Ungeplantes Glück, keine Katastrophe

Als die Hochschwangere das kleine Café in Augsburg betritt, folgen ihr die Blicke der anderen Gäste. Unbeirrt von den Seitenblicken, steuert sie mit ihrem dicken Bauch direkt auf den kleinen Tisch zu. Sophie Marthe (die Namen sind auf Wunsch der Betroffenen geändert) ist jetzt 18 Jahre alt, hat einen zweijährigen Sohn und erwartet erneut Zuwachs. "Es wird ein Mädchen", sagt sie überglücklich und streichelt zufrieden ihren großen runden Bauch. Doch sie erinnert sich auch an Momente, in denen sie nicht voller Zuversicht in die Zukunft gesehen hat. So zum Beispiel, als sie von ihrer ersten Schwangerschaft erfuhr. "Ich habe gedacht, mein ganzes Leben fällt auseinander", erzählt sie. Sophie ist ein hübsches Mädchen mit langen blonden Haaren und aufmerksamen braunen Augen. Als sie schwanger wurde, war sie gerade einmal zwei Monate mit ihrem drei Jahre älteren Freund Gregor Schroder zusammen und hatte ganz andere Dinge im Kopf, als Windeln zu wechseln und Fläschchen zu geben. "Ich war doch selber noch ein halbes Kind mit meinen 16 Jahren." Nach Informationen des Statistischen Bundesamts werden in Deutschland jedes Jahr mehr als 6500 Mädchen und junge Frauen Mutter. Viele Mädchen verhüten aufgrund mangelnder Aufklärung oder unzureichenden Verantwortungsbewusstseins nicht richtig oder auch überhaupt nicht. Sophie wurde früh durch ihre Eltern aufgeklärt und wusste schon damals, wie und wann es zu einer Schwangerschaft kommen kann. Gregor und sie haben mit der Pille verhütet, und doch wurde Sophie schwanger. Zuerst wollte sie sich die Schwangerschaft selbst nicht eingestehen und traute sich auch nicht, offen mit ihrem Freund und ihren Eltern über die Schwangerschaft zu sprechen. Erst als sie schon im dritten Monat schwanger war, nahm sie endlich ihren ganzen Mut zusammen und erzählte ihren Eltern alles. Für diese war die frühe Schwangerschaft ihrer Tochter ein Schock. Sie erkannten jedoch, dass Schuldzuweisungen und Selbstvorwürfe nicht weiterhelfen würden, und unterstützen Sophie in jeder Hinsicht. Als Gregor von der Schwangerschaft seiner Freundin erfuhr, wollte er sich zuerst von ihr trennen, kehrte aber nach zwei Wochen zu ihr zurück. Natürlich war es eine schwierige Zeit für die werdende Mutter. Sie lernte, was viele Mädchen in ihrer Situation lernen müssen: sich nicht als Opfer der Verhältnisse zu fühlen, die Situation zu bejahen. "Ich sah meine ungewollte Schwangerschaft schon bald als ungeplantes Glück an und nicht als Katastrophe", erinnert sie sich. Sophie war von Anfang an gegen eine Abtreibung, so dass sie schon bald das Gymnasium abbrechen und sich somit vorläufig von ihrem Traum von einer Zahntechnikerausbildung verabschieden musste. Sie litt sehr darunter, dass ihr Leben von einem Tag auf den anderen so gänzlich anders als das der gleichaltrigen Mädchen verlief und sie zunehmend den Kontakt zu ihren Freundinnen verlor. "Von den Leuten von damals hab ich nur noch mit einer Freundin Kontakt, mit den anderen hat es sich immer mehr verlaufen", erzählt sie ein wenig bedrückt. Auch an die stetigen Veränderungen des Körpers konnte sie sich nur langsam gewöhnen. Doch fanden sich die werdenden Eltern immer mehr in die neue Situation ein und blickten der Geburt ihres ersten Kindes Jasper voll Vorfreude entgegen. "Als Jasper dann endlich ohne Probleme da war, waren wir so glücklich wie noch nie zuvor", strahlt Sophie. Das junge Paar wuchs immer mehr in seine Elternrolle hinein und wünschte sich sogar noch ein weiteres Kind. Sophie ist jetzt im achten Monat schwanger und freut sich auf Jaspers Schwester, die im nächsten Monat auf die Welt kommen soll. "Immer wieder werde ich gefragt, wie es zu dieser frühen Schwangerschaft kommen konnte und ob ich eine weitere Schwangerschaft nicht für verantwortungslos halte." Dass Sophie aufgrund ihres Alters immer wieder mangelndes Verantwortungsbewusstsein vorgeworfen wird, ist für sie zwar nachvollziehbar, da viele Menschen keinen Einblick in die Situation der jungen Familie haben, doch kränkt es sie jedes Mal aufs Neue. "Vor allem, wenn mein Sohn darunter leiden muss, wenn manche Eltern zu viel Angst haben, ihre Kinder alleine zu uns nach Hause zu lassen, machen mich solche Reaktionen traurig." Aber auch in solchen Momenten steht ihr Gregor zur Seite und muntert sie wieder auf. Vor kurzem sind Gregor und Sophie in ihre erste gemeinsame Wohnung gezogen. Gregor hat ein Studium der Materialwissenschaften in Augsburg angefangen, und Sophie will in zwei Jahren ihr Abitur nachholen, um ihren Traum von einer Zahntechnikerausbildung zu verwirklichen. "Wir sind glücklich mit unserem Leben und schauen der Zukunft optimistisch entgegen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ungeplantes Glück, keine Katastrophe
Autor
Juliane Reuter. Wernher-von-Braun-Gymnasium, Friedberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.06.2010, Nr. 125 / Seite N6
Projekt
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