Manche Wunden heilen

Bis zu 150 Patienten werden bei einem Einsatz von zwei Wochen operiert. Auch von André Borsche. Einmal habe er zum Dank einen Sack voll Ananas bekommen, berichtet André Borsche von einem seiner Einsätze in Indien. Ein Mann war von einem Bären angegriffen worden, und dieser hatte ihm ein Stück der Wange herausgerissen. Mehrere einheimische Ärzte hatten bereits versucht, die Wunde zu schließen, doch sie öffnete sich immer wieder. Borsche verlagerte in einer mehrstündigen Operation einen Teil des Brustmuskels in das Gesicht des Patienten, und es gelang ihm, das Loch zu schließen. André Borsche, der früher gerne zeichnete und Gitarre spielte, ist Chefarzt der plastisch-chirurgischen Abteilung des Diakonie-Krankenhauses in Bad Kreuznach und Vorsitzender von Interplast Germany. Der Mann mit dem dunklen Oberlippenbart hat ein sympathisches Lächeln, und der gelbe Pullover unter seinem Arztkittel bildet einen auffälligen Kontrast zu der steril wirkenden Umgebung des Krankenhauses. In seinem Büro schmücken bunte Bilder die Wände. Der Mediziner liebt helle, fröhliche Farben, auf dem Schreibtisch stehen Fotos seiner fünf Kinder und seiner Frau Eva, die ebenfalls Ärztin ist. Wenn sie in ihrem Urlaub nicht fremde Länder bereisen, um armen Menschen zu helfen, gehen sie gemeinsam Gleitschirmfliegen oder Skifahren. Die Entscheidung, sich ehrenamtlich für Interplast Germany zu engagieren, kam nicht von ungefähr. Ein dreijähriger Aufenthalt in Frankfurt bei Gottfried Lemperle, dem Gründer von Interplast Germany, bewog ihn dazu. "Gemeinsam reisten wir 1990 nach Guinea, und dieses Erlebnis war so dramatisch, bewegend und abenteuerlich, dass mir klarwurde: Das will ich auch machen", begründet Borsche seine Entscheidung. Interplast Germany ist eine Organisation, die 1980 in Frankfurt am Main gegründet wurde und plastisch-chirurgische Eingriffe an Patienten in Entwicklungsländern ermöglicht. Dazu fliegen Ärzte und Pflegepersonal ehrenamtlich in die jeweiligen Länder, um Operationen durchzuführen. Voraussetzung dafür ist die Unterstützung eines dortigen Krankenhauses und das Einverständnis der Regierung. Bei einem Einsatz, der zwei Wochen dauert, werden zwischen 100 und 150 Patienten operiert. Eine solche Operation dauert zwischen 15 Minuten und sechs Stunden, je nachdem, wie kompliziert der Eingriff ist. Die einheimischen Ärzte des jeweiligen Landes treffen deshalb schon eine Vorauswahl der Patienten, damit in kurzer Zeit möglichst vielen Menschen geholfen werden kann. Während des Aufenthaltes der deutschen Ärzte sollen auch die Ärzte vor Ort weitergebildet werden. Ziel von Interplast Germany ist es, den einheimischen Ärzten die Möglichkeit zu geben, solche Operationen selbst durchzuführen und die Nachsorge der Patienten zu gewährleisten. Sprachliche Barrieren erschweren jedoch die Weiterbildung. Es sind Dolmetscher, aber auch viel nonverbale Kommunikation und Herzenswärme nötig, um das Wissen und die Informationen zu transportieren. Trotzdem bleibt bei den Ärzten von Interplast in vielen Fällen ein ungutes Gefühl, was die Nachsorge der Patienten betrifft. In manchen Ländern gibt es nicht einmal Ärzte, so dass auch keine Weiterbildung vor Ort möglich ist. "In Sierra Leone war ein einziger Arzt für 400 bis 500 Patientenbetten zuständig. Es ist bitter zu sehen, dass es oft schon an der Grundausstattung mangelt", berichtet Borsche, "doch am schlimmsten ist die Hilflosigkeit der Menschen dort." Er sieht viele schlimme Bilder auf seinen Reisen, aber die Handlungsmöglichkeiten, die ihm sein Beruf bietet, nehmen einen Teil der Entsetzlichkeit. Er operiert viele Verbrennungsopfer oder Menschen mit Fehlbildungen und gibt ihnen so die Möglichkeit, arbeiten zu gehen und nicht mehr von ihren Familien abhängig zu sein. Doch nicht jeder Mensch möchte die größte Narbe entfernen lassen. So traf Borsche in Afrika auf eine Frau, deren ganzer Arm mit Narben überzogen war. Als er sie fragte, ob er ihren Arm operieren solle, schüttelte sie den Kopf und bat ihn, eine kleine Narbe an ihrer Wange zu korrigieren. "Den Arm konnte die Frau gut unter Tüchern verstecken, ihre Wange nicht", erklärt er. Einen ähnlichen Fall erlebte Borsche in Indien. Dort kam eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter, die an einer Hand sechs Finger hatte, zu ihm. Sie wollte aber keine Operation, sondern war stolz, dass ihre Tochter auserwählt wurde, ein Zeichen Gottes zu tragen. "Fehlbildungen werden oft als Zeichen Gottes gesehen, und dann muss man den Glauben respektieren", sagt Borsche, während er seine Gedanken nach Indien schweifen lässt, das Land, das es ihm besonders angetan hat. Dorthin führt ihn sein nächster Einsatz.

Informationen zum Beitrag

Titel
Manche Wunden heilen
Autor
Nina Decker Lina-Hilger-Gymnasium, Bad Kreuznach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.05.2010, Nr. 119 / Seite N6
Projekt
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