Die mit dem Wolf gehen

295 kanadische Dollar kostet ein Spaziergang mit Wölfen durch die kanadischen Rockies. Die Kameras klicken.

Ein trüber Tag. Morgens ist es kalt im schmalen Tal zwischen den Purcell und den Rocky Mountains. Es geht den Highway 1, den Trans-Canada Highway entlang, der zehn Provinzen Kanadas verbindet. Kurz nach dem 4000 Einwohner großen Ort Golden im Columbia Valley weisen die ersten Schilder auf das Northern Lights Wildlife Wolf Center hin. Eine schmale Schotterstraße führt hinauf in die Wildnis. Ein paar alte Hütten säumen die Straße, verrostete Briefkästen, eine Pferdekoppel. Kein Wunder, dass sich die Wölfe hier wohl fühlen, umgeben von drei Gebirgszügen, Flüssen und fünf Nationalparks.

In der Holzhütte befindet sich der Gift Shop. Dort findet man Pullis mit dem Logo des Centers sowie Bücher, Bilder und Postkarten. Natürlich hängen an den hölzernen Wänden auch Fotos der vier hier lebenden Wölfe Aspen, Tuk, Maya und Whiley. Für rund 295 kanadische Dollar, etwa 200 Euro, hat man die Möglichkeit, mit ihnen spazieren zu gehen.

"Warten Sie bitte kurz draußen", weist Shelly, eine zierliche Frau mit langen blonden Haaren, die Besucher an. Casey und Shelley Black, die beiden Gründer des Northern Lights Wildlife Wolf Center, müssen noch die wichtigsten Regeln mit ihren Besuchern besprechen, bevor sie mit den Wölfen laufen können. "Es ist wichtig, immer genügend Abstand zu den Wölfen zu halten", beginnt Shelly. Sie steht zwei Meter vor uns, benutzt ihren ganzen Körper beim Reden, wie sie es als Alphatier ihrer Schützlinge gewohnt ist. "Die Wölfe kommen zu uns, nicht umgekehrt." Bücken oder in die Knie gehen sollte man unter allen Umständen vermeiden. "In der Körpersprache der Wölfe ist das ein Zeichen von Aggression." Da sich heute nur Frauen am Spaziergang beteiligen, holt Casey neben Aspen, der ersten Wölfin des Centers, auch Tuk, den Blackwolf, aus dem 6070 Quadratmeter großen Gehege. Es ist befremdend, diesen kleinen Mann inmitten der vier wilden Tiere zu sehen. "Wir haben die Wölfe zu uns genommen, als sie noch Welpen waren, darum sind wir sozusagen ihre Alphatiere." Casey nimmt die beiden Geschwister Tuk und Aspen an die Leine. "Das ist nur zur Sicherheit", klärt Shelly auf, als sie die fragenden Blicke sieht. "Wenn wir erst mal draußen in der Wildnis sind, lassen wir sie natürlich frei laufen." Ein bisschen Angst vor den Tieren bleibt doch und das ist auch gut so.

In Deutschland fallen die Reaktionen auf die seit dem Jahr 2000 zu beobachtende Rückkehr der Wölfe unterschiedlich aus. "Natürlich waren besonders zu Beginn die Ängste bei Jägern und Landwirten sehr groß", sagt Klemens Karkow vom Naturschutzbund Deutschland, Nabu. "Zeitungen verbreiteten diese Angst vor dem Wolf durch Schauermärchen. Mittlerweile gibt es bereits 1250 Wolfspaten in ganz Deutschland." Von den Geldern werden Projekte wie "Willkommen Wolf" finanziert.

Das Argument mancher Jäger, dass der Wolf den Wildbestand verringert, sei "völliger Quatsch", sagt Karkow und führt ein Zahlenbeispiel aus der Lausitz an, wo es seit zehn Jahren wieder Wölfe gibt. Dort schössen Jäger viermal so viele Rehe, wie die Wölfe fressen. Auch für die Nutztierhaltung richteten die Wölfe zumindest keinen größeren Schaden an, da nur an die 50 Tiere im Jahr von Wölfen gerissen würden. Das könnte aber auf Kosten der Wildschafe gehen, wie erste Erfahrungen in der Rochauer Heide bei Luckau zu zeigen scheinen. "Da, wo der Wolf jagt, ist das Muffelwild merklich zurückgegangen. Es ist anzunehmen, dass es dort in zwei oder drei Jahren kein Muffelwild mehr geben wird", sagt ein Jäger, der seinen Namen nicht gedruckt sehen will. "Wenn sich ein Jäger öffentlich gegen den Wolf positioniert, wird er von den Naturschützern an den Pranger gestellt", bedauert er. "Die Mehrzahl der Förster begrüßt den Wolf, da er das Rehwild dezimiert. Ein totes Reh ist ein gutes Reh und kann keine Verbissschäden anrichten."

In der Natur besteht ein Rudel aus den zwei Alphatieren und ihren Jungtieren. Oftmals handelt es sich bei einem Wurf um vier bis maximal acht Welpen. "Allerdings überleben davon nur ein paar, die anderen sterben an Krankheiten, Verkehrsunfällen oder möglichem Nahrungsmangel", sagt Klemens Karkow. "Natürlich haben die ältesten Tiere hier das Sagen. Kommen die Jungen in das Alter, in dem sie geschlechtsreif sind und somit bereit, ihr eigenes Rudel zu gründen, wandern sie ab. Sie verlassen das Rudel, bevor es zu Machtkämpfen kommen kann." Werden Wölfe in Gehegen gehalten, ist dies anders. In Nationalparks sowie Wolfcentern bleiben die Wölfe immer im gleichen Rudel, und auch das Revier beschränkt sich auf die Grenzen des Geheges. Zwei geschlechtsreife Wölfe können sich somit nicht aus dem Weg gehen. Karkow steht daher einem Wolfcenter kritisch gegenüber. In Kanada werden die Wölfinnen Maya und Aspen in verschiedenen Gehegen gehalten, um Machtkämpfe zu vermeiden. Auch auf den Spaziergängen sind die Wölfinnen nie gemeinsam unterwegs. Mit dem Landrover fährt Casey, die Wölfe auf der Rücksitzbank, voraus in die Wildnis der Canadian Rockies. "Wir geben ihnen einen kleinen Vorsprung", erklärt Shelly und füllt ihren Umhängebeutel mit Futter. "Aber keine Angst, wir haben, wenn alles gut läuft, ganze anderthalb Stunden Zeit. Sie werden noch genügend Gelegenheiten haben, um Fotos von den beiden Wölfen zu schießen." Sollten Wanderer oder Quadfahrer den Weg kreuzen, kann es zu einem sofortigen Abbruch des Spaziergangs führen.

Nach einem kurzen Fußmarsch entlang des Trampelpfades tauchen die beiden Wölfe zwischen den Sträuchern auf. Schnell sind die Kameras gezückt. Bei all den Versuchen, die perfekte Momentaufnahme vom wilden Wolf zu schießen, verliert man fast die Zeit, die Wölfe ohne Linse vor dem Auge zu betrachten. Aspen, eine Mischung aus 25 Prozent Husky und 75 Prozent Wolf, ist am zutraulichsten. Tuk dagegen läuft lieber ein paar Meter voraus, schaut sich jedoch immer wieder um. "Alle Wölfe aus unserem Center wären ohne unsere Hilfe nicht mehr überlebensfähig gewesen", erzählt Casey, der wohl der einzige Mann ist, den Tuk ganz nah an sich ran lässt.

Ob sie die Wölfe auch heulen lassen könnten, wollen wir wissen. "Während des Spaziergangs geht das nicht", verneint Casey. "Aber ein Mal im Monat bieten wir ein sogenanntes wolf howl an. Dann sitzen wir abends alle bei einem Lagerfeuer zusammen und heulen mit den Wölfen." Dass Wölfe den Mond anheulen, ist ein Mythos. Wölfe heulen, wenn sie sich zur Jagd sammeln, wenn sie fremden Wölfen signalisieren, dass sie ein großes Rudel sind und ihr Territorium verteidigen werden, oder wenn sie Kontakt zu anderen Wölfen des Rudels oder einem Geschlechtspartner aufnehmen wollen. Dann und wann antworten sie sogar auf Polizeisirenen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die mit dem Wolf gehen
Autor
Maren Göttke
Schule
Parler-Gymnasium , Schwäbisch Gmünd
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.05.2011, Nr. 115, S. N8
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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