Adler Scharbeutz für die 99/1 kommen

Eine laue Ostseebrise weht über das Gelände der DLRG Scharbeutz, der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft, wo junge, in Rot gekleidete Menschen umherschwirren. Die Jugendlichen lachen viel, während sie ihre Taschen und Seesäcke auf dem sonnenbeschienenen, geräumigen Hof zusammenstellen. Eine Glocke klingelt. Einige frühstücken draußen, während andere Mitglieder der rund dreißig Mann starken Truppe lieber drinnen bleiben. Alle stärken sich ausgiebig und machen sich Lunchpakete, damit sie während ihrer Wachzeit von 9 Uhr bis 18 Uhr an der Küste der Lübecker Bucht topfit sind, denn hier beginnt gerade ein Wachtag der ehrenamtlichen DLRG-Mitglieder, die sich zum "Zentralen Wasserrettungsdienst Küste" angemeldet haben.

Jährlich finden sich etwa 300 freiwillige Helfer aus ganz Deutschland im Nachbarort vom Timmendorfer Strand ein, um zwei oder drei Wochen ehrenamtlich Wachdienst zu leisten. Für die Unterbringung und die Verpflegung sorgt die DLRG. Um 9 Uhr ist Wachbesprechung, besondere Geschehnisse werden besprochen, besondere Taten Einzelner gelobt. Mit dem Rad fahren alle zu einer der 14 Wachstationen, die an dem sieben Kilometer langen Sandstrand liegen.

Auch der 21-jährige Jonas Behnke aus Verden, der in Gießen Medizin studiert, und die 19-jährige Gymnasiastin Lisa Heckmann aus Esch in der Eifel fahren zu ihrer Station, der Hauptwache, einem Häuschen bei der Scharbeutzer Seebrücke. Das ist die Zentrale aller Wachtürme im Bezirk Niendorf. Vor dem Haus steht ein Strandrettungsfahrzeug im Sand, auf dessen Ladefläche ein Spineboard, ein Rettungsbrett, ein Defibrillator, Sauerstoff und anderes Erste-Hilfe-Material geladen ist. Im Haus ist es recht eng, hier lagern Gurtretter und andere Rettungsutensilien sowie Funkgeräte und Telefone. Nach und nach gehen einige Funksprüche wie dieser ein: "Adler Scharbeutz für die 99/1 kommen." Die Hauptwache antwortet: "Scharbeutz hört", worauf der andere Wachturm antwortet: "Sind mit zwei WG E-klar." Diesen Funkspruch müssen die Wachgänger (WG) der anderen Türme an die "HW", wie man hier kurz sagt, funken, damit man dort Bescheid weiß, wo schon viele Wachgänger einsatzbereit (E-klar) sind. Alle Funksprüche werden notiert.

Nach der Ankunft an der eigenen Wachstation müssen die Wachgänger die "Beachflags" rund 50 Meter von ihrem Turm entfernt in den Sand stecken, damit die bewachte Strandzone erkennbar wird, und die DLRG-Flagge hissen, wie Lisa Heckmann erklärt. Die grün-braunen Augen der Schülerin strahlen, während sie von ihrem ersten Jahr in Scharbeutz schwärmt, "das war mal ganz was anderes so im Vergleich zu den Aktivitäten der DLRG in der Eifel". Lisa war bisher zwei Mal hier und plant, wieder nach Scharbeutz zu fahren, weil es ihr so viel Spaß macht, den Tag am Strand zu verbringen, aber trotzdem etwas Sinnvolles zu tun.

Die Suche nach verlorengegangenen Kindern ist nur eine kleine Aufgabe der Rettungsschwimmer, denn hauptsächlich kleben sie Pflaster oder beantworten Fragen der Touristen und haben ein wachsames Auge aufs Meer, denn es kann natürlich immer passieren, dass man schnell ins kühle Wasser springen muss, um jemanden zu retten. Um diesen Aufgaben gewachsen sein zu können, muss man mindestens 16 Jahre alt sein und das DLRG-Rettungsschwimmabzeichen Silber besitzen, was nicht älter als zwei Jahre alt sein darf. Außerdem muss man innerhalb der vergangenen zwei Jahre einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht haben. Doch haben viele der ehrenamtlichen Retter, die nur fünf Euro am Tag erhalten, eine höhere Qualifikation und sind Sanitäter.

Jonas, der das sechste Jahr dabei und stellvertretender Wachleiter ist, erklärt gutgelaunt, dass die Wasserrettung nicht nur vom Strand aus erfolgt, sondern dass es auch Boote gibt. Zusätzlich gibt es noch die All-Terrain-Vehicles, die wie Quads aussehen. Jonas erzählt, wie sie einmal einen kleinen Jungen gerettet haben, der in Nähe der Badezonenbegrenzung wohl Panik bekommen haben muss. "Nachdem wir ihn aus dem Wasser gezogen hatten, haben wir ihm direkt auf der Seebrücke Sauerstoff gegeben und den Blutdruck gemessen, ihn in Wolldecken eingepackt und einfach nur mit ihm geredet. Später wurde er ins Krankenhaus gebracht, wo er glücklicherweise nur eine Nacht zur Beobachtung verbringen musste."

Jonas und Lisa genießen ihre Zeit auf der Wache und machen viele Späße, während sie erklären, dass der Wachalltag natürlich nicht nur aus Pflaster kleben und Verbandanlegen oder dem anderen Extrem, alle fünf Minuten jemanden aus dem Wasser Ziehen wie bei Baywatch, besteht: "Zwischendurch findet man auch die Zeit, selber schwimmen zu gehen und das schöne Wetter zu genießen, aber immer nur einer von uns beiden, der andere muss schließlich Wache schieben." Wenn das Wetter mal nicht so gut ist, werden Fortbildungen angeboten, manche Rettungsschwimmer haben die Möglichkeit, in der Ostsee-Therme in Timmendorf aufzupassen, "was eine schöne Abwechslung nach zwei Wochen Strand sein kann", sagt Lisa.

Abends gegen kurz vor 18 Uhr gibt Jonas über Funk das Zeichen zum Aufklaren, was heißt, dass die anderen Türme schließen und die Wachzeit beendet ist. Die Jugendlichen müssen ihren Turm jetzt noch saubermachen und können dann mit dem Fahrrad zurück zur Unterkunft fahren, wo es ein gemeinsames Abendessen gibt. Früh um 7 Uhr klingelt dann der Wecker, um einen langen Tag einzuläuten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Adler Scharbeutz für die 99/1 kommen
Autor
Eva Hoetgen
Schule
Hermann-Josef-Kolleg , Steinfeld
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.06.2011, Nr. 127, S. N8
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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