Ständig unter Kontrolle und zur Prüfung

Hier bin ich zwar kein Profi mehr, aber dafür habe ich gelernt, was Familie bedeutet", sagt Olga Maier bedächtig. Vor 14 Jahren ist die russische Musiklehrerin nach Friesoythe im Landkreis Cloppenburg gekommen, um hier ein besseres Leben führen zu können. "Mein Mann, mein Sohn Alex und ich hatten gerade einmal ein paar Koffer, als wir nach Deutschland kamen, mehr nicht", lächelt Olga Maier, die ihre lockigen dunklen Haare zu einem Zopf gebunden hat. In Weißrussland, in der Nähe von Minsk, war sie als Lehrerin in einer Musikschule tätig, doch trotzdem war der Wunsch da, nach Deutschland zu ziehen, weil dort bessere Lebensbedingungen herrschen. "In Russland konnten wir zum Beispiel noch nicht einmal einheitliche Badezimmerfliesen kaufen, die mussten wir uns zusammensuchen. Außerdem war die ärztliche Versorgung dort äußerst schlecht", betont sie mit ihrem russischem Akzent. Durch die Auswanderung hoffte sie auf ein erfüllteres Leben, obwohl sie beruflich erfolgreich war. "Mein Mann hat immer gesagt, ich bin mit meiner Arbeit verheiratet", lächelt sie. Als sie 1995 nach Deutschland kam, musste sie beruflich wieder neu starten, da ihre Ausbildung als staatlich anerkannte Musiklehrerin hier nicht anerkannt wurde. "Ich bin wieder bei null angefangen und habe eigentlich alles verloren." Zuerst versuchte sie die Sprache zu erlernen, was für sie das Schwierigste war. Regelmäßig besuchte sie Sprachkurse und lernte durch Gespräche mit deutschen Bekannten weitere Vokabeln und Redewendungen. Schließlich begann die selbstbewusste Aussiedlerin als private Klavierlehrerin zu arbeiten. Allmählich bekam sie immer mehr Klavierschüler und baute sich mit der Zeit eine gute finanzielle Grundlage auf, die ihr Mann mit Handwerks- und Bauarbeiten komplettierte. Oft schwelgt sie heute jedoch noch in alten Erinnerungen und denkt an ihre musikalische Kindheit in Russland zurück, die "sich total von der deutschen Kindheit und dem Schulleben unterscheidet". Schon mit sieben Jahren besuchte Olga Maier jeden Nachmittag eine Musikschule. Die Musikschulen in Russland verlangen eine strenge Aufnahmeprüfung, bei der Talent und Hörfähigkeit geprüft werden. Außerdem muss sich jeder Schüler und jede Schülerin für sieben Jahre dort verpflichten. In deutschen Musikschulen gibt es weder eine Aufnahmeprüfung noch Verpflichtungen, stattdessen wird eine Grundausbildung geboten, die sich von der intensiven Ausbildung in Russland unterscheidet. In russischen Musikschulen wird immer ein Hauptfach, wie beispielsweise Klavier oder Akkordeon, einmal in der Woche für zwei Stunden und 45 Minuten unterrichtet; ebenso auch eine Stunde Notenlehre und Musikliteratur, in der dann Werke von Komponisten wie Bach oder Händel analysiert werden. "Einmal in der Woche konnten wir auch an einem Chor und einem Ensemble teilnehmen", sagt Olga Maier, während sie ihre auffällige, dunkel umrandete Brille auf ihr Klavier legt. Disziplin und hohe Konzentration standen an erster Stelle. Hausaufgabenhefte informierten die Eltern über jede versäumte Stunde und nicht gemachte Hausaufgaben. "Wir standen dadurch ständig unter Kontrolle von Lehrern und auch Eltern. Als Hausaufgabe mussten wir uns täglich eine Stunde mit unserem Hauptinstrument beschäftigen und eine halbe Stunde mit der Musikliteratur", betont Olga Maier, die eine moderne Jeansweste trägt. "In Deutschland lastet in den Musikschulen ein nicht so gewaltiger Leistungsdruck auf den Kindern. Dafür ist die Ausbildung aber auch nicht so detailliert und intensiv", sagt die Weißrussin. In Russland fanden viermal im Jahr Prüfungen statt, in denen die Schüler ihre Kenntnisse in Etüden, Tonleitern, Sonaten und in ihren Ensembles unter Beweis stellten. Am Ende des Jahres gab es dann ein Resümee über Erfolge und Misserfolge. "Viele Konzerte im Sommer, bei Schulfesten sowie am Neujahrstag forderten die Musikschüler ebenso heraus", berichtet die Musiklehrerin mit deutlich kritischem Unterton. Vermisst hat sie dabei die ohnehin geringe Freizeit, die ihr meistens nur abends für eine Stunde blieb, an die sie sich mit der Zeit aber gewöhnte. "Viele Kinder sehen ihre Eltern nur abends nach der Schule, gegen 19 Uhr. Die Kinder in Russland wurden eigentlich nur für Aufgaben des Staates und für die Schule erzogen", sagt sie. Die Lehrer kümmerten sich meistens mehr um die Kinder als die Eltern selbst. Im Alter von einem Jahr besuchen die meisten Kinder sogar schon den Kindergarten. In Deutschland hat Olga Maier eine viel intensivere Beziehung zwischen Eltern und Kindern erlebt als in Russland. "Die Kinder gehören hier in Deutschland ihren Eltern und nicht nur der Schule." In Russland legte auch Olga Maier mehr Wert auf ihre Arbeit als auf ihre Familie. "Mein Beruf stand in Russland im Vordergrund. Doch als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich erst erkannt, dass die Familie immer an erster Stelle im Leben stehen sollte."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ständig unter Kontrolle und zur Prüfung
Autor
Lina-Maria Wichmann Albertus-Magnus-Gymnasium, Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.2010, Nr. 109 / Seite N5
Projekt
Jugend schreibt

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