Sie bleiben meine Eltern

Es ist für mich ja nicht so, dass ich täglich aufwache und mein erster Gedanke ist, dass ich adoptiert bin", sagt Isabel Voss, die ihre leiblichen Eltern noch nie gesehen hat. Der einzige Anhaltspunkt, den sie hat, ist der Name ihrer leiblichen Mutter. "Von meinen Freunden werde ich oft gefragt, ob es für mich nicht seltsam ist, nicht bei meinen leiblichen Eltern zu leben und sie nicht einmal zu kennen. Auch werde ich dann ungläubig angeschaut, wenn ich antworte, dass ich mich bis zu meinem 17. Lebensjahr mit dieser Frage kaum auseinandergesetzt habe", sagt Isabel. "Für mich war es völlig normal, mit diesem Wissen aufzuwachsen, und ich bin meinen jetzigen Eltern sehr dankbar, dass sie mir von klein auf nicht verschwiegen haben, dass ich adoptiert bin", sagt die 18-jährige Schülerin eines Böblinger Gymnasiums, die mit ihren dunklen Augen, dem bräunlichen Teint und den schwarzen gekräuselten Haaren leicht südländisch aussieht. Dass Isabel heute in Deutschland lebt, verdankt sie einer Dokumentation im Fernsehen, in welcher es um Adoption von ausländischen Kindern ging, die ihre Adoptiveltern vor zwanzig Jahren eines Abends eher zufällig gesehen haben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich der damals 36-jährige Diplomingenieur Günther Voss und seine 35-jährige Frau Monika Knee-Voss, eine Hauptschullehrerin, immer wieder die Frage gestellt, wie sie ihren Kinderwunsch verwirklichen könnten. Denn selbst konnten die zierliche Frau mit dem mittellangen Haar und ihr Mann, mit Bart und hoher Stirn, keine eigenen Kinder bekommen. Voller Hoffnung machten sie sich auf den Weg nach Rumänien, wo sie in einem Kinderheim Natalie, Isabels ältere Schwester, kennenlernten und adoptierten. Ein Jahr später reisten die Eltern nach Kolumbien, um in Bogotá aus einer Pflegefamilie ein vier Monate altes Mädchen zu adoptieren, das sie Isabel nannten. "Da wir beide keine leiblichen Kinder unserer Eltern sind und sie nie ein Geheimnis aus unserer Herkunft gemacht haben, kamen wir wahrscheinlich gut mit dieser Familiensituation zurecht", meint Isabel. "Oftmals war es sicher auch für meine Eltern schwierig, die Situation zu erklären. Genauso ist es für viele Freunde und Bekannte generell ungewöhnlich, dass ein Kind oder gar zwei adoptiert werden. Wenn diese dann auch noch aus dem Ausland kommen, empfinden das viele als befremdlich." Doch Isabels Eingliederung in den Freundes- und Familienkreis klappte hervorragend. Isabel denkt nicht oft daran, dass sie adoptiert worden ist, gesteht aber, dass sie sich nicht sicher ist, ob sie nicht doch ihre leiblichen Eltern finden will. "Meine jetzigen Eltern werden für mich immer meine Eltern bleiben, und ich werde immer Mama und Papa zu ihnen sagen. Allerdings frage ich mich immer wieder, ob ich meinen leiblichen Eltern ähnlich sehe oder gleiche Charakterzüge besitze", meint Isabel. Ihre ein Jahr ältere Schwester Natalie ist da anderer Meinung: "Ich mache mir wenig Gedanken zu meiner Adoption und habe bis jetzt auch nicht vor, mein Leben zu verkomplizieren, indem ich nach zusätzlichen Eltern suche." Isabel hingegen hat sich fest vorgenommen, nach dem Abitur ein freiwilliges soziales Jahr in Kolumbien zu machen, um dort eventuell den Spuren ihrer Vergangenheit nachzugehen. Vielleicht stößt sie ja dort mit Hilfe des Einwohnermeldeamtes oder eines Privatdetektivs auf ihre leiblichen Eltern oder kann ihre Mutter ausfindig machen. Auf die Frage, wie sie ihnen gegenübertreten würde, antwortet sie nachdenklich. "Ich weiß nicht genau, was ich ihnen als Erstes sagen werde. Doch ich habe nicht vor, ihnen Vorwürfe zu machen, dass sie mich weggegeben haben. Eher empfinde ich Dankbarkeit, dass sie mir die Möglichkeit gaben, ein besseres Leben in Deutschland zu führen, als es für mich in Kolumbien möglich gewesen wäre, denn schließlich ist die Armut in diesem südamerikanischen Land sehr groß." Diese Dankbarkeit, die sie ihren Eltern gegenüber empfindet, unterscheidet Isabel genauso wie Natalie von ihren gleichaltrigen Freundinnen, die oftmals schon wegen Nichtigkeiten mit ihrem Leben hadern. Zum Beispiel empfinden viele Mitschüler ihre eigenen Zimmer als viel zu klein.

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie bleiben meine Eltern
Autor
Jessica Schwarz. Lise-Meitner-Gymnasium
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH
Projekt
Jugend schreibt

Beruf und Chance

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