Uniform ist Pflicht

Montagmorgen 8.30 Uhr. Über dem Schulhof des Anadolu Öretmen Lisesi der westtürkischen Stadt Edirne erklingt die türkische Nationalhymne. 450 Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren stehen in Zweierreihen auf dem Hof und folgen dem allmontagmorgendlichen Spektakel. Einmal in der Woche versammeln sich die Schüler sowie das gesamte Lehrerkollegium zum gemeinschaftlichen Singen der Hymne und dem Hissen der türkischen Nationalflagge.

Beim Betreten des roséfarbenen Schulgebäudes werfen die Lehrer einen prüfenden Blick auf die Kleidung eines jeden Schülers. Nicht aus Schikane, doch schließlich soll sichergestellt werden, dass die Schuluniform auch tatsächlich von jedermann getragen wird. "Ich finde es gut, dass alle dieselbe Kleidung tragen", sagt die sechzehnjährige Göknil Gök. "Denn eine Schuluniform schließt Mobbing auf Grund von Kleidung aus", pflichtet ihr der gleichaltrige Ogulcan Kuru bei. Das Mädchen trägt einen knielangen grauen Faltenrock sowie eine weiße Hemdbluse. Der Junge trägt eine graue Hose und ein weißes Hemd. Die dunkelblau gestreifte Krawatte sitzt locker und baumelt bei beiden betont lässig am Hals hinab.

Streift man durch die hohen, schwarz-weiß gekachelten Korridore des Schulgebäudes, so sticht ein Atatürk-Denkmal am Ende eines der Flure ins Auge. Mit der türkischen Flagge im Hintergrund, einer Fackel und einer goldfarbenen Atatürk-Büste mutet es gar wie ein Altar an. Nichts Ungewöhnliches in einem Land, in dem der Staatsgründer und Reformator Mustafa Kemal Atatürk noch immer sehr verehrt wird. Sein Porträt blickt nicht nur in öffentlichen Gebäuden oder Privatwohnungen von der Wand, sogar im Linienbus findet sich direkt hinter dem Fahrer ein Atatürk-Bild im Miniaturformat.

Ein Stockwerk höher im ersten Obergeschoss befinden sich neben den Klassenräumen auch Bibliothek und Konzertsaal. Der Saal verfügt über eine großzügig geschnittene Bühne, bietet Sitzplätze für die gesamte Schülerschaft und bildet das Herzstück der Schule. Etwa ein halbes Dutzend Schüler tummelt sich in der Bibliothek: Sie sitzen konzentriert an den U-förmig angeordneten Tischen in der Mitte des Raumes, lesen in Zeitungen und Büchern oder stöbern in den Wandregalen. Die Auswahl fällt nicht leicht, denn die Bibliothek ist gut bestückt. Den Schülern stehen neben fremdsprachiger Literatur, Weltliteratur und Fachliteratur auch Schriften der bedeutendsten türkischen Autoren zur Verfügung.

Direkt neben der Bibliothek ist eine Tür einladend weit geöffnet. Dabei handelt es sich nicht etwa um ein Versehen oder einen Zufall, vielmehr steckt in der geöffneten Tür eine gewisse Symbolik. "Tritt man aus dieser Tür hinaus, ist einem nicht selten leichter ums Herz", sagt Ogulcan schmunzelnd. Das Beratungszimmer der Schulpsychologin steht für die Schüler offen, ohne Voranmeldung können die Schüler hier ihren Problemen und Ängsten mit professioneller Hilfe auf den Grund gehen oder aber schlicht und einfach Bedrückendes loswerden.

Die staatliche "Lehrerschule" in Edirne hat sich zum Ziel gesetzt, Heranwachsende speziell auf den Lehrerberuf beziehungsweise auf ein Lehramtsstudium vorzubereiten. Nicht selten bieten die weiterführenden Schulen in der Türkei bereits eine berufsbezogene Bildung. Um in den Genuss einer solchen schwerpunktorientierten Förderung zu kommen, nehmen nicht wenige Schüler einen weiten Weg auf sich. Unter der Woche beherbergt das an die Schule angeschlossene Internat zurzeit rund 50 Mädchen. Trotz der Prüfungen am Ende eines jeden Schuljahres und eines Schuldiploms, das nach Beendigung der Schulzeit ausgestellt wird, müssen die Jugendlichen eine Aufnahmeprüfung ablegen, um überhaupt zum Studium zugelassen zu werden.

Doch für Göknil und Ogulcan liegen diese Sorgen noch in weiter Ferne. "Jetzt stehen in zwei Wochen zuerst einmal die Jahresabschlussprüfungen an", sagt die dunkelhaarige Göknil. Einen Augenblick später wirft ihr Sahin Kürklü, ihr Deutschlehrer, einen Ball zu, und die zwei Lehrer spielen gemeinsam mit etwa einem Dutzend Schüler mitten auf dem Schulhof Ball. Ein bezeichnendes Bild, denn bei allem Respekt und mehr oder minder ausgeprägter Strenge sorgen beide Parteien dafür, dass der Spaß nicht zu kurz kommt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Uniform ist Pflicht
Autor
Sarah Barth
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.06.2011, Nr. 132, S. N8
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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