Matschkuchen backen

Dem Busfahrer scheint es Spaß zu machen, jedes einzelne Schlagloch zu durchfahren und die Kurven rasant zu nehmen. Den meisten Fahrgästen steht schon die Blässe im Gesicht, nur eine lässt sich gar nicht beeindrucken: Eine junge Frau in Matschhose döst, die Stöpsel ihres MP3-Players in den Ohren, vor sich hin. Auf dem Schoß ein abgegriffenes Buch und im verwuschelten Haar vereinzelt Laubblätter.

Man sieht, Johanna Heß arbeitet im Wald. Sie ist angehende Erzieherin in der Waldgruppe Kahlgrundhuzzel in Schöllkrippen, einem von rund 700 deutschen Waldkindergärten. Und es werden immer mehr. Für viele ist das unverständlich. Auch Johanna sagt grinsend: "Meine Familie verstand erst überhaupt nicht, dass ich jeden Tag erst mal zwei Stunden mit dem Bus und Zug hierher fahre, um dann den restlichen Tag Kindern im Wald nachzurennen und kleine, kalte Hände warm zu rubbeln." Doch sie liebt ihre Arbeit, auch wenn sie wegen der langen Fahrerei erst spät abends erschöpft heimkommt.

Johanna versteht nicht, wieso die herkömmlichen Kindergärten immer noch in der Überzahl sind. Sie kritisiert, dass dort zu viel Zeit verschwendet wird, den Kindern der Umgang mit dem Computer und erste englische Brocken beigebracht werden. Ihrer Meinung nach ist dies Aufgabe der Schulen. Denn viel wichtiger findet sie es, gerade in den ersten Jahren, die Sinne zu schärfen und das Ich-Bewusstsein zu stärken. Das sind unter anderem Ziele der Waldkindergärten.

Der Wald spielt hierbei die größte Rolle in der Pädagogik: Durch die Gerüche von nassem Moos, Holz oder Blumen, durch Geräusche, verursacht von Tieren, Wind und Laub, oder durch den Wechsel der Jahreszeiten, sei es das Sprießen erster Knospen im Frühling oder Frost als Ankündigung des Winters, werden die Sinne geschärft und wird der Respekt vor der Natur entwickelt. Die Kleinen messen ihre Kräfte, wenn sie auf Wurzeln oder im Steinbruch klettern oder Bäche überspringen, sie überwinden Ängste, wenn sie Käfer in die Hand nehmen. Dadurch erfahren sie ihre Grenzen, können sie überschreiten und Selbstbewusstsein aufbauen. Die Erzieher wollen sich eher im Hintergrund halten und es den Kindern ermöglichen, selbständig Erfahrungen zu sammeln. Außerdem wird die Kreativität geschult. Johannas "Huzzel" haben nämlich nicht Duplosteine, Brettspiele oder Puppenhäuser. Sie spielen mit Laub, Ästen und Steinen, erfinden ihre eigenen Geschichten, machen Rollenspiele oder backen Matschkuchen.

Die Zwei- bis Sechsjährigen backen aber auch Genießbares: Im Unterstand, in dem ein kleiner elektrisch betriebener Herd steht, bereiten sie zusammen mit den Erzieherinnen einmal die Woche ein warmes Mittagessen vor. Außerdem gibt es häufig Wandertage, wobei die ganz Kleinen im Bollerwagen mitfahren dürfen. "Die fallen dann nämlich noch über jedes noch so kleine Stöckchen am Boden", sagt Johanna schmunzelnd.

Auf die Frage, wie es denn im Winter sei, ob es dann nicht zu kalt für die 20 Kinder und drei Erzieherinnen sei, antwortet sie lachend, dass der Winter doch das Beste im ganzen Jahr sei: da könne man Tierspuren im Schnee verfolgen, tolle Schneemänner bauen oder Schneeengel machen. Aber es gebe natürlich auch noch Alternativen, wenn es mal zu heftig schneie oder stürme: einmal natürlich den grünen Bauwagen, der bestückt ist mit dem kleinen gusseisernen Ofen und vielen Bilderbüchern, und natürlich noch andere Möglichkeiten, wie man sie auch in anderen Kindergärten findet, wie zum Beispiel Exkursionen zum Bäcker, in die Bücherei, zu Schäfern oder Bauern.

Außerdem werden auch oft die Familien zu Hause besucht. "Am Kindergeburtstag wird dann auch einfach mal eben schnell die 23-köpfige Mannschaft in die Drei-Zimmer-Wohnung eingeladen." Die Beziehung zwischen den Eltern und Erziehern ist ohnehin besonders: Alle kennen sich untereinander gut und helfen aus, wo es nur geht. Sei es bei der Planung von Festen oder Aktionen oder wenn aufgrund von Krankheit mal Not am Mann ist.

Johanna hat nach den Beweggründen der Eltern gefragt, wieso sie ihre Kinder in den Wald zum Spielen schicken. Die Antworten waren so unterschiedlich wie die Eltern selbst: Die einen waren einfach unzufrieden mit den Methoden herkömmlicher Kindergärten, die anderen möchten, dass ihre Kinder abgehärtet werden und nicht so anfällig für Krankheiten werden. Die dritte Gruppe, die Johanna grinsend als Hippies bezeichnet, ist der Auffassung, Kindern schon von klein auf den Respekt vor der Natur und der Schöpfung und die Liebe zur Erde vermitteln zu müssen, um für eine umweltfreundlichere und verantwortungsbewusstere Generation zu sorgen.

Die Leiterin des Kindergartens, Patricia Staab, hat der 20-Jährigen eine feste Stelle zugesagt. Dann wird Johanna die Ausbildung abgeschlossen haben und sich in dem kleinen Ort eine Wohnung mieten. "Es gibt echt nix Schöneres, als am Nachmittag dann noch die letzten Krümel aus den Laubhaufen zu buddeln, und es ist doch viel authentischer, wenn der Nikolaus am 6. Dezember durch Eis und Schnee stapft, anstatt über Linoleumböden zu schlittern."

Informationen zum Beitrag

Titel
Matschkuchen backen
Autor
Magdalena Heß
Schule
Julius-Echter-Gymnasium , Elsenfeld
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.05.2011, Nr. 121, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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