Lieber zu zweit pfeifen

Eine Entscheidung, ein Pfiff, ein gellendes Pfeifkonzert und wütende Protestschreie. So sieht der Alltag eines Schiedsrichters aus. Vor allem in Kontaktsportarten wie Fußball, Basketball und Handball. Allerdings bildet Handball eine Ausnahme. Keine andere Sportart lebt so sehr von der Schnelligkeit und Dynamik wie der Handball. Diese Eigenschaften machen es für die Schiedsrichter besonders schwer, immer eine gerechte und korrekte Entscheidung zu fällen.

Für Robert Nemec aus Ingolstadt liegt der Anreiz darin, sich mit den Schiedsrichterkollegen zu messen, denn es gibt eine Rangliste, die über Auf- und Abstieg als Schiedsrichter entscheidet. Hierfür sind neutrale Beobachter im Einsatz, die - teilweise ohne Vorankündigung - ein Spiel besuchen und die Schiedsrichter nach verschiedenen Kriterien beurteilen. Dabei geht es nicht nur um die Richtigkeit bestimmter Entscheidungen, sondern auch darum, den Spielfluss nicht unnötig zu unterbrechen. Denn, wie der ehemalige Spieler und heutige Schiedsrichterwart für den Bayerischen Handballverband (BHV), der hauptberuflich für die Fahrzeugvorbereitung im Kundencenter von Audi in Ingolstadt tätig ist, sagt: "Ab einer gewissen Liga hat es keinen Sinn, den Spielern das Regelbuch vorzuhalten und zu sagen: ,Das ist Regel 4.5. Deshalb habe ich gepfiffen.' Das Handballspiel lebt von seiner Schnelligkeit. Wenn ich alles unterbreche, bin ich derjenige, der sich in den Vordergrund stellt. Das macht den Zuschauern und den Spielern keinen Spaß."

Ab einer bestimmten Liga ist der Verband dazu verpflichtet, das Spiel von zwei Schiedsrichtern leiten zu lassen. Das bringt allerdings auch Probleme mit sich. An erster Stelle steht hierbei die Kommunikation zwischen den Schiedsrichtern, das erfordert vor allem für junge Teams großen Aufwand. Denn sie müssen nicht nur die richtige Auslegung des Regelwerks beherrschen, sondern auch einen Blick für Laufwege und die Stellung auf dem Spielfeld entwickeln, um keine der beiden Mannschaften zu behindern, und ständig auf versteckte Fouls achten.

Ein gutes Beispiel gibt hierbei der Schüler und junge Schiedsrichter Lukas Brandt aus Ingolstadt, der zusammen mit einem gleichaltrigen Kollegen ein Team bildet. Seit Anfang der Saison 2008/2009 besitzt der 18-Jährige seine Schiedsrichterlizenz. In puncto Kommunikation weiß er, dass es sich hierbei "um einen langen Prozess zum blinden Verstehen handelt, da der Einfluss durch Außenstehende sehr groß ist". Bereits mehrmals wurden sie auf dem Spielfeld als Sündenböcke dargestellt, wie Lukas Brandt berichtet: "Das größte Problem hierbei ist es, dass uns fehlende Kompetenz zugeschrieben wird, obwohl wir sie besitzen." Hieraus ergibt sich ein weiterer Grund für die Schiedsrichter, im Team zu pfeifen: "Vor allem in brenzligen Situationen ist es einfacher, im Team zu pfeifen, da man diese durch den Rückhalt des anderen besser entschärfen kann", erklärt Lukas Brandt.

Mit Anfeindungen werden Schiedsrichter fast wöchentlich konfrontiert. Oft reicht bereits eine einzige Entscheidung, um die Zuschauer, die Spieler und besonders die Trainer auf die sprichwörtliche Palme zu bringen. "Da können die Emotionen schon mal hochkochen, wenn es gegen den Abstieg oder um den Aufstieg geht", sagt Robert Nemec. Lukas Brandt beschreibt dieses Phänomen damit, dass Schiedsrichter oft zur ,,Zielscheibe der Wut" werden, wenn die favorisierte Mannschaft kurz vor Schluss hinten liegt. Er erinnert sich an einen Vorfall, in dem er als Schiedsrichter ein Stadtderby pfiff. Nie zuvor habe er mit einem dieser Vereine etwas zu tun gehabt. Als er bei einer Verletzung eines Gastspielers nicht sofort das Spiel unterbrach, stürmte der Betreuer des verletzten Spielers auf das Feld. Aber anstatt sich um seinen offensichtlich verletzten Schützling zu kümmern, ging er auf den Schiedsrichter los und nannte ihn einen "Heimschiedsrichter".

Auch Robert Nemec hat in seiner Zeit als Schiedsrichter schon das eine oder andere Schimpfwort über sich ergehen lassen müssen. Deshalb lernen junge Schiedsrichter bei der Ausbildung zum Unparteiischen, dass man mit genug Entschlossenheit und Standfestigkeit fast jede Entscheidung verkaufen könne. Schiedsrichter sind eben auch nur Menschen und machen Fehler. Schließlich kennt jeder Sportler das Sprichwort: "Aus Siegen lernt man nichts, aus Niederlagen hingegen einiges."

Informationen zum Beitrag

Titel
Lieber zu zweit pfeifen
Autor
Daniel Metzner
Schule
Katharinen-Gymnasium , Ingolstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.04.2011, Nr. 97, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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