Auf Dauer nicht geeignet

Ihr habt ja tatsächlich Humor!" - "Aber das habe ich dir doch schon erzählt, Deutsche sind wirklich witzig." Kurze Blicke werden getauscht, alle lachen. Von den Wänden des gemütlichen georgischen Lokals im Herzen Krakaus hallt es. "Zwei Bier bitte", sagt Magdalena Talaga, eine mittelgroße junge Frau mit langen, braunen Haaren. Schnell zeigt sich, dass die polnischen Studentinnen gern Bier trinken und es Polen amüsant finden, wie falsch deutsche Jugendliche ihre gleichaltrigen Nachbarn, die "Polski", einschätzen. Nachdem sich jeder in der zweisprachigen Gruppe eine Spezialität ausgesucht hat und die Getränke auf dem rustikalen Holztisch stehen, beginnt die im Laufe des Abends immer lockerer werdende, internationale Jugendrunde. Sabira Krayj, die wie ihre Freundin 22 Jahre alt ist und Deutsch studiert, kräuselt noch unentschlossen ihre braunen, lockigen Haare und denkt über ihre Deutschlanderlebnisse nach. Magdalena hingegen zögert nicht: "Ist doch klar. Oktoberfest, Pünktlichkeit und Berlin." Sabira verneint. Ihrer Meinung nach haben Polen viel zu viele Vorurteile gegenüber Deutschland. "Selbst die Deutsche Bahn kam zu spät, als ich das erste Mal in Deutschland war. Und nicht nur die . . ." Beide Frauen waren mehrmals in Deutschland und finden es interessant, die "wahnsinnigen Unterschiede" zwischen den Jugendkulturen festzustellen. Nach ihrer Meinung sei es in Deutschland ein "Muss", Markenkleidung zu tragen und jedes Wochenende auf Partys zu gehen. Für Sabira ist es selbstverständlich, die Familie jedes Wochenende zu besuchen und immer daran zu denken, dass es jemanden gibt, der einen vermisst und Hilfe braucht. An ihrem "über alles geliebten" Großvater übt Magdalena indes Kritik. Für sie sei er zu "altmodisch". Seine Vorurteile gegenüber Deutschen oder Russen seien "kaum noch ertragbar". Die ältere Generation glaube nur an das, was sie selbst gesehen habe oder Bekannte erzählten, auch wenn es vor langer Zeit geschehen sei. Dass beide auch ein negatives Bild von Deutschen haben, zeigt sich beim Thema Politik: Deutsche machten es sich zu einfach und behandelten Polen als einen "weiteren, unbeliebten Nachbarn" im Osten. "Trotzdem finden es die meisten polnischen Jugendlichen wichtiger, eine gute Beziehung zu Deutschland zu pflegen, anstatt mit Russland", sagt Magdalena. Deutschland stehe für die Zukunft. "Die Deutschen sind immer freundlich, multikulti und modern. Russland wird uns in der Zukunft nicht weiterhelfen können." Magdalena könnte sich vorstellen, für immer in Deutschland zu leben, vorausgesetzt, sie habe "einen guten Job und Kontakt zur Familie". Sabira schüttelt den Kopf. Deutschland sei ein aufregendes, modernes Land, aber für ein ganzes Leben sei es nicht geeignet. Polnische Jugendliche besuchten Deutschland gern als Urlaubsort, aber die dauerhafte Abwesenheit von Freunden und Familie sei einfach nicht mit ihrer "Heimattreue" zu verbinden. Zum Schluss trinken alle einen Wodka. Mit einem herzlichen "trzymajcir sie" - "macht's gut" - verabschieden sie sich.

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf Dauer nicht geeignet
Autor
Jessica Reinemer, Tim Gaidies, Adrian Esslen, Marco Le Donne, Dilthey-Schule, Wiesbaden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.2010, Nr. 109 / Seite N5
Projekt
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