Indianische Spiele mit Schläger, Helm und Schoner

In der Ballsporthalle des Hochschulsports Münster ist es zunächst still. Nur das Surren der Lüftung schwingt durch den weitläufigen Raum, auf dem blauen Boden verschwimmt das bunte Liniengewirr. Ein beißender Gummigeruch vermischt sich mit dem Geruch nach Schweiß, grelles Leuchtstoffröhrenlicht leuchtet die Halle aus. Dann trudeln nach und nach die Spieler ein, machen sich spielbereit und legen Helm, Schläger und Schoner an. Bald ist keiner von den gepanzerten Männern mehr wiederzuerkennen: Die Gesichter verdeckt ein Quergestänge, das die Seiten der Helme miteinander verbindet und dem Helm beim American Football ähnelt. Ellenbogenschützer, vor allem aber die Schulterschützer geben dem Oberkörper eine überdimensionale Größe.

"Beim Lacrossespielen bleiben blaue Flecken nicht aus", erklärt die 27-jährige Philine Stamer, "allerdings geht es bei den Männern viel härter zu als bei den Frauen." Die schlanke Jurastudentin hat ihre Leidenschaft für Lacrosse vor sechs Jahren entdeckt, und "da es ein Exotensport ist und vor allem Schnelligkeit, Geschicklichkeit, Teamgeist und Ballgefühl gefordert sind", gefällt ihr diese noch weitgehend unbekannte Sportart. Der Collegesport aus den Vereinigten Staaten habe auch einige Ähnlichkeit mit Hockey, aber Lacrosse gefalle ihr eben wesentlich besser.

Vom College in Nordamerika gelangte der Sport erst 1990 über zwei Austauschschüler nach Deutschland. Seit 1995 versuchen nun sowohl Männer als auch Frauen bei deutschen Meisterschaften mit Hilfe eines zwischen 100 und 183 Zentimeter langen Stabs, an dessen Ende sich ein Netz befindet, einen apfelschweren Ball in ein 1,80 mal 1,80 Meter großes Tor zu befördern. Seinen eigentlichen Ursprung hat das Spiel bei den Indianern an der amerikanischen Ostküste und an den Großen Seen. Sie nannten es Baggataway oder auch Tewaraathon ("kleiner Bruder des Krieges"). Nicht selten endeten die dem Kriegsgott geweihten Spiele tödlich. Die Spiele wurden zum Teil mit mehr als 100 Spielern ausgetragen, und als Tor galten oft natürliche Begrenzungen wie ein Stein oder ein Baum. Den Namen Lacrosse bekam die traditionsreiche Sportart von dem französischen Jesuitenmissionar Jean de Brébeuf 1634 in Ontario. Der Schläger erinnerte den Geistlichen an einen Bischofsstab, und er gab dem Spiel den Namen La Croix, das französische Wort für Bischofsstab.

Heutzutage besteht eine Lacrosse-Mannschaft regulär aus zwölf Spielern, die auf einem Rasenplatz ihr Geschick und ihre Schnelligkeit zeigen. Für die Wintersaison müssen die Studenten der Uni Münster die heimische Rasenfläche gegen die Sporthalle eintauschen. Die athletischen Sportlerinnen und Sportler des Münster Mohawks Lacrosse Vereins überprüfen vor Trainingsbeginn zunächst einmal die Netze, die am Ende des Stabes angebracht sind, schwingen mit den Stäben durch die Luft und bewegen sich gewandt und flink in ihren "Panzern" durch die Halle.

Fest den Schläger in beiden Händen, passen sich die Spieler den Ball zu, fangen ihn mit dem Netz auf, schleudern ihn einem Mitspieler wieder entgegen, um den Ball schließlich mit hoher Geschwindigkeit am Torwart vorbei ins Tor zu katapultieren. Die ersten Würfe gegen die Wände erzeugen ein dumpfes Aufschlagen, dazwischen das durchdringende Quietschen der Sportschuhe.

Zum Lacrosse sei Philine Stamer durch einen Freund gekommen, der den Sport aus Amerika kannte. Andere Freunde hingegen reagierten verwirrt auf ihr neues Hobby. "Häufig fragten Bekannte oder Freunde, denen ich vom Lacrosse erzählte, schlicht und einfach nur, was das denn sei oder ob das nicht der Sport sei, den man in American Pie 1 sehe", berichtet die blonde sportbegeisterte Studentin. "Allgemein ist die Reaktion aber immer sehr positiv, und viele wollen sich gerne einmal ein Spiel von uns ansehen."

Dass der Sport bis jetzt eher weniger Aufmerksamkeit genießt, zeigen auch die Statistiken im Vergleich zum Fußball. Verglichen mit 6 756 562 Vereinsfußballern in Deutschland, gab es in der Saison 2008/09 insgesamt "nur" 1542 aktive Lacrosse-Spieler und 54 aktive Teams, die am deutschen Ligaspielbetrieb teilnahmen. "Da ist die Anreise zu den Spieltagen oft sehr weit, und wir fahren morgens früh von Münster bis Frankfurt, Mainz oder Marburg für zwei Spiele und spätabends wieder zurück. Aber es ist auch immer ein Riesenspaß auf den Fahrten mit der Mannschaft", grinst die junge Frau mit einer von Sommersprossen bedeckten Stupsnase.

Für die Medizinstudentin und Trainerin der Damenmannschaft Nora Ullrich hat gerade die Entfernung einen ganz besonderen Reiz. "Durch die weiten Reisen und Spiele in ganz Deutschland schließt man in vielen Städten Freundschaften zu gegnerischen Mannschaften, und so hat man immer jemanden, bei dem man bleiben kann", sagt die zierliche Blonde. In der Sporthalle gibt die Trainerin Anweisungen, während ihr sieben lacrossebegeisterte Studentinnen gespannt zuhören. Zwischenrufe wie "Hier!" und "Ja, hab ich!" durchbrechen die konzentrierte, aber trotzdem bewegte Atmosphäre in der Sporthalle.

Als die Männermannschaft auf der anderen Seite der Halle anfängt, eine spielähnliche Situation nachzustellen, schwillt die Geräuschkulisse zunehmend an. Das abrupte Abstoppen und Loslaufen lässt die Schuhe quietschen, und die Spieler prallen immer wieder lautstark gegeneinander. Stoßendes Atmen, die Oberkörper heben und senken sich, der Sport hat es in sich. Deshalb unterscheidet sich die Spielzeit aufgrund der unterschiedlichen physischen Voraussetzungen bei Männern und Frauen. Männer spielen viermal 20 Minuten und Frauen zweimal 30 Minuten.

Gerrit Dopheide, 1. Vorsitzender des 2005 gegründeten Mohawks Lacrosse Vereins in Münster, kam zum Lacrosse über einen Aushang des Hochschulsports in Münster vor zehn Jahren. "Meinen Freunden fiel auf, dass ich immer öfter mit blauen Flecken auftauchte, und daraufhin erzählte ich ihnen von meinem neuen Hobby. Seitdem kommen sie immer gerne vorbei und schauen sich Spiele unserer Mannschaft an", schildert der 35-Jährige mit abgeschlossenem BWL- und Wirtschaftsrechtsstudium. Der Sport schaffe einen gesunden Ausgleich zum Studium und müsse nach langen Vorlesungen einfach mal sein.

"In erster Linie macht der Sport einfach Spaß, aber bei uns in der westdeutschen Bundesliga ist der Anspruch schon hoch, gute Spiele zu spielen", verdeutlicht der sportliche, dunkelblonde Mann den Erfolg seines Vereins. Das Besondere an dem Sport sei für ihn, "dass er jedem Typ Mann oder Frau die Möglichkeit gibt, Lacrosse erfolgreich zu spielen. Ob klein oder groß, schwer oder leicht, für jeden ist eine geeignete Position dabei, weil eben alle Spielertypen gefragt sind", erörtert er gewissenhaft. Als Gerrit Dopheide vor etwa zehn Jahren anfing, Lacrosse zu spielen, gab es noch gar keinen geregelten Ligabetrieb. Der Ligabetrieb wurde erst 2002 vom Lacrosse-Verband, der seit 1998 offiziell besteht, gegründet, nachdem die Spiele vorher nur in Turnierform stattgefunden hatten. "Dass ich bei dem Auftaktspiel des ersten richtigen Bundesligaspiels das allererste Tor in der Geschichte der Lacrosse-Bundesliga machte, kann mir einfach niemand mehr nehmen", freut sich Gerrit Dopheide.

Mittlerweile gewann auch die Lacrosse-Nationalmannschaft der Männer 2001 die Europameisterschaft und verstärkte damit die Popularität des Sports. "Auch an Schulen möchten wir die Aufmerksamkeit für diesen Sport noch wecken und bieten deshalb auch Lacrosse im Schulsport an", wirbt Jugendwart Söhnke Bargmann grinsend für seinen Verein. Am Ende des Trainings in der Hochschulsporthalle in Münster teilen sich die Sportlerinnen und Sportler in zwei gemischte Teams auf und versuchen die zuvor gegebenen Anweisungen in einem Abschlussspiel anzuwenden. Von den Zuschauern kommen ermutigende Zurufe, die Spieler rennen mit ihren Schlägern über das Feld, passen, springen, sprinten und versuchen in Teamarbeit den faustgroßen Ball in das gegnerische Tor zu befördern. Nach dem schrillen Pfiff des provisorischen Schiedsrichters verlassen alle das Feld, ein zufriedenes Lachen auf dem Gesicht. "Schönes Spiel", rufen sie sich gegenseitig anerkennend zu.

Informationen zum Beitrag

Titel
Indianische Spiele mit Schläger, Helm und Schoner
Autor
Sarah Flaswinkel
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2011, Nr. 69, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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