Mann im Rhein

Ein beißender Ölgeruch liegt in der Luft. Aber das scheint den mittelgroßen, dunkelhaarigen Mann im blauen Overall an Bord des Feuerlöschboots "Christophorus" aus Basel nicht zu stören. Vermutlich hat sich Ernst Camenzind während seiner langen Laufbahn als Schiffsführer daran gewöhnt. Seit seiner Kindheit hatte er immer viel mit der Schifffahrt zu tun, und das ist vermutlich auch der Grund, warum er schon in jungen Jahren auf einem Schiff arbeiten wollte.

Er begann als Schiffsjunge, wurde später Matrose und schließlich Schiffsführer. Da man als Schiffsführer in der Regel viel unterwegs ist und deshalb seine Familie nicht so oft sehen kann, kam ihm sehr gelegen, dass die Feuerwehr Basel einen Arbeitsplatz für ihn hatte. So begann seine mittlerweile schon 36 Jahre andauernde Laufbahn als Besatzungsmitglied des Feuerlöschboots "Basel". Er arbeitet immer drei Tage am Stück, während denen er mit seinen Kollegen zusammenwohnt. Anschließend hat er immer drei Tage frei, die er mit seiner Frau und seinen Kindern in Basel verbringen kann.

Ernst Camenzind hat während seiner Laufbahn schon vieles erlebt. Seine Einsätze beinhalten eine große Bandbreite von Notfällen. Ob nun ein Mensch oder ein Tier in den Rhein gefallen ist, ob ein Schiff oder ein Haus am Ufer in Brand geraten ist, er und sein Team sind jederzeit bereit zu helfen. Das ist es auch, was er an seinem Beruf liebe, "anderen zu helfen und Leben zu retten".

Es gibt hin und wieder Fälle, in denen eine Rettung nicht gelingt. Einmal musste Ernst Camenzind dabei zuschauen, wie ein Mann sich ins Wasser fallen ließ, um sich umzubringen. Ein Polizist war dabei, auf ihn einzureden, doch beim Anblick des Feuerlöschboots wusste der Mann, dass er eine Entscheidung treffen musste. Da es wegen anderer Schiffe nicht möglich war, dem davontreibenden Mann hinterherzufahren, konnte das Rettungsteam nichts unternehmen und musste zusehen, wie der Mann ertrank. Seine schlimmste Erfahrung musste Camenzind jedoch machen, als er aushilfsweise mit der normalen Feuerwehr ausgerückt ist, weil ein Mann mit seinem Auto in den Mittelleitpfosten gefahren war. Der Mann war bereits tot, doch Camenzind ging trotzdem zu ihm hin und sah den Verunglückten an. Als er feststellte, dass der Mann in seinem Alter war und ebenfalls einen Ehering trug, hat ihn das sehr bewegt. Der Anblick kostete ihn zahlreiche schlaflose Nächte. "Man darf solche Fälle nicht zu nah an sich heranlassen", sagt Camenzind, "denn es ist normal, dass nicht jede Rettung gelingt."

Es sind die schönen Momente, die den Beruf zu etwas Besonderem machen. Vor allem mit seinem Zimmerkollegen Daniel Reutlinger hat er schon viele unvergessliche Situationen erlebt. Als die beiden Kameraden einmal zu einem Interview eingeladen waren und ihre besten Uniformen anhatten, mussten sie kurzfristig einen Hund, der in den Rhein gefallen war, vor dem Ertrinken retten. Als sie den Hund erfolgreich auf das Rettungsboot geholt hatten, schüttelte er sich und somit waren die schönen Uniformen nass und dreckig.

Auch ein Brand auf der Wettsteinbrücke in Basel vor einigen Jahren war ein Erlebnis, das die beiden nicht so schnell vergessen werden. Es war Fasnacht, und wie es in Basel üblich ist, war alles voller Konfetti, das in Basel Räppli genannt wird. Die Räppli verstopften den Wasserablauf, und vermutlich war es ein noch glühender Zigarettenrest, der sie zum Brennen brachte. Da das in Flammen stehende Rohr von der Brücke aus nicht zu erreichen war, mussten sie mit dem Feuerlöschboot anrücken und das Feuer durch genaues Zielen mit dem Wasserwerfer löschen. Als sie dann dabei waren, den Brand zu löschen, war es jedoch nicht nur das betroffene Rohr, das das Wasser abbekam, welches in alle Richtungen wegspritzte, sondern auch der Einsatzleiter der Feuerwehr, der auf der Brücke stand.

Auch aufgrund solcher Erlebnisse wird es Camenzind in zwei bis drei Jahren schwerfallen, in Rente zu gehen. Aber er könne dann immerhin seine ehemaligen Kollegen am 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag, besuchen und eine Schaufahrt mitmachen, so tröstet er sich.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mann im Rhein
Autor
Jasmin Gutmann
Schule
Kant-Gymnasium , Weil am Rhein
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.06.2011, Nr. 127, S. N8
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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