Als Tarzan verspottet

Die Runde türkischstämmiger Migranten ähnelt eher einem Debattierclub als einer Selbsthilfegruppe. Unser Autor war bei einem Abend in Berlin dabei.

Der Teekessel pfeift. Auf dem Tisch im Büro von Kazim Erdogan in Berlin-Neukölln steht eine Keksdose. Der 57-jährige schlaksige Mann, der für den Psychosozialen Dienst des Problemkiezes arbeitet, hat seine Heimat in Deutschland gefunden. Ehrenamtlich engagiert er sich seit 35 Jahren für Integration. Sein Verein "Aufbruch Neukölln e.V." ist sein bekanntestes Projekt, aus dem vor vier Jahren die erste Selbsthilfegruppe für türkischstämmige Migranten in Deutschland hervorging.

Doch die Zeiten waren für den aus Anatolien stammenden Mann nicht immer so rosig. 1974 folgte er einer Einladung seines Onkels, der als Gastarbeiter in Berlin lebte. Er wollte hier Psychologie und Erziehungswissenschaften studieren. "Als ich am Hauptbahnhof in München ankam, merkte ich, wie hilflos man ist, wenn man sich nicht verständigen kann", kommentiert er seinen Versuch, eine Fahrkarte nach Berlin zu kaufen. Trotz sprachlicher und finanzieller Probleme hat er sich durch sein Studium gekämpft. "Nachts habe ich gearbeitet, und tagsüber bin ich zur Uni gegangen."

Diese Hilflosigkeit, die Kazim Erdogan bei seiner Ankunft am eigenen Leib erfahren hat, teilt er mit vielen türkischen Männern. Sie leben aufgrund ihrer Sprachlosigkeit oft isoliert, finden keinen Zugang zu der Gesellschaft, die ihnen anscheinend verschlossen bleibt. Aufgefallen ist Erdogan das Anfang der achtziger Jahre, als er an einer Hauptschule in Berlin-Schöneberg unterrichtete. "Schon damals bei den Elternabenden habe ich mich gefragt: Wo sind bloß die Väter?" Die Männer tun sich oft schwer mit ihren Problemen. Nicht selten versuchen sie, diese in Männercafés im Alkohol zu ertränken. Mit der Selbsthilfegruppe wollte er diese Menschen mit ins Boot holen, sie mit ihren Sorgen nicht alleinlassen.

Einer von ihnen ist der 40-jährige Aydin Bilge. Sein langes zum Zopf zusammengebundenes Haar unterscheidet ihn schon äußerlich von den anderen, die überwiegend einen Kurzhaarschnitt und Schnauzer tragen. Seit 2009 engagiert er sich ehrenamtlich in der Gruppe, die sich montagabends in einer ehemaligen Mietwohnung im Norden Neuköllns trifft. Die 15 meist älteren Männer sitzen auf Stühlen im Kreis um ein paar Tische herum. Wie in Erdogans Büro steht auch hier ein silbern glänzender Samowar. Jedem wird eine Tasse mit dampfendem Tee gereicht. Thema der Sitzung ist die Düsseldorfer Rede des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, in der er dafür plädierte, dass Kinder türkischer Einwanderer erst die türkische und dann die deutsche Sprache lernen sollten, auch wenn sie in Deutschland geboren wurden. Gruppenleiter Kazim Erdogan führt eine Rednerliste. Es wird viel über die Probleme diskutiert, die man hat, wenn man die Landessprache nicht beherrscht. Auf Deutsch und auf Türkisch. Der Diskussionsleiter lässt nicht jeden Beitrag der Männer unkommentiert, korrigiert immer wieder ihre sprachlichen Schnitzer. Das Ganze erinnert eher an einen Debattierclub als eine Selbsthilfegruppe.

Auch Aydin Bilge bringt schmerzliche Erfahrungen ein. Er kam auf Drängen seiner Mutter mit sieben Jahren nach Deutschland. Seine Eltern hatten sich unmittelbar nach seiner Geburt von ihm getrennt. Sie waren auf der Suche nach einer besseren Zukunft als Gastarbeiter und sind mit seinen beiden älteren Brüdern nach Deutschland gezogen. Ihn früher nachzuholen konnten sie sich nicht leisten. "Ich wurde eingeschult, ohne ein Wort Deutsch zu können. Die anderen Kinder haben sich über mich lustig gemacht, haben mich als Tarzan bezeichnet", erinnert er sich an den Schulanfang in Berlin. Auf Verständnis stieß er mit seinen Problemen nicht. Seine Eltern konnten seine Ängste nicht nachvollziehen.

"Ich habe geweint, aber niemand hat mir zugehört. Mein Vater hat Druck gemacht. Ich solle ein Mann werden." Trotz aller Hindernisse schaffte er seinen Abschluss an einem Oberstufenzentrum für Elektrotechnik in Spandau und arbeitete danach zehn Jahre lang als Kabeljungwerker für eine Berliner Firma. Lässig und selbstbewusst wirkt der alleinerziehende Vater mit seiner schwarzen Lederjacke und dem silbernen Ohrring, als er von seinem beruflichen Erfolg erzählt. Doch dann plagten ihn Identitätsprobleme. "Ich habe mich gefragt, wer ich bin. Bin ich Deutscher oder Türke? Das hat mich sehr belastet."

Einen Neuanfang wollte er mit seiner türkischen Frau, die er in Deutschland kennengelernt hatte, und seinem damals dreijährigen Sohn wagen. In der Hoffnung, eine Antwort auf die Frage nach seiner Identität zu finden, ging die Familie zurück in die türkische Provinz Ayvalik an der ägäischen Küste. Dort sah er sich aber schon bald mit denselben Konflikten wie in Deutschland konfrontiert. Sein westlicher Lebensstil wurde als andersartig wahrgenommen. "Ich habe viele Aufgaben partnerschaftlich mit meiner Frau geteilt und die Kinder von der Schule abgeholt. Den Leuten in der Ortschaft gefiel das nicht." Viele Ältere forderten ihn auf, sich anzupassen. Er sei hier nicht in Deutschland, sondern in der Türkei.

Diesen Belastungen hielt seine Ehe nicht stand. Als sein 2004 geborene zweiter Sohn ins Schulalter kam, zerbrach sie endgültig an der Frage der Ausbildung der Kinder. "Meine Schwiegereltern in der Türkei wollten, dass ihre Enkelkinder dort aufwachsen, aber die Bildungschancen in Deutschland sind doch ganz andere", erklärt er seine Entscheidung, 2009 nach Deutschland zurückzukehren.

Seine inzwischen von ihm geschiedene Frau entschied sich für ihre türkische Familie und blieb mit dem jüngeren Sohn dort. Mit Klavierunterricht und Fußball versucht Aydin Bilge nun, die Talente seines Sohnes zu fördern. "Aber ich bin zerstückelt. Ich versuche Mutter, Vater, Onkel und Oma in einem zu sein." Auf seinen heute 13-jährigen Sohn ist er stolz. "Letztes Jahr hat er eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen. Er ist erst seit zwei Jahren in Deutschland, das ist eine enorme Leistung." Bevor die beiden nach Deutschland zurückkehrten, wurden sie als Landesverräter und Deutschländer beschimpft. "Wir wären psychisch gestört, haben sie uns gesagt, denn es musste irgendeinen Grund geben, warum wir anders sind. Und da habe ich mich gefragt, ob ich vielleicht wirklich etwas falsch gemacht habe." Darum suchte er nach Therapien und Vereinen, um Menschen zu begegnen, die seine Probleme verstanden. Zufällig erfuhr er von Erdogans Männergruppe. Mittlerweile ist er seit zwei Jahren dabei und arbeitet eng als Sozialbetreuer mit Kazim Erdogan zusammen.

"Unser ältester Teilnehmer ist 67 Jahre alt", sagt Bilge. "Durch seine und die Erfahrungen der anderen Väter kann ich manche Fehler vermeiden. Man lernt aus den Fehlern anderer." Es gehe darum zu erfahren, dass man nicht allein ist mit seinen Problemen und wie man mit diesen am besten umgeht. Seine Identitätsprobleme hat er mit Hilfe der Gruppe hinter sich gelassen. "Ich bin ein individueller multikultureller Berliner", erklärt er lächelnd. Das eigentliche Treffen ist vorbei. Die Männer fragen Bilge, was er von der Präsidentenrede hält. "Unsere Kinder sollten erst richtig Deutsch und dann Türkisch lernen, denn unser Lebensmittelpunkt ist hier", widerspricht er dem Politiker. Die Männer nicken zustimmend.

Informationen zum Beitrag

Titel
Als Tarzan verspottet
Autor
Vincent Streichhahn
Schule
Leonardo-da-Vinci-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.05.2011, Nr. 109, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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