Fast waagerecht überm Wasser

Der Wind ballert, und die Surfer auf dem Gardasee sind glücklich. Auch Lehrerin Kicky, die ihr Leben in Berlin längst hinter sich gelassen hat.

Es ist Hauptsaison am Gardasee. 8 Uhr morgens. Der Nordwind Vento, wie er im Volksmund genannt wird, pfeift mit Windstärken acht über den See. Die meisten stehen im Urlaub um diese Uhrzeit gerade einmal auf. Nicht so die Surfer bei Torbole. Die gesamte Nordhälfte des Sees ist von bunten Segeln übersät. Die Surfer sind seit 6 Uhr wach, spannen und trimmen ihre Segel, wachsen ihre Boards und zwängen sich in ihre Neoprenanzüge.

Katrin Trampert oder Kicky, wie sie von ihren Freunden genannt wird, ist eine von ihnen. Sie hängt gerade fast waagerecht über dem Wasser, nur mit einem Haken am Segel ihres Surfbrettes befestigt. Die Sonne geht gerade über den Felsen auf, was bei der Kälte des Wassers nur angenehm ist. Die Hände sind aufgerieben vom feuchten Gummi des Gabelbaums, an dem sie sich festhält, und brennen höllisch. Das Board knallt immer wieder aufs Wasser, nachdem es kleinere Wellen überfliegt. Die Gischt spritzt ihr ins Gesicht, und das Wasser glänzt in ihren blonden Haaren. Der Wind ballert, wie die Surfer sagen, ins sieben Quadratmeter große Segel. Kicky, die nicht gerade die Größte ist, hat alle Mühe, das Segel zu halten. Sie entschließt sich deshalb, anzuluven und somit dem Wind entgegen zum Strand zu fahren. Geschickt reißt sie das Segel zunächst aus dem Wind und schiebt die Mastspitze zum Heck des Boards, um es zu drehen. Sie fährt im Zickzack an den Strand, bis sich das Brett verhakt und stehenbleibt. Erschöpft lässt sie das Segel ins Wasser fallen.

"Junge, Junge heute ballert's richtig, dit is' richtig geil." Sie spreizt ihren Daumen und ihren kleinen Finger von ihrer Faust ab und ruft: "Yeah, hang loose, Baby." Die Geste, die sie mit ihrer Hand formt, ist das sogenannte Shaka, stammt aus Hawaii und ist dort eine gebräuchliche Geste zu verschiedenen Anlässen und bedeutet so viel wie cool oder locker. Die Surfer haben diese übernommen. Es wird unter ihnen als Hang loose bezeichnet und wird vor allem zur Begrüßung verwendet. Das Zeichen steht in gewisser Weise für die Lebenseinstellung dieser Sportler. "Häng lose! Nimm's locker! Nimm's, wie es kommt! Mach dir keinen Stress! Alles cool!"

Kicky ist seit fünf Jahren Surflehrerin und stammt, wie man unschwer am Dialekt erkennen kann, aus Berlin. Sie hat das Gymnasium abgebrochen, weil sie irgendwann einfach keine Lust mehr hatte zu lernen. Ihr war das alles zu spießig, das Lernen, die Bürokratie, "Deutschland an sich", wie sie sagt: "Ick komm nur noch, um meine Eltern und Freunde zu besuchen, ansonsten bin ick froh, wenn ick wieder aus Deutschland raus bin." Sie war früher fast jeden Tag an einem der Berliner Seen, hat sich die Ausrüstung von Freunden ausgeliehen - "Dit Zeug zu kofen konnt ick mir einfach nischt leisten" - und ist gesurft, bis sie nicht mehr konnte. In den Ferien ist sie immer an die Nordsee oder zu ihrer Oma nach Sylt gefahren, um dort zu Surfen. "Irgendwann hab ick keinen Bock mehr auf Schule jehabt", und dann hat sie mit der Ausbildung zur Surflehrerin ihr Hobby zum Beruf gemacht. "Weißte, ick brauch ja nit viel zum Leben."

Zurzeit arbeitet sie an einer der vielen Surfstationen am Gardasee. Morgens in die Badeshorts schlüpfen, runter zur Station und dann erst mal aufs Wasser. Wenn dann die ersten Gruppen kommen, gibt Kicky zunächst Theorieunterricht in Form von Trockenübungen auf Boards, die auf Metallkonstruktionen drehbar sind. "Ick hasse immer diese Anfänger! Weißte, ick liebe es ja, den Leuten richtig was beizubringen, draußen aufm Wasser zusammen mit denen Spaß haben, wenn richtig Druck in den Segeln ist, dann macht das auch richtig Fun. Aber weißte, drinnen in der Bucht zu stehen, dauernd rumpaddeln und Segel ausm Wasser heben, da hab' ick ehrlich selten Bock drauf." Dass sie das gerade vor einer Gruppe motivierter Anfänger erzählt, scheint Kicky nicht zu stören.

Ab Mittag schwächt der Wind ab, und der Südwind Ora setzt ein. Am Nachmittag hat Kicky keine Schüler mehr. Sie macht sich in ihrer kleinen Wohnung mit Seeblick, die sie sich mit den anderen Surflehrern teilt, etwas zum Mittagessen. Die Wohnung ist voll von Bildern vom Strand, mit braungebrannten jungen Leuten in Surfshorts mit Sonnenbrillen und vom Wind zerzausten Haaren. Sie alle formen mit ihren Händen das "Shaka". Die Wohnung ist nicht das, was man als ordentlich bezeichnen würde.

Zwischen Neoprenanzügen, Laptopkabeln, Surfzeitschriften und Pizzakartons sitzt Piedro, ein Italiener, dem die große Harley-Davidson vor der Tür gehört. Kicky gluckst und flüstert: "Der Junge verbringt immer noch sein halbes Leben bei Mutti." Auf dem Esstisch steht ein Aschenbecher mit Stummeln von selbstgedrehten Zigaretten. Dem Geruch zufolge wurde hier nicht nur Tabak geraucht, und auch Kicky grinst, als sie den Aschenbecher entdeckt. "Dit gibt einem erst den richtigen Kick beim Surfen."

In einer anderen Ecke sitzt ein großer, braunlockiger junger Mann, der sich als Kickys Freund Björn herausstellt. Björn Petkovic kommt aus Bremen. Er chattet mit ehemaligen Kollegen von Surfschulen. "Ja, man kommt schon in der Welt herum als Surflehrer. Es kommt halt immer darauf an, wo man vom Chef hingeschickt wird. Allerdings muss ich gestehen, dass man von der Kultur der Länder nicht viel mitbekommt." Der Tag plätschert so dahin, und die beiden hängen eigentlich stundenlang nur in ihrer Wohnung herum und tun nichts. Kicky spricht vom "aktiven Chillen".

Björn meint, es würde sich nicht mehr lohnen, hinaus aufs Wasser zu fahren, da der Wind am heutigen Tag nicht so viel hergibt. Er erzählt von seinen Erfahrungen auf Fuerteventura, wo er vergangenes Jahr unterrichtet hat. "Dort macht es noch viel mehr Spaß zu Surfen als hier. Hier ist es noch harmlos." Er formt mit seinen Fingern die Gänsefüße und grinst verschmitzt. "Am Meer hast du noch mit ganz anderen Dingen wie Strömungen und meterhohen Wellen zu kämpfen. Aber mal zehn Meter hoch in die Luft zu fliegen, einen Salto mit dem Board zu machen und in die Gischt einzutauchen - das ist schon ein ganz anderes Kaliber." Die beiden beschließen, den Abend in einer der Bars in Torbole ausklingen zu lassen.

Die "Watersportsbar" erkennt man schon von weitem. Ungefähr 300 Leute tummeln sich um die Bar, auf der Terrasse und der Straße. Es fällt auf, dass hier ein gewisser Dresscode herrscht. Warme Pullover, leichte Shorts und Flipflops werden bevorzugt getragen. An den Wänden hängen Flachbildschirme, auf denen die neusten Surffilme laufen. Über der Bar prangert der Slogan "Hang loose".

Man wird das Gefühl nicht los, dass dieses "Hang loose" mehr als nur eine Begrüßung bedeutet. Surfen bedeutet viel Reisen, weg von Familie und Freunden zu sein, man führt eine Art Nomadenleben, da die Surflehrer selten und die Profisurfer sowieso nicht länger als ein Jahr an einem Ort verbringen. Auch bei Björn und Kicky ist die Beziehung keine langfristige, da engere Beziehungen in dem Beruf schwierig sind. Es ist eine Art zu Leben, die auf einer gewissen Anspruchslosigkeit basiert. Und es ist möglicherweise ein Wunsch, der vielleicht auch tief in unseren Gemütern sitzt, den wir uns aber nicht trauen auszuleben, aus finanzieller Angst und Angst vor gesellschaftlichem Spott.

Kicky und Björn ist Letzteres egal. Die beiden sind mittlerweile am Strand spazieren gegangen, wo Björn seine akustische Gitarre ausgepackt hat und selbstgeschriebene Lieder trällert. Gegen Ende der Saison am Gardasee werden die beiden wieder in Clubs auf Fuerteventura arbeiten und dort Surfunterricht geben. "Wir nehmen es halt, wie es kommt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Fast waagerecht überm Wasser
Autor
Florian Mezger
Schule
Ernst-Mach-Gymnasium , Haar
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.06.2011, Nr. 127, S. N8
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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