Manchmal trainiert er im Thermoanzug

Man darf keine Angst vor Verletzungen haben, und man muss einfach manchmal auch 'ne Drecksau sein." Der 17-jährige Freistilringer des KSV Aalen 05 Markus Knobel beschreibt seinen Sport als eine Kopfsache mit viel körperlichem Einsatz, bei der man reaktionsstark sein muss. "Man muss spüren, wie er reagiert, und seinen Gegner zu Fehlern zwingen." Leider sei der Ringsport nicht populär und werde von den Medien nicht so unterstützt wie andere Sportarten, obwohl er sogar eine der ersten olympischen Disziplinen war. Knobel lehnt entspannt seine breiten Schultern im Stuhl zurück: "Ich hab zuerst Fußball gespielt, aber das war nicht so meins. Mein Vater ist früher öfters zum Zuschauen zum KSV gegangen, und ich bin immer wieder mitgegangen. Mir hat der Sport gefallen, und dann bin ich mit meinem Bruder einfach mal ins Training gegangen."

Damals war er sechs, und schon bei seinem ersten Turnier, den Bezirksmeisterschaften, wurde er Zweiter. Und er blieb erfolgreich. Insgesamt wurde er sieben Mal württembergischer Meister, auch im Januar 2011, 2006 dann deutscher Vizemeister, 2009 deutscher Meister und im Februar 2011 wurde er wieder deutscher Meister in der A-Jugend. Verletzungsbedingt nahm er an der EM 2010 nicht teil.

Dank seiner Erfolge ist der dunkelhaarige, 1,78 Meter große Knobel bereits als Jugendlicher Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Essingen. Von der Stadt Aalen und dem Ostalbkreis wurde er mit einem Lorbeerblatt ausgezeichnet. "Manchmal wird mir das schon zu viel, und ich hab überhaupt keine Lust zu trainieren, und doch gehe ich täglich von Montag bis Freitag immer ab 19 Uhr ins Training." Von Mitte August bis Dezember kommen samstags Rundenkämpfe hinzu, und danach startet die Vorbereitung auf die deutsche Meisterschaft. Dann geht er auch samstags und sonntags zum Joggen oder Langlauf. Und nebenher will Markus noch eine Ausbildung zum Industriemechaniker machen. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für die Freundin oder gar andere Hobbies.

Viel Selbstdisziplin erfordert auch das sogenannte "Gewichtmachen", dies bedeutet, möglichst viel Gewicht in kurzer Zeit zu verlieren, um zum Beispiel bei einem Turnier in einer niedrigeren Gewichtsklasse kämpfen zu können. "Eine sehr harte Zeit, in der man auf vieles verzichten muss." Er isst in dieser Zeit nichts und trinkt nur ganz wenig. Außerdem trainiert er dann in einem Thermoanzug, sodass er sehr viel schwitzt. Den Durst stillt er mit speziellen Mineralgetränken. "Ringen ist eigentlich eine sehr gesunde Sportart, weil alle Muskeln und das Gehirn beansprucht werden. Man lernt jeden einzelnen Teil seines Körpers kennen."

Gleichzeitig ist es aber auch eine sehr verletzungsanfällige Sportart. Auch Markus Knobel ist nicht verschont geblieben, am Knie ist er schon viermal operiert worden. Aber abschrecken kann ihn so etwas nicht. Beiläufig zeigt er auf sein linkes Ohr: "Da stehen die Mädels drauf!" Das sogenannte Ringerohr oder auch Blumenkohlohr ist eine Entstellung am äußeren Ohr, es entsteht durch Blutergüsse, die durch die jahrelangen Schläge aufs Ohr entstehen und sich dann verhärten.

Sein Verein unterstützt ihn und auch seine Familie steht hinter ihm. "Die Unterstützung durch die Eltern ist sehr wichtig, ohne sie würde es gar nicht gehen." Der Vater und der große Bruder sind immer mit dabei. Bruder Max ringt selbst und war schon mehrmals deutscher Meister. Während einer kämpft, ist der andere nie ruhig, sondern schreit immer dazwischen. Nur die Mama kann es nicht mit ansehen, wie ihre Kinder kämpfen, und lässt es sich dann lieber erzählen. Dafür kommt, soweit es möglich ist, Markus' Freundin Maike zu den Kämpfen mit. Ihre Meinung zum Sport ihres Liebsten ist zwiespältig: "Ringen ist interessant, aber brutal und hat viel mit Emotionen zu tun, eine Geschmacksache."

Die letzten Minuten vor dem Kampf will Markus seine Ruhe haben und allein sein. Obwohl er schon so lange ringt, ist er vor jedem Kampf nervös. Nach dem Aufwärmen geht er noch mal kurz die Technik durch und spricht mit dem Trainer, danach geht es in die Konzentrationsphase. Maike beschreibt es so: "Er setzt sich dann immer in eine Ecke, zieht sich seine Kapuze über und hält sich die Hände vors Gesicht." Markus Knobels Motto lautet: "Werd immer Erster, denn schon der Zweite ist der erste Verlierer!"

Informationen zum Beitrag

Titel
Manchmal trainiert er im Thermoanzug
Autor
Elena Gold
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.04.2011, Nr. 97, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180