Fordernder als die Arbeit auf dem Bau

Quereinsteiger Gilbert Hoffmann ist Erzieher in einer Berliner Kindertagesstätte. Das freut alle.

Vor fünf Jahren wurden wir Fußball-Weltmeister", erzählt Gilbert Hoffmann mit einem Schmunzeln im Gesicht. Er ist kein Prahler. So ruhig und ausgeglichen mit seiner grauen Schiebermütze auf dem Kopf kann man ihn sich gut als Fußballtrainer vorstellen. Gegen 15 andere Teams haben die Fuli-Kids sich damals beim Berliner Kita-Fußballturnier durchgesetzt. Der 37-jährige Erzieher arbeitet seit elf Jahren in der Kindertagesstätte in Neukölln. Etwas skurril wirkt der große Mann mit seinen ausladenden braunen Holzohrringen neben den kleinen Kinderstühlen, die im Raum verteilt sind.

Sein Wunschberuf war es nicht immer. Er hatte bereits eine abgeschlossene Ausbildung. Dass ihm die Arbeit mit Kindern Spaß macht, hat er als Zivi beim Psychosozialen Dienst bemerkt. "Vorher war ich in einem reinen Männerberuf: auf dem Bau. Ich habe aber gemerkt, dass mir das nicht wirklich Spaß macht. Und ich wusste, die Arbeit mit Kindern liegt mir, dann habe ich noch mal neu angefangen." Etwas Anpackendes liegt in den Worten des Erziehers. Auch als Bauarbeiter kann man sich den sonst zurückhaltenden Mann in diesem Moment durchaus vorstellen.

Als Erzieher ist er ein Exot in Deutschland. Kindererziehung ist immer noch eine Frauendomäne. Laut Statistischem Bundesamt sind nur 3,5 Prozent der Erzieher in Deutschland männlich. Das ist zum einen ein gesellschaftliches Problem. "Dadurch, dass Männer in Kitas immer noch nicht gang und gäbe sind, geht die Klischeevorstellung in Sachen Erziehung noch nicht aus den Köpfen raus. Es gibt viele Eltern, die dann erst mal gucken und total überrascht sind, wenn sie hier in der Kita einen Mann sehen", erklärt Hoffmann und wirkt etwas verständnislos. Sein Blick schweift durch den bunt gestalteten Raum.

Eine Rolle spielt dabei auch die schlechte Bezahlung. "Ich denke, es ist ein finanzielles Problem. Es ist ja nicht so, dass niemand ausgebildet wird, aber sie kommen nach der Ausbildung nicht in die Kindergärten. Es müsste mehr bezahlt werden, dann würden sich auch mehr Männer finden", glaubt die Leiterin der Kita, Margit Krebs. Die zierliche Frau arbeitet seit mehr als dreißig Jahren in ihrem Beruf, aber Gilbert, wie sie ihn nur nennt, ist ihr erster männlicher Erzieher.

"Innerhalb der Familie haben sich alle Sorgen gemacht. Du hast einen abgeschlossenen Beruf, verdienst gutes Geld und schmeißt alles hin", erinnert er sich an die Reaktionen auf seinen Entschluss, noch einmal neu anzufangen. "Aber im Freundeskreis wurde es positiv aufgenommen", fügt er mit einem gequält wirkenden Lächeln hinzu. Er wird still. Man spürt, dass die Entscheidung damals keine leichte war.

"Da könnten ruhig noch ein paar mehr kommen", antwortet Jacqueline Köhler auf die Frage, ob sie sich mehr männliche Kollegen wünsche. Sie ist eine der elf Erzieherinnen und wirkt freundlich unter ihrer großen schwarzen Wollmütze. Mittlerweile arbeitet sie seit fünf Jahren in dem Beruf und ist für Integration, einen Schwerpunkt des Kindergartens, zuständig. "Es gibt Sachen, die einem gut liegen, und andere, in denen man nicht so gut ist. Wichtig ist, dass man das irgendwie kompensieren kann, aber ich glaube nicht, dass es geschlechtsspezifisch ist. Zur ganzheitlichen Erziehung gehört eben auch der männliche Part", fasst sie die Bedeutung von Männern für diesen Beruf zusammen. Die junge Erzieherin hat eine lockere ruhige Art und wirkt ehrlich. "Ich bin vorurteilsfrei, aber es gibt natürlich Vorurteile in der Gesellschaft. Soziale Berufe werden immer noch für Frauensache gehalten."

Wirklich anders scheinen Männer bei der Erziehung von Kindern aber nicht zu agieren. "Große Unterschiede gibt es nicht, aber Männer sind realistischer. Bei Frauen kommt da mitunter das Mutterherz öfter mal durch", beobachtet Leiterin Krebs. Wie suspekt Männer in der Rolle des Erziehers aber immer noch sind, merkt man an der Art, wie die Kinder auf sie reagieren. "Zu Beginn gehen die Kinder nicht so sehr auf Männer ein, aber später, wenn sie merken, der gehört dazu, dann bekommt er schon einen anderen Stellenwert."

Gilbert Hoffmann selbst fühlt sich wohl in seinem Job. Auch, dass er der einzige Mann unter so vielen Frauen ist, findet er nicht schlimm. "Da denke ich gar nicht drüber nach, wenn ich ehrlich bin", erklärt er lachend. Trotzdem fände er es wichtig, wenn mehr Männer in seinen Beruf kommen würden.

Fehlende männliche Bezugspersonen wirken sich nach Auffassung vieler Wissenschaftler nachteilig auf die frühkindliche Entwicklung aus. "Wenn männliche Vorbilder fehlen, suchen sich Kinder andere, die nicht immer positiv sind", sagt Hoffmann. Auch die Politik hat erkannt, wie notwendig es ist, mehr Männer zu Erziehern auszubilden. Mit dem 12,5 Millionen Euro teuren dreijährigen Modellprogramm "Männer in Kitas", das zu Beginn des Jahres startete, will das Familienministerium gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit mehr junge Männer für den Beruf begeistern. In einer zweijährigen Ausbildung soll Quereinsteigern der Berufseinstieg erleichtert werden.

Bei dem ganzen Schwärmen und Umwerben von männlichen Kollegen kann man fast den Eindruck gewinnen, Männer sind die noch unentdeckten besseren Erzieher. "Ich glaube, es kommt auf die Einstellung an. Erzieher kann man nicht einfach so lernen, Erzieher ist man von innen heraus", sagt Margit Krebs. Man merkt jedenfalls, das Team funktioniert.

Zwischen den kleinen und großen Stühlen toben die Kinder. Ein kleines Mädchen baut ein Haus aus Holzklötzen. "Ruhig ist es hier eigentlich nie, auch nicht vor acht", erklärt Gilbert Hoffmann grinsend, als das Holzklotzhaus krachend zusammenfällt. "Ich bin heute nach acht Stunden fertiger als früher auf dem Bau, aber die Dankbarkeit, die einem die Kinder zurückgeben, wiegt das alles auf." Ruhig geht er zu dem traurig schauenden Mädchen neben dem zusammengestürzten Haus und hilft ihr, es wieder aufzubauen. Braune strahlende Augen schauen ihn an.

Informationen zum Beitrag

Titel
Fordernder als die Arbeit auf dem Bau
Autor
Vincent Streichhahn
Schule
Leonardo-da-Vinci-Oberschule , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.05.2011, Nr. 121, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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