dancing und Long Distance Pumping, das auch LDP genannt wird. "Für jede Variation gibt es natürlich auch das passende Brett. Die Härte, Flexibilität, Länge, Breite und Größe sowie der Durchmesser der Räder und der Radabstand sind bei der Materialwahl sehr wichtig", erklärt Robert Schuler.

Downhill ist die schnellste Variation des Longboardens. "Als gängige Höchstgeschwindigkeit gelten ungefähr 100 Stundenkilometer." Die Bretter sind meist aus hartem Ahornholz. Das aus Ahorn gepresste Deck, der Brettboden, auf dem der Fahrer steht, besitzt dank dem hohen Härtegrad nur wenig Flexibilität. "Je härter das Brett, umso höher der mögliche Topspeed", erklärt Schuler und streicht fast zärtlich über sein Brett. Oft wird das Deck noch mit Epoxidharz und Fieberglas behandelt, um es härter und schneller zu machen. Die Männer kontrollieren gegenseitig die Panzerung, dann wird aufgestiegen. Nachdem sie sicher sind, dass kein Auto kommt, stoßen sie sich ab. Bereits nach wenigen Metern haben sie eine beachtenswerte Geschwindigkeit erreicht, dann sind sie außer Sicht. In Innertkirchen angekommen, warten zwei nassgeschwitzte, strahlende Sportler. "Das war phantastisch!", rufen sie. "Autos hatte es fast keine, und wenn wir mal eines überholten, dann waren die Fahrer rücksichtsvoll. Das ist nicht immer der Fall, dann kann es gefährlich werden", sagt Baumann.

Viel weniger gefährlich ist das Cruisen. Cruiser findet man nicht auf steilen Passstraßen, sondern in Städten und Tälern. In Luzern cruisen Longboarder zu Dutzenden durch die Straßen und die Seepromenade entlang, so auch die drei in lässige Jeans und Karohemden gekleideten Studenten Philipp Gamma, Sebastian Infanger und Gian Forlani, deren Schutzbekleidung lediglich aus einem Skateboardhelm besteht. "Cruisen heißt wörtlich übersetzt kreuzen. Meiner Meinung nach trifft diese Übersetzung perfekt zu, da es beim Cruisen nicht um halsbrecherische Geschwindigkeiten oder spektakuläre Tricks geht. Es steht das gemütliche Fahren im Vordergrund", erklärt Forlani. "Ein Cruiserlongboard ist sehr gut geeignet, um in einer Stadt alternativ zum privaten motorisierten Verkehr voranzukommen. Kombiniert mit dem öffentlichen Verkehr, ist man fast gleich schnell am Ziel, als wenn man mit dem Auto fahren würde", sagt der braunhaarige Philipp Gamma. "Man kann bis zur Bushaltestelle fahren und es sich dort einfach unter den Arm klemmen, so kommt man schnell voran", fügt der sommersprossige Sebastian Infanger hinzu.

"Cruisen ist sehr gemütlich. Beim Dancen kann der Fahrer tolle Kunststücke machen, beim Carven und Long Distance Pumping ein einzigartiges Kurvenfeeling erleben", erklärt Forlani und cruist friedlich mit seinen Boarderfreunden auf der Seepromenade davon.

Informationen zum Beitrag

Titel
Gepanzert abwärts
Autor
Marcel Lauener
Schule
Kantonale Mittelschule Uri , Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2011, Nr. 69, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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