Die Arbeit im Torfwerk wollten Deutsche nicht machen

Wir beteten am Zuckerfest in der Vorhalle einer Kirche in Oldenburg", berichtet Musa Bellikli, ein vollbärtiger, traditionell türkisch, mit einer Gebetskappe und einer einfachen Strickjacke gekleideter alter Mann. Er ist nicht groß, hat einen leichten Buckel und tiefe Falten, die aus der harten Zeit stammen, die er als Gastarbeiter in Deutschland durchgemacht hat.

Im Jahr 1975 ließ der Mann aus Aksaray, einer Provinz nahe Ankara, seine Familie zurück, um im fernen Deutschland das große Geld zu verdienen. Nach einer beschwerlichen Zugreise kam der Anatolier mit 15 anderen Gastarbeitern in einem Torfwerk, in der Nähe des kleinen Dorfes Esterwegen im nördlichen Emsland unter. Der Besitzer bot den türkischen Männern ein Heim bei dem Torfwerk, wo sie dann für eine geringe Miete von 70 DM leben konnten.

"Man hat uns diese Arbeit gegeben, weil die Deutschen sie nicht wollten", erzählt der jetzt 71-Jährige, "sie war zu hart für sie." Die Schwierigkeit, dass keiner unter den Arbeitern Deutsch sprach, stellte für die Männer ein großes Problem dar. "Wir haben mit unseren Armen gewedelt und gegackert, um dem Verkäufer zu verdeutlichen, dass wir Eier kaufen wollen."

Da die Familie weit weg in der Heimat war, herrschte zwischen den Gastarbeitern eine große Kameradschaft und Freundschaft. Doch in ihrer Freizeit konnten die Männer sehr wenig machen, da das Torfwerk an einer abgelegenen Stelle lag und weil die Männer nicht so recht wussten, wie man in Deutschland seine Freizeit verbringt. Eine willkommene Abwechslung gab es alle 15 Tage. Dann wurde für eine halbe Stunde türkisches Fernsehen übertragen. Gespannt warteten die Arbeiter dann immer auf diese 30 Minuten in ihrem bescheidenen Arbeiterheim, da dies die einzige Verbindung zur Heimat war.

Alle Gastarbeiter waren mit der erklärten Absicht nach Deutschland gekommen, hier Geld zu verdienen. "Wir hatten alle das gleiche Ziel, genug Geld zu haben, um uns in der Türkei ein Haus und ein Auto leisten zu können." 1981 zog Musa Bellikli nach Papenburg, einer Kleinstadt im Norden des Emslands, weil er für seine Familie dort ein Haus gekauft hatte und auch, weil er in einer der vielen Gärtnereien einen neue Arbeit gefunden hatte. "Erst war ich fest davon überzeugt, in die Türkei zurückzukehren, doch mein Chef bewirkte, dass ich blieb, denn er hatte mir gesagt, dass ich aufgrund meiner sechs Kinder viel Kindergeld vom Staat bekommen würde", führt der ruhige Mann mit trauriger Miene fort, denn er und viele andere Gastarbeiter, die ihre Familien nach Deutschland holten, haben heute Gewissensbisse. Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben kamen ihre Kinder und Frauen aus dem fernen Kleinasien. Doch heutzutage bezweifeln viele, ob dies die richtige Entscheidung war.

"Mein Sohn besuchte in der Türkei erfolgreich die Schule, aber jetzt ist er gelähmt, weil er hier in falsche Kreise geriet und einer Messerattacke zum Opfer fiel", erzählt Musa Bellikli und ist dabei den Tränen nah. Es sind die schwerwiegenden Unterschiede zwischen der Gastarbeitergeneration und der heutigen Generation, die oft als dritte Generation bezeichnet wird, die Musa Bellikli nachdenklich stimmen. Denn seine Generation hielt es in Deutschland kaum aus, das Land war fremd. Die meisten von ihnen blieben nur bis zu ihrer Rente, um dann weiter in der Türkei zu leben.

Im Sommer lebt Musa Bellikli mit seiner Frau in der Türkei, wo er in seinem eigenen Haus Tomaten und Kartoffeln anbaut, um sie dann in den Basaren Aksarays zu verkaufen. Fünf seiner sechs Kinder sind verheiratet und leben in Deutschland verstreut. Zwei seiner Söhne leben zusammen mit ihren eigenen Kindern in dem Haus in Papenburg, das Musa Bellikli damals für seine eigene Familie gekauft hatte. In den Wintern, die das alte Ehepaar in Deutschland verbringt, fühlen sie sich auf der einen Seite glücklich, weil sie ihre Enkel sehen, aber sie erwarten den Sommer immer mit großer Spannung, um dann wieder in ihre Heimat zurückzukehren.

Doch während Musa Bellikli in Deutschland ist, versucht er seine Enkel so viel wie möglich an ihre türkischen Wurzeln zu erinnern oder ihren muslimischen Glauben zu stärken. Sei es durch seine Geschichten aus dem Koran oder seine Bemühungen, die Enkel an den Wochenenden in die Moschee in Papenburg zu fahren. "Ihr könnt euch glücklich schätzen, dass ihr eine Moschee habt mit einem Imam und großen Gebetsräumen. Wir mussten früher tagelang eine geeignete Gebetsstätte suchen, und deswegen haben wir uns damals für die Kirche in Oldenburg entschieden, in der man ja auch betet", beendet Musa Bellikli mit einem Lächeln seine Erzählung über die meistens harte, aber wenn man zurückschaut, auf eine Art auch spannende Zeit als Gastarbeiter in Deutschland.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Arbeit im Torfwerk wollten Deutsche nicht machen
Autor
Nasuh Bellikli
Schule
Gymnasium Papenburg , Papenburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.05.2011, Nr. 109, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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