Tee kochen für die Kollegen

Ich erinnere mich daran, wie wir Mädchen damals in der Schule verpflichtet waren, Fächer wie Kochen und Nähen zu belegen. Uns störte das nie, es gehörte einfach zum normalen Unterricht dazu", sagt Noriko Knust, Japanischlehrerin eines Gymnasiums in Braunschweig. Sie trägt eine schwarze Hose, einen schwarzen Blazer und eine weiße Bluse und sitzt in der Schulcafeteria. Die meisten verheirateten Frauen bleiben in Japan, heutzutage wie auch früher, in der Regel zu Hause, da sie für den Haushalt und die Erziehung ihrer Kinder zuständig sind, während ihre Männer arbeiten gehen. Das Argument vieler japanischen Männer, warum ihre Frauen eher zu Hause bleiben sollten, lautet: "Sie soll sich pflegen und schön sein für mich!"

"Meine Schwester und ich sind die einzigen Kinder unserer Eltern. Da wir beide Frauen sind, kann der Familienname nicht weitergeführt werden, worüber mein Vater manchmal sehr traurig war", erinnert sich Noriku Knust an ihre Kindheit in Kobe. Ihr Vater war der Leiter einer Fabrik für Meerestechnologie. Die Geburt eines Sohnes wäre für ihn auch deshalb erfreulich gewesen, weil er die Leitung der Fabrik an seinen Sohn hätte weitergeben können. Auch heute noch sind Frauen in höhergestellten Positionen eher selten zu finden. Dies hat sich in den vergangenen Jahren nur geringfügig verändert.

Auch im alltäglichen Familienleben gebe es Rangunterschiede, die den Stellenwert der Frau verdeutlichen, betont Noriko Knust. Selbst beim Baden gebe es eine bestimmte Reihenfolge, die eingehalten werden müsse. Bestehe eine Familie aus Vater, Mutter, Sohn und Tochter, habe zuerst der Ehemann das Recht zu baden, danach der Sohn, dann die Tochter und zum Schluss die Mutter, deren Aufgabe es dann auch sei, das Bad zu säubern.

Früher sei der Rollenunterschied zwischen Mann und Frau noch deutlicher gewesen, erläutert die Japanischlehrerin. "Wenn man früher an einem ,Omiai', einer Art Partnerbörse, teilgenommen hat und der Mann Interesse an einem gezeigt hat, war man als Frau gezwungen, sich der Entscheidung des Mannes zu fügen, auch wenn man seine Liebe nicht erwiderte", berichtet sie trocken, ihr Gesicht zeigt keinerlei Gefühlsregung. Heute sei es den Frauen jedoch möglich, dem Mann eine Absage zu erteilen, wenn kein Interesse bestehe. Auch wenn sich einiges verbessert habe, so herrschten noch immer konservative Traditionen im Hintergrund. "Als ich nach Deutschland kam, umgab mich sofort das Gefühl von Freiheit." Ein sanftes Lächeln umspielt ihre Lippen. Sie habe es nie bereut, hierhin gezogen zu sein und einen Deutschen geheiratet zu haben. "Manchmal passiert es mir jedoch noch, dass ich aus alter Gewohnheit heraus im Restaurant voreile, um meinem Mann die Tür zu öffnen, wie es in Japan so üblich ist. Dann erinnere ich mich jedoch, dass in Deutschland diese Rolle den Männern zufällt." Sie lacht. "Auch wenn es anfangs für meinen Vater schwer zu akzeptieren war, werde ich in Deutschland bleiben, denn hier fühle ich mich wohl."

Die Rolle der Frau in Japan ist auch heute noch umstritten. Viele junge Japanerinnen wehren sich zusehends gegen die Rollenunterschiede. "Das Leben einer japanischen Frau ist das eines Vogels in einem goldenen Käfig. Sie muss nicht arbeiten und wird beschenkt, ist jedoch abhängig von ihrem Mann und nicht frei", formuliert Yuki, eine japanische Schülerin in einem Brief an ihre Schulfreundin in Deutschland. Manami Orihara ist 19 Jahre alt und besucht seit zwei Jahren die Universität "TIU" in Tokio.

Sie lebt noch mit ihrer Familie in Saitama, ungefähr eine Stunde von der Hauptstadt entfernt. Ihr Vater ist Mitarbeiter bei Honda, während ihre Mutter ab und zu in einem Büro aushilft. Ihre Universität bietet vielen ausländischen Studenten die Möglichkeit eines Studiums in Japan.

In einem Telefongespräch erklärt sie ihrer deutschen Freundin, dass es auf ihrer Universität durch den wachsenden internationalen Einfluss überhaupt keine Unterschiede zwischen Mann und Frau gebe. Wenn ein gemeinsames Treffen mit Freunden anliegt, würde man nicht wie früher dem Mann die Wahl des Ausflugsortes überlassen, sondern gemeinsam darüber entscheiden, wo und was unternommen wird. Manami weist jedoch darauf hin, dass ältere Menschen in Japan noch immer den Männern größeren Respekt entgegenbringen als den Frauen. Im Ausblick auf ihre Zukunft äußert sie die Sorge, im Beruf benachteiligt zu werden. "Wenn eine Frau in einer großen Firma arbeitet, ist sie verpflichtet, für männliche Kollegen Tee oder Kaffee zu machen und zu bringen, wenn diese sie darum bitten. Männern wird diese Aufgabe nie zugeteilt." Die Unzufriedenheit in ihrer Stimme ist kaum zu überhören. "Wenn man als Frau im Beruf sehr erfolgreich ist, bezeichnet man das in Japan als career woman, dieser Typ von Frau übertrifft jeden Mann mit ihrer Kompetenz und ihren Fähigkeiten, wird aber niemals von ihrem Boss anerkannt werden, da von Frauen ab dem Alter von 25 Jahren erwartet wird, eine Familie zu gründen und sich um den Haushalt zu kümmern", erklärt die junge, aufgeschlossene Japanerin und seufzt. "Dennoch hat sich im Vergleich zu früher vieles zum Besseren gewendet, und ich hoffe, dass auch bald im Berufsleben Gleichberechtigung herrscht."

In den vergangenen Jahren entschieden sich immer mehr Frauen für ihre Karriere. Die Geburtenrate ist von 2000 bis 2009 von 9,96 auf 7,64 Geburten je tausend Einwohner gesunken. Japanerinnen streben eher eine Karriere ohne Kinder an, als weiterhin in ihrem goldenen Käfig verharren zu müssen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Tee kochen für die Kollegen
Autor
Alina Laes
Schule
Martino-Katharineum , Braunschweig
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.04.2011, Nr. 87, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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