Dschungelcamp mit Wildsaubesuch

Ein Stich. Schmerz. Eine Schlange? Nein. Es war der Stachel einer giftigen Palmenart. "Um den Stich wurde es sofort blau, und das Gift hat meinen Fuß gelähmt. Aber ausgerechnet vorne am Schienbein, direkt in dem Muskel, der für das Anheben und letztlich für das Gehen zuständig ist. Von nun an musste ich mich auf den Knien fortbewegen", so berichtet Marc Samesch von seinen Abenteuern im Dschungel, für den er sich seit seiner Kindheit interessiert.

Gemütlich sitzt der 41-Jährige auf seinem Stuhl im Esszimmer seines Hauses in Bartholomä bei Schwäbisch Gmünd, umgeben von einem Meer tropischer Pflanzen, seiner Klapperschlange, einer Vogelspinne und seiner schwarzen Katze. Die sitzt auf dem Schoß und schnurrt. Sein kantiges Gesicht lässt erahnen, dass der mittelgroße Mann mit seinen kurzen, hellbraunen Haaren viel erlebt hat. Der durchtrainierte Oberkörper zeichnet sich durch den grauen Pullover ab. Schon im Kindergarten faszinierten ihn Bilder vom Amazonas. Dann sah er 1980 einen Bericht über Erdölsucher in Borneo, und seine Euphorie für den Dschungel war nicht mehr zu bremsen. Samesch kennt die Dschungel in Malaysia, Südamerika, Afrika und Indonesien. Aber seine große Liebe gehört Borneo. Er ging schon 50 Mal auf Tour und durchstreifte monatelang den Dschungel auf eigene Faust - im Gepäck nur eine Wasserflasche, Kalender, Fotoapparat, Kleidung, ein Moskitonetz und ein Messer, die Klinge so lang wie der Unterarm. "Alles was über 15 Kilo geht, ist einfach zu viel. Bei meinem ersten Aufenthalt hatte ich schon nach vier Stunden Krämpfe, und dabei war ich Profiboxer."

Seine ersten Versuche machte er 1988 in Thailand mit Tagesexpeditionen. Später blieb er auch über Nacht im Urwald. Das Wichtigste für das Überleben lernte Samesch von Einheimischen. Irgendwann traute er sich, allein ein paar Wochen in die grüne Wildnis einzutauchen. "Das hat nichts mit Verrücktsein zu tun, sondern es erfordert eine Menge Wissen und viel Konzentration." Seine Reisen finanziert der deutsche Crocodile Dundee selbst, im Dschungel könne man ja kein Geld ausgeben, deshalb blieben die Kosten überschaubar.

Einmal in Borneo sei er auf Kannibalen, sogenannte Kopfjäger, getroffen. "Ich hatte mit meinem Leben eigentlich schon abgeschlossen, als sie mich mit in ihr Dorf nahmen und ich in der Nacht zwischen abgetrennten Menschenköpfen schlief. Aber sie haben mir den Kopf gelassen." Samesch war eine Art Attraktion für die Kopfjäger. "Sie hatten noch nie zuvor einen Weißen zu Gesicht bekommen", behauptet er. Sie zeigten ihm, wo sie Heilpflanzen anbauen. Er habe erfahren, wie sie mit dem Blasrohr auf Menschenjagd gehen, wie sie die Menschen von anderen Stämmen zerlegen und wie sie aus Fingerknochen Halsketten basteln. Die Verständigung lief über Handzeichen oder durch Zeichnen in den Boden. "Man merkt diesen Menschen überhaupt nichts an, sie zeigen keine Mimik, und man kann keinerlei Reaktionen feststellen. Trotzdem habe ich von ihnen das meiste über das Leben im Dschungel gelernt." Zwei Wochen verbrachte Samesch bei dem Stamm der Iban auf Borneo, bis sie ihn gehen ließen. Marc Samesch arbeitet heute in der Naturkosmetikherstellung bei Weleda in Schwäbisch Gmünd. Nebenher betreibt er eine Gärtnerei. Seine Karriere als Profiboxer wurde wegen einer schweren Verletzung früh beendet. Dass seine Familie, vor allem seine Frau mit seiner langen Abwesenheit nicht einverstanden sind, liegt auf der Hand. Die Angst um den Abenteurer ist immer groß.

Das Leben im Dschungel erfordert viel Kraft. Um 18 Uhr ist es stockfinster. Man muss früh beginnen, seinen Schlafplatz einzurichten. "Auch das Vorwärtskommen ist nicht so einfach, wenn ich mir den Weg freischlagen muss." Um etwas zu essen zu bekommen, spannt Samesch sein Moskitonetz in einen Fluss und treibt Fische hinein. Da das Essen immer nährstoffarm ausfalle, habe man ständig Hunger. Die Herausforderung sei groß. Man stolpere häufig in Dornen, reiße sich die Haut beim Klettern auf oder stürze einen Abhang hinunter. Dann wiederum müsse man einen Fluss überqueren, in dem die Krokodile nur darauf warteten, dass man einen Fehler macht. "Ohne starken Willen ist der Urwald nicht auszuhalten." Da das Blätterdach im tropischen Regenwald geschlossen über einem liegt, habe man ständig den Eindruck, es drücke herab.

Für die Nacht macht sich der Abenteurer einen Schlafplatz zurecht, umschlossen von Pflanzen und Gestrüpp. Einen Fluchtweg legt er sich auch immer an. "Die Nacht verlangt einem so einiges ab. Es ist stockfinster. Bereits vor der Dunkelheit muss man unter dem Moskitonetz liegen, denn sonst hat man gegen die Stechmücken keine Chance mehr." Man sieht nichts, hört aber viel, sei es das Krabbeln einer kleinfingergroßen Ameise, das Umherschwirren von Insekten oder das Knacken eines Astes. "Es ist alles so extrem, die Angst, die man so nie zuvor erfahren hat, der Hunger, das Alleinsein, irgendwann will man sogar schon mit den Bäumen reden. Einmal wache ich auf und blicke direkt in die Augen einer Wildsau." Zwei Wochen dauert es immer, bis er sich an die Umstände gewöhnt habe. Trotzdem vermisst er Dinge, wie den Schluck einer kühlen Cola, eine Bettdecke oder ein Radio.

Das, wovor sich Samesch fürchtet, sind nicht die großen Tiere, es sind die kleinen - Blutegel, die auf der Haut kleben und Blut saugen, so dass Bakterien leichtes Spiel haben. In Malaysia lebte er am Strand. "Das Wasser ist klarer als in der Karibik. Also Erholung pur", denkt er. Und trifft beim Schwimmen auf einen Hai. Der Mensch stehe eigentlich nicht auf der Speisekarte des Hais. "Wenn man sich tot stellt, macht der Hai einen Probebiss. Deshalb bin ich ganz normal weitergeschwommen, und es ist nichts passiert."

Um das Zeitgefühl nicht zu verlieren, hakt der Abenteurer jeden Tag im Kalender ab. Der Rückweg in die Zivilisation kann einige Zeit dauern. Er sucht immer einen Bach: "Denn der Bach wird zum Fluss, der Fluss mündet ins Meer, und dort gibt es immer Menschen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Dschungelcamp mit Wildsaubesuch
Autor
Ferdinand Maier
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.05.2011, Nr. 115, S. N8
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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