Mit Füller, Heft und Mikrofon

Clara wurde gehörlos geboren, besucht aber ein Gymnasium. Manches muss sie sich zusammenreimen. Etwa zwanzig Schülerinnen stehen in kleinen Grüppchen schwätzend in ihrem mittelgroßen Klassenzimmer. Den Gong, der den Unterrichtsbeginn einläutet, scheint kaum jemand zu beachten. Solange ihre Geschichtslehrerin noch nicht im Raum ist, erzählen sich die Zehntklässlerinnen an diesem Montagmorgen noch schnell von ihren Erlebnissen am Wochenende: Wochenbeginn an dem Mädchengymnasium Marienschule in Münster wie immer. Es fällt kaum auf, dass eine Schülerin ein Gerät aus ihrer Tasche packt, das nicht so ganz in einen gewöhnlichen Schulalltag passen will.

Wenig später trifft die Lehrerin Alexa Polreich ein. Die Schülerinnen huschen auf ihre Plätze, restliche zu klärende Erlebnisse werden nur noch im Flüsterton ausgetauscht. Wie selbstverständlich nimmt die Lehrerin das etwa zwanzig Zentimeter lange, schwarze Gerät von der Schülerin Clara Schmersträter entgegen. Schon bald entpuppt es sich als Mikrofon: Frau Polreich spricht ein deutliches "Guten Morgen" hinein, das Echo der Schülerinnen fällt weniger enthusiastisch aus.

"Ohne die FM-Anlage wäre es für mich sehr viel schwerer, im Unterricht etwas mitzubekommen", sagt Clara. Das gehörlos geborene Mädchen besucht seit der fünften Klasse die Marienschule. Die FM-Anlage, also das Funkmikrofon, das zu ihrem Cochlea-Implantat gehört, war von Anfang an mit dabei. "In größeren Gruppen ist die Anlage eine große Hilfe. Ohne das Mikrofon kann ich zwar viele Geräusche hören, aber nichts verstehen - das ist wie schlechter Radioempfang."

Für die mittelgroße 15-Jährige mit den braunen Haaren gehört die FM-Anlage zu ihrer Grundausstattung für die Schule dazu wie Heft und Füller. "Es ist aber auch schon mal vorgekommen, dass ich sie vergessen habe - ich bin halt manchmal ein bisschen verpeilt." Im Alltag außerhalb der Schule kann Clara auch ohne das Mikrofon auskommen. Das Cochlea-Implantat, das ihr im Alter von zwei Jahren in das linke Innenohr eingesetzt wurde, übernimmt die Funktion ihrer fehlenden Sinneshärchen. Bei Hörenden sind diese dafür zuständig, dass der Schall, der ins Ohr gelangt, in elektrische Impulse umgewandelt werden kann.

Außerdem gehört zum Cochlea-Implantat ein Sprachprozessor mit einer Spule, die deutlich sichtbar über ihrem linken Ohr angebracht ist. Dieser leitet den Schall in Form elektrischer Signale über Spule und Implantat durch eine Elektrode zur Hörschnecke weiter, der Hörnerv wird stimuliert. Der Unterschied zu einem Hörgerät besteht darin, dass das Cochlea-Implantat die komplette Funktion der Sinneshärchen übernimmt, anstatt den Schall nur zu verstärken und sich auf wenige bestehende Sinneshärchen zu verlassen. Seit ihrem zweiten Lebensjahr kann Clara so auf dem linken Ohr hören.

"Meine Eltern wollten sich aber nicht nur auf das Cochlea-Implantat verlassen. Sie lernten die Gebärdensprache, damit die Kommunikation auch ohne CI noch möglich sein konnte. Ich bin also sozusagen zweisprachig aufgewachsen." In ihrem Kindergarten, der speziell auf gehörlose Kinder ausgerichtet war, sprach die jetzige Zehntklässlerin schließlich einen Mix aus Gebärden- und Lautsprache. Gegen Ende der Kindergartenzeit war klar, dass sie in der Benutzung der Lautsprache bereits so weit fortgeschritten war, dass sie eine Regelgrundschule besuchen konnte. Obwohl Clara zwei Jahre ihrer Sprachentwicklung einbüßen musste, war sie zur Einschulung mit den normal hörenden Erstklässlern sprachlich auf einem Stand.

An das System mit dem Mikrofon konnten sich, so wie auch später auf der Marienschule, die anderen Schüler schnell gewöhnen. Selbst mit Cochlea-Implantat ist es noch schwierig, die Stimme des Lehrers aus dem hintergründigen Getuschel der Schüler und weiteren störenden Geräuschen herauszufiltern, weshalb in der Schule zusätzlich das Funkmikrofon angewendet wird.

In der Geschichtsstunde an diesem Montagmorgen wandert das Mikrofon wie selbstverständlich von Lehrerin zu Schülerin und wieder zurück. Manche Schülerinnen halten das Mikrofon deutlich vor den Mund, während sie etwas zur Thematik des Kalten Krieges beisteuern. Andere gehen lockerer damit um, sprechen nicht direkt hinein und spielen während des Redens damit herum. "Es macht schon einen Unterschied, ob direkt hineingesprochen wird oder nicht", sagt Clara. "Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich alles mitbekomme. Es wird auch nicht immer alles in das Mikrofon gesprochen. Oft sagt der Lehrer zwischendurch etwas Wichtiges, wenn gerade jemand anderes das Mikrofon hat." Clara muss sich also im Unterrichtsgeschehen eine Menge zusammenreimen und ist unter anderem stark vom Lippenlesen abhängig.

Auch auf die Hilfe ihrer Mitschülerinnen ist sie angewiesen, was sich durch häufiges Nachfragen zeigt. "Ich muss eigentlich permanent den Informationen hinterherrennen. Durchsagen in der Schule kann ich so gut wie gar nicht verstehen. Im Großen und Ganzen kann ich froh sein, dass ich ganz gut lernen kann und mir viele Dinge erschließen kann, auch wenn ich nicht jede Information habe. Ansonsten wären wohl auch meine Noten um einiges schlechter."

Wenn nicht allzu viele Nebengeräusche da sind und der Gesprächspartner nicht nuschelig redet oder während des Redens wegschaut, kann der Schall auch ohne Mikrofon ungehindert in den Sprachprozessor an Claras Ohr dringen. In Gruppensituationen aber ist dies nicht möglich, und Clara ist auf das Mikrofon angewiesen. Trotzdem benutzt sie das Mikrofon außerhalb des Unterrichts fast nie. "In einer größeren Gruppe in der lauten Schulcafeteria kann ich es fast vergessen, ohne Mikrofon was von den Gesprächsthemen mitzubekommen. Natürlich würde das Mikrofon in solchen Situationen helfen, aber für die meisten ist es einfach zu umständlich, es ständig weitergeben zu müssen."

Auch im Sportunterricht würde das Mikrofon stören, und da es in der Sporthalle hallt und die Kommunikation zumeist aus Zurufen besteht, hat Clara kaum eine Chance, vernünftig am Sportunterricht teilzunehmen. "Ich hänge da immer hinterher bei Besprechungen und Erklärungen, und an Mannschaftsspielen kann ich mich nicht richtig beteiligen. Wenn jemand mir zuruft, dass ich den Ball fangen soll, bekomme ich das gar nicht mit."

Nicht nur der Schulalltag birgt Hindernisse. Beim Fernsehen braucht Clara zusätzliche Hilfe: Nur mit Hilfe einer Induktionsschleife, die neben dem Fernseher angebracht ist, gelingt es ihr, etwas zu verstehen. "Telefonate mit dem Handy kann ich ganz vergessen, das klappt einfach nicht. Wenn ich normal telefoniere, muss ich immer den Lautsprecher anstellen."

Insgesamt glaubt Clara, dass ihre Hörschädigung starken Einfluss auf die Entwicklung ihres Charakters hatte. "Es ist schwierig, in Gruppen Anschluss zu finden, wenn man eine solche Kommunikationsbehinderung hat. Für die anderen ist die Kommunikation mit mir meist zu umständlich, und auch ich bin es oft müde, immer nachfragen zu müssen, wenn ich etwas nicht verstanden habe. Es nervt und ist mir unangenehm - besonders, wenn ich beim dritten Mal immer noch nicht verstanden habe, worum es geht. Das alles führt dazu, dass man sich lieber zurückzieht. Man ist einfach generell verunsichert, und es ist schwierig, selbstbewusst aufzutreten." Das ernst wirkende Mädchen bekam die Konsequenzen seiner Andersartigkeit am eigenen Leib zu spüren. Besonders in der Mittelstufe war Clara oft auf sich allein gestellt, es fiel ihr schwer, Freundschaften aufzubauen. Trotzdem weiß sie: "Mit den richtigen Leuten kann man sich auch ganz normal fühlen."

Zu diesen Leuten zählen sicherlich auch die Jugendlichen ihrer Theatergruppe. Sowohl Gehörlose als auch Schwerhörige und Hörende proben hier gemeinsam. Die wöchentlichen Proben machen der Schülerin Spaß, insgesamt fühlt sie sich dort durch ihre Hörschädigung nicht so beeinträchtigt wie in der Schule. "Die Kommunikation läuft zweisprachig ab. Wir sprechen mit Lautsprache, und ein Dolmetscher übersetzt für die Gehörlosen alles auf Gebärdensprache." Durch die Theatergruppe hat Clara viele andere Hörgeschädigte kennengelernt und gemerkt, dass der Umgang mit ihrer Behinderung für keinen davon wirklich leicht ist. "Manche gehen sehr offensiv damit um, andere versuchen es zu verstecken oder schämen sich sogar dafür."

Clara schämt sich nicht. Trotzdem betont sie, wie schwierig es ist, sich einer hörenden Gesellschaft anzupassen. "Die Leute denken immer, ich kann mich gut ausdrücken und habe es trotz meiner Behinderung aufs Gymnasium geschafft. Auf den ersten Blick sieht das Ganze vielleicht aus wie ein Märchen, aber das ist es nicht. Ich bin permanent auf andere angewiesen und merke, wie ich ihnen zur Last falle. Es ist nicht unerträglich, aber es ist bei Weitem auch nicht leicht."

Doch Clara lässt sich nicht unterkriegen. Nach dem Abitur will sie studieren. Ob das möglich ist, steht noch in den Sternen. "Etwas zu verstehen, in einem Hörsaal mit Hunderten von Leuten, und ob der Professor dann auch immer daran denkt, ins Mikrofon zu sprechen. . . "

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit Füller, Heft und Mikrofon
Autor
Silvia Vogelsang
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.03.2011, Nr. 75, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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