Gesalzener Tee in der Jurte

Der weiße, dreckige Toyota fährt die schmale Landstraße von Ulan Bator entlang in Richtung Südost. Er fährt nicht schneller als 80 Stundenkilometer, denn die vielen Schlaglöcher im Asphalt machen die Fahrt zu einem abenteuerlichen Unternehmen. Doch dann biegt das Auto ab. Ein Stück weit durchquert es auf einer holprigen, sandigen Strecke die endlos grün scheinende Ebene. Weit hinten am Horizont die Silhouette einer Bergkette. Aber das Fahrzeug steuert auf einen weißen Punkt im Flachland zu. Mit einem "Sain baina uu", wortwörtlich: "Gut sein?", begrüßen sich die Mongolen, als das Familienoberhaupt Bairaa mit seiner Familie aus dem Auto steigt. Er lebt in der Hauptstadt, wo er ein Telekommunikationsunternehmen leitet. Heute besucht er seine 26-jährige Nichte Tulgaa und seinen 28-jährigen Schwiegersohn Naranbaatar. Die beiden leben mit ihren zwei Töchtern als eine moderne mongolische Nomadenfamilie in einer Jurte. Oft bleiben sie nur wenige Wochen an einer Stelle, bis sie weiterziehen. Dann packen sie ihr Hab und Gut, weil der Boden nicht mehr genug Nahrung für ihre Tiere liefert. Naranbaatar besitzt eine Herde von etwa 1000 Tieren. Davon überwiegend Ziegen und ein paar Schafe. Außerdem gehören ihm etwa 25 Pferde. "Wenn Naranbaatar und seine Frau Tulgaa öfter in die Hauptstadt Ulan Bator fahren würden, könnten sie viel Geld für die Milch und die Wolle ihrer Tiere verdienen", sagt Bairaa. Bei dem beschwerlichen Weg lohnt sich das aber nicht. Der vorhin noch weiße Punkt ist nun das Ger, wie die Jurte auf Mongolisch heißt. Es hat die Form eines Zylinders mit einem flachen Kegel darauf. Eingewickelt in Filzdecken und weißen Baumwollstoff. "Heute ziehen wir mit einem Kleinlaster weiter. Wir bauen unser Ger ab und beladen den Laster. Dann suchen wir eine neue Weidefläche und bauen dort das Ger wieder auf. Früher ist man mit einem großen Ziehkarren weitergezogen", erzählt Naranbaatar. Das Zentrum der Jurte ist der Herd. Sobald die Gäste eintreten, bietet Tulgaa ihnen schwarzen, gesalzenen Tee und etwas zu essen an. Den ganzen Tag über brennt das Feuer, denn abwechselnd bereitet die Hausfrau Essen und Tee zu oder wäscht das Geschirr ab. Ebenfalls in der Alugussschüssel, in der das Essen zubereitet wurde. Viele Küchenutensilien benötigen sie nicht. Die rechte Seite des Gers ist Tulgaas Bereich. "Es ist die traditionelle Seite der Hausfrau. Die linke Seite ist die traditionelle Seite des Mannes", erklärt Tulgaa. Es gibt auch einen Fernsehapparat. Er bezieht seinen Strom aus einer kleinen, mobilen Solaranlage. Durch eine große Satellitenschüssel empfängt er mongolische Sendungen. Gegenüber der nach Süden ausgerichteten Tür befindet sich eine Art Altar. Aus der Kiste, auf der er steht, holt Ariunaa, die fünfjährige Tochter, ein Schachspiel. Sie möchte gerne mit den Gästen spielen. Schach ist der Nationalsport der Mongolen. Schon als kleines Kind lernt Ariunaa, wie man taktisch vorgeht. Doch gegen die Erwachsenen hat sie noch kaum Chancen. Als Kind muss sie noch nicht viel im Haushalt helfen. Zu ihren Aufgaben gehört das Sammeln von Brennstoff, das getrocknete Ausgeschiedene der Pferde. Während die beiden den Tag meist drinnen verbringen, verrichtet Naranbaatar draußen seine Arbeit. Dabei erklärt er: "Einmal im Jahr werden die Stuten gemolken." Das ist Tradition. Eine wirtschaftliche Nutzung würde sich aber nicht lohnen. "Das ist viel Aufwand, denn wir müssen unsere Fohlen fangen und an die Seile binden, die wir über den Boden gespannt haben." Dabei deutet er auf ein Fohlen, das bereits an dem Seil befestigt ist. Neben ihm steht seine Mutter. "Die Stuten bleiben dann wegen ihres Mutterinstinkts bei ihren Jungen. Bevor wir sie aber melken, winkeln wir eines ihrer Beine an und schnüren es fest. So kann die Stute nicht weglaufen und auch nicht treten." Wegen der großen Mühe dieses Unterfangens helfen oft Angehörige der Familie: Geschwister, Eltern, entfernte Verwandte, die in der Nähe wohnen, oder sogar Nachbarn. Tulgaa und ihre Schwester kommen nun regelmäßig aus der Jurte, um schnell und geschickt die Stuten zu melken. Die wässrig-süße Milch füllen sie von ihren Eimern in einen Kanister um. In ihm ist ein Ansatz für das bald entstehende Getränk. Airag, gegorene Stutenmilch. Sie schmeckt saurer als Buttermilch. Prickelt sogar ein bisschen und enthält einen geringen Anteil an Alkohol. Damit das beliebte Getränk gären kann, schütteln die Nomaden den Kanister immer wieder durch. Schon nach ein paar Stunden hat sich die süßliche Flüssigkeit in noch nicht sehr saures Airag verwandelt. Doch schon am Abend, wenn die Arbeit für diesen Tag erledigt ist und alle beisammensitzen, wird der erste Kanister bei guter Stimmung und einigen Spielen ausgetrunken. Nachdem dann die Verwandten mit ihren Autos wieder zu ihren Jurten fahren, rücken Naranbaatar und seine Familie enger zusammen, um mehr Platz für ihre Ehrengäste zu schaffen. Am nächsten Tag fahren diese schließlich wieder mit dem Toyota über holprige Strecken und mit Schlaglöchern übersäten Straßen zurück in die Stadt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Gesalzener Tee in der Jurte
Autor
Alexandra Koch Regiomontanus-Gymnasium, Haßfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.2010, Nr. 109 / Seite N5
Projekt
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