Fast kam die Diagnose zu spät

Schon in der Grundschule fiel der heute 22 Jahre alte Stefan Wagner (Name geändert) auf. "Ich war ziemlich scheiße zu den Lehrern und habe mich oft danebenbenommen", gibt er zu. Zusammen mit seiner Freundin lebt der dunkelhaarige Junge aus Grevenbroich bei Neuss heute in der Nähe von Lauterbach, mitten im Vogelsberg. Sein größtes Hobby ist die Musik. An den Wänden des Wohnzimmers hängen Gitarren, Geigen, Flöten und ein Dudelsack. In den Ecken stehen Kilts, die er für Auftritte mit seiner Band "Hessen Pipers" benötigt.

Wegen seinem auffälligen Verhalten in der Schule ging seine Mutter mit dem siebenjährigen Stefan zu einer Psychologin. "Seine Lehrerin sagte, Stefan sei überfordert mit der Schule und noch nicht schulfähig, seine Ergotherapeutin sagte aber, sie hätte eher den Eindruck, dass er total unterfordert wäre", sagt sie. Die Psychologin stellt eine Hochbegabung bei Stefan fest, und seine Mutter schickt ihn auf eine Montessori-Schule in Neuss, da er auf Anraten der Psychologin eine Stufe überspringen soll, seine alte Schule dies aber verweigert, weil sie ihn noch immer für nicht schulfähig hält. "Auf der neuen Schule konnte er in der Freiarbeit schon in der zweiten Klasse Matheaufgaben der vierten lösen, wie Wurzeln ziehen oder quadrieren, jeder Schüler konnte seinem eigenen Lerntempo nachkommen."

Die Schule verlässt Stefan, als seine Mutter mit ihm nach Hessen zieht. Auf der regulären Grundschule, die er nun besucht, verschlechtern sich seine schulischen Leistungen erneut. "Ich bin wieder total abgesackt", erinnert sich Stefan. Seine Mutter berichtet, wie schwer die Zeit auch für sie gewesen ist. "Jetzt fing das Theater erst richtig an", sagt sie, "Stefan verweigerte sich, er hatte nur noch Bauchschmerzen und der schulpsychologische Dienst war dann der Meinung, dass er auf jeden Fall eine Klasse überspringen sollte." Stefan bekommt über eine Vermittlung des Schulamtes ein Stipendium für das Collegium Augustinianum in Gasdoenck, eine Schule in Nähe der holländischen Grenze. "Ein Doktor Fischer machte da einen Test mit mir, bei dem sich dann herausstellte, dass ich Legasthenie habe. Da hatte sich dann einiges geklärt." Stefan lacht, seine dunklen Augen blitzen symphatisch. Dass eine Lese-Rechtschreib-Schwäche bei ihm diagnostiziert wurde, erleichterte seine Situation vorerst jedoch nicht. Zwar wusste man nun, woher seine schulischen Probleme kamen, doch als er sich gerade in der neuen Schule eingelebt hatte, musste er auch diese schon nach zwei Jahren wieder verlassen: Der Schulleiter wechselte, die Schulgebühren waren zu hoch für die Familie.

Wieder wechselte Stefan auf eine reguläre Schule und wieder folgte darauf eine Verschlechterung der Noten. "Durch Zufall las meine Mutter in einem Flyer mit Jobangeboten für Lehrer von einer Schule aus Schottland, mit Hauptaugenmerk auf hochbegabte Kinder mit Teilleistungsstörung." Diese Entdeckung sollte seine Odyssee durch die vielen Schulen beenden. Obwohl die schottische Schule billiger war als vergleichbare Schulen in Deutschland und sie Stefans Profil entsprach, sperrte sich das Jugendamt zunächst dagegen, ihn dorthin zu schicken, da es für eine entsprechende Schule hätte zahlen sollen. "Nach einer Probewoche in der Schule ging erst mal ein großer Kampf los, weil die Leute vom Jugendamt nicht einsehen wollten, dass das, was billiger ist und mir guttut, besser ist als das, was teurer ist und nicht so gut für mich, dafür aber in Deutschland."

Der damals dreizehn Jahre alte Junge lebte sich in der Probewoche jedoch gut in dem schottischen Internat ein. Zuvor war er sehr depressiv, verschiedene psychologische Gutachten bestätigten ihm eine akute Suizidgefahr. "Ich hab ganz logisch für mich entschieden, dass das Leben keinen Sinn mehr macht. Ich hab 'ne Liste gemacht mit ein oder zwei Pluspunkten und ganz vielen Minuspunkten", sagt er.

Seine Mutter begann einen Gerichtsstreit, um ihrem Sohn den Besuch der Schule zu ermöglichen. "Ich habe zwei Jahre gekämpft vor dem Verwaltungsgericht." Schließlich erreicht sie einen Teilsieg, das Jugendamt muss einen Teil der Kosten für das schottische Internat übernehmen, sie stürzte sich jedoch auch in hohe Schulden für ihren Sohn. "Naja, andere bauen sich dafür ein Haus, aber Hauptsache, es hat sich gelohnt. Ich würde es jederzeit wieder tun."

Heute ist Stefan selbstbewusst und eigenständig, von vergangenen Depressionen und Suizidgedanken ahnt niemand, der ihn kennenlernt. "Das schottische Schulsystem war sehr gut für mich, es ist sehr vorteilhaft für Leute, die nicht in so geraden Schienen denken. Das heißt, in dem Fach, wo man gut ist, kann man halt auf 'nem höheren Level seine Prüfungen machen als in denen, in denen man schlecht ist."

Stefan verlässt die Schule mit dem Abschluss Scottish Highers, was in etwa dem deutschen Abitur entspricht. "Ich habe meinen Abschluss in Schottland so kombiniert, dass ich Psychologie hätte studieren können." Da das Jugendamt nach Schulabschluss die Zahlungen einstellte, kehrte Stefan zurück nach Deutschland, da ein Studium und der Lebensunterhalt in Schottland zu teuer für ihn gewesen wären. In Deutschland machte er noch einen Abschluss an der Fachoberschule. Inzwischen hat er sein Bauingenieurstudium nach zwei Jahren abgebrochen, da es ihm keinen Spaß mehr machte. Jetzt absolviert er eine Ausbildung zum Tischler und träumt davon, irgendwann als Dudelsackbauer arbeiten zu können.

Informationen zum Beitrag

Titel
Fast kam die Diagnose zu spät
Autor
Jana Hoffkamp
Schule
Marienschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.03.2011, Nr. 75, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180