Nie war der Bunker unterm Bahnhof bombenfest

Beim Rundgang durch das vierstöckige Unterwelten-Museum am Berliner U-Bahnhof "Gesundbrunnen" fühlt man sich in die Zeit des Zweiten Weltkriegs versetzt. Die Besucher werden in die Tiefe geführt und tauchen Schritt für Schritt über eine Treppe in die Vergangenheit ab. Die Führung leitet Dietmar Arnold, Vereinsvorsitzender des "Berliner Unterwelten e.V.", ein humorvoller, schlanker Mann Mitte 40.

Im Museum erscheinen Aufschriften wie "Raum 24/50", die Auskunft darüber geben, dass sich 50 Personen in den engen Raum 24 drängen mussten, der nur 20 Quadratmeter umfasst. Heute noch ist die Angst zu spüren, die die Menschen während eines Luftangriffs empfunden haben. Belastend muss es gewesen sein, Stunden mit Fremden zu warten, eingeengt und machtlos die Bombenangriffe zu hören.

Der Platz ist knapp, nur wenige finden noch einen Sitzplatz auf dem kalten Boden. Die Zeitzeugen Liselotte Kubitzen, 77 Jahre alt, und Gerhard Rietdorff, 80 Jahre alt, die während des Krieges in Berlin wohnten, berichten, dass sie am Anfang des Zweiten Weltkriegs höchstens zwei Stunden im Bunker verbrachten, ab 1944/1945 wurden es jedoch vier bis sechs Stunden am Tag. Die Luftangriffe häuften sich, so dass die Einwohner mehrmals in einer Nacht in den Luftschutzkeller flüchteten. Jeder Raum befasst sich mit einem anderen Thema: ziviler Luftschutz bei Bombenangriffen, Aufräumarbeiten in der Nachkriegszeit, Rohrpost und Entschädigung bei Zwangsarbeiten.

Überdies sind Propagandabilder aus der NS-Zeit und Funde aus dem Krieg ausgestellt. So wird durch einen Koffer, der klein wie ein Besteckkoffer ist, demonstriert, wie wenig Eigentum jeder bei Luftangriffen bei sich haben durfte. Hinein passten neben Kleidung oft nur Ausweis und Geld. In einem anderen Raum sind persönliche Gegenstände von gefallenen Soldaten zu sehen. Viele junge Besucher wissen nicht mehr, dass man von den Erkennungsmarken auf die Toten schließen konnte. Ein Einschussloch an einem Helm demonstriert die Todesursache eines Gefallenen.

Der Verein beschäftigt sich mit der Erforschung alter unterirdischer Bauten: Bunker, Kanäle und ungenutzte U-Bahn-Schächte. Die rund 400 Mitglieder aus allen Altersklassen sind Handwerker, Ärzte, Juristen, Studenten, Historiker und Architekten. Unter anderem bieten sie Führungen durch den Bunker am U-Bahnhof "Gesundbrunnen" an. Der Bunker ist hinter einer massiven Stahltür versteckt. Arnold erzählt die Geschichte des Bunkers, der 1930 gebaut wurde. Ursprünglich war er als neuer U-Bahn-Schacht geplant, jedoch durchkreuzten Bodenprobleme, die auf den sandigen Untergrund und den hohen Grundwasserspiegel zurückzuführen sind, diese Pläne. So wurde der Bau des U-Bahn-Schachtes in 15 Metern Höhe fortgesetzt, die tieferen Räume wurden aufgegeben.

Erst während des Krieges, als die Angst vor feindlichen Flugzeugen wuchs, griffen die Städteplaner dieses Projekt wieder auf. Nach den ersten Luftangriffen wurden die leeren Räume zum Bunker umgebaut. Die Menschen, die hier Zuflucht fanden, hatten Glück, dass der Bunker nie getroffen wurde. Denn aus dem Bauplan geht hervor, dass er nicht "bombenfest" ist. Er wurde nur als solcher genutzt, um die Bürger zu beruhigen. Die Besichtigung endet mit dem Aufstieg über lange Treppen, die U-Bahn-Geräusche werden lauter, der Besucher taucht in das grelle Sonnenlicht und die Gegenwart ein.

Informationen zum Beitrag

Titel
Nie war der Bunker unterm Bahnhof bombenfest
Autor
Jeannine Mönch
Schule
Viktoria-Luise-Gymnasium , Hameln
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.04.2011, Nr. 93, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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