Plastikbibel und Twitterversion

Die Papyrusrollen sind lesbar, die Floppydisk ist es nicht mehr. In Münster gibt es ein Museum für Bibeln.

Bibeln gibt es aus Stein, Papyrus, Leder, Pergament und Papier, Plastik, auf Floppy Disk oder CD-Rom, als Hörbuch, als MP3-Datei. Das Witzige dabei ist, dass die Floppydisk höchst wahrscheinlich inzwischen nicht mehr lesbar ist, während die 2000-jährigen Papyrusrollen uns immer noch erhalten sind", erklärt Richard Höffner. Der Theologe und Judaist ist Anfang vierzig, trägt einen gepflegten Dreitagebart und eine Brille und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Münsteraner Bibelmuseum in einer Seitenstraße des Domplatzes. Freundlich leitet er die Besucher durch die Ausstellung.

Etwa 1000 Originalschriften umfasst die Sammlung, davon ist die Hälfte ausgestellt. Eines der ältesten Dokumente, das je auf der Welt gefunden wurde, ist nicht größer als ein Spickzettel, nicht jünger als 4000 Jahre. "Überwiegend schildert dieser Schöpfungsbericht, dass Gott die Feldhacke erschaffen habe", schmunzelt Höffner, "das war für die Sumerer wohl besonders wichtig und gerade Stand der Technik." Geschrieben wurde er in Sumerisch und Keilschrift.

Das Bibelmuseum ist Teil der Westfälischen Wilhelmsuniversität Münster und dem Institut für neutestamentliche Textforschung angegliedert. Im Institut, das im selben Haus, direkt unter dem Museum untergebracht ist, wird der griechische Text des Neuen Testaments erforscht und rekonstruiert.

Begonnen hat alles in den 50er Jahren, als Kurt Aaland, aus Halle an der Saale kommend, die neutestamentliche Textforschung nach Westfalen brachte. Der Theologieprofessor zog mit Mitarbeitern vor allem in Griechenland von Kloster zu Kloster um die Handschriften, die es noch vom neuen Testament gab, ausfindig zu machen und abzufotografieren. Heute besitzt das Institut von rund 96 Prozent aller griechischen Handschriften des Neuen Testaments den vollständigen Text auf Mikrofilm oder Fotografie.

"Es geht hier weniger um den Inhalt der Bibeln, als vielmehr deren Überlieferung durch die Jahrtausende", erläutert Höffner. "Gerade das macht das Bibelmuseum nicht nur für religiöse Menschen interessant." Eine modernere kuriose Bibelfassung im Twitterstil stammt von 2009 und ist mit dem Vers "Und Gott chillte" betitelt. Das Werk war ein Zufallsprodukt des evangelischen Kirchentags, an dem die Besucher dazu aufgefordert wurden, ihren Lieblingsvers aus der Bibel bei Twitter zu posten. Ungewohnt ist die "Bibel in gerechter Sprache", sie zeigt "die ewige Gott" und "der allmächtige Gott" gleichberechtigt nebeneinander. Diese Bibel versucht sprachliche Geschlechterdiskriminierungen und jede Form von Antisemitismus zu umgehen.

Nachdem man Alternativen wie Papyrus kannte, wurde trotzdem noch auf Tierhaut geschrieben. "Um eine Bibel herzustellen, brauchte man 300 Schafe", erklärt Höffner. Für jüdische Torarollenschreiber war das handschriftliche Übertragen der heiligen Schrift eine religiöse Handlung und verlangte, dass die Schreiber sich vor der Niederschrift des Namens Gottes, jedes mal von neuem waschen und weihen mussten. "Das führte dazu, das viele dazu übergingen sich nur einmal zu waschen und zu weihen und anschließend ,Gott' im Voraus an die zu erwartenden Textstellen eintrugen und den Rest drumherum schrieben." Der einfach ausgestattete, helle Raum strahlt eine fast meditative Ruhe aus. Die Exponate in den Vitrinen, die vergilbten Papyrusrollen, das gegerbte Leder und die fremden Sprachen berühren den Laien in ihrer schlichten Würde. "Auf der Welt gibt es circa 6600 Sprachen, die Bibel liegt in Teilen in circa 2500, als vollständiges Werk jedoch nur in 451 davon vor, und man bemüht sich um eine ständige Weiterübersetzung."

In einer Glasvitrine liegen die erste Bibel des Martin Luther und seine letzte, mit persönlicher Widmung, fertiggestellt im Jahr 1546, wenige Wochen vor seinem Tod. "Luther ist nicht, wie viele glauben, der erste Übersetzer der Bibel in die deutsche Sprache. Vor ihm gab es bereits zwei Übersetzer ins Ober- und ins Niederdeutsche. Wer sie anfertigte, ist nicht bekannt." Dem Eingang gegenüber steht der originalgetreue Nachbau einer Gutenberg-Buchpresse. Diese Art des Mobilletterndrucks erforderte das Setzen jeder einzelnen metallischen Letter auf einen Din-A5-großen metallischen Rohling, der mit Tinte versehen die Buchstaben auf Pergament oder Papier abdruckte. Johannes Gensfleisch erfand diese Art des Buchdrucks und wurde damit zum Medienrevolutionär. Carl Canstein und Hermann Francke gründeten 1710 die erste Bibelgemeinschaft der Welt und druckten die Bibel im sogenannten Stehsatz. Die Bibelgemeinschaft druckte innerhalb von 100 Jahren 1000 000 Exemplare.

Die billigste Bibel im Museum ist unter den moderneren Ausgaben zu finden. Ein Kaffeehaus, das diese Bibel drucken lies, wirbt mit einem Plakat. "Billiger als eine Tasse Kaffee" steht darauf. Die weiße Bibel mit roten Buchstaben kostet 1,50 Euro. In der Vitrine befinden sich auch eine Ausgabe der Zeugen Jehovas und eine zehn Zentimeter große Plastikversion. In Russland war die Bibel in den siebziger Jahren verboten. Daher fertigte man diese Version an. "Diese Evangelien wurden aus Plastik hergestellt, damit man sie notfalls in den Suppentopf fallen lassen konnte. Das hat dem Büchlein nichts gemacht, den Besitzer möglicherweise gerettet, und die Suppe hat davon auch nicht schlechter geschmeckt", scherzt Richard Höffner. In Reichweite befindet sich auch die zweitkleinste Bibel der Welt. Drei mal vier Zentimeter ist das technologische Wunder und nur unter der Lupe lesbar. "Inzwischen gibt es aber eine noch kleinere", sagt der Kustos. Seine Lieblingsausgabe ist übrigens eine Kinderbibel aus Sicht der Tiere. "Eigentlich ist es die Regel, dass die Leute immer total geflasht sind, wenn sie sehen, was man alles über die Bibel wissen kann."

Informationen zum Beitrag

Titel
Plastikbibel und Twitterversion
Autor
Milena Weber
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.04.2011, Nr. 93, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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