Sie hat sich angepasst

Das Kopftuch gehört zu mir wie meine Kinder, und ohne meine Kinder könnte ich mir mein Leben nicht mehr vorstellen." In diesem Moment trägt Hadice El Husseini aber kein Kopftuch. Es fällt schwer, es sich an ihr vorzustellen. Ihre hellen Augen, ihre Sommersprossen und blonden Wimpern passen nicht in das Bild der Kopftuchträgerin. Man würde sie eher für eine Sozialarbeiterin als für die Mutter der dunkelhaarigen Kinder mit den großen braunen Augen halten, von denen zwei ein Kopftuch tragen. Doch genau das ist sie, wie sie klarstellt, das "inoffizielle Familienoberhaupt" der muslimischen Familie El Husseini. Ihr Mann ist der Ernährer und ermöglicht allen durch seine Arbeit im Gebrauchtwarenhandel einen relativ guten Lebensstandard.

Solange in der Wohnung kein männlicher Besuch erwartet wird, herrscht auch keine Kopftuchpflicht. Auf der Straße sieht das anders aus. Ohne den Schutz eines Kopftuches, versichert die 36-jährige Hausfrau, könnte sie sich das Leben in der Öffentlichkeit nicht mehr vorstellen.

Hadice El Husseini hat nicht nur den Namen ihres Mannes angenommen, sondern hat sich auch dem strengen traditionellen Lebensstil der muslimischen Kultur angepasst. Dafür hat sie ihr altes Leben hinter sich gelassen und durch die Änderung ihres Vor- und Nachnamens eine neue Identität angenommen. In der Siedlung am Rande von Neukölln, in der die El Husseinis leben, wohnen noch 20 andere deutsche Frauen mit Kopftuch. "Als ich mit meinem Mann beim Bürgeramt war, fragte mich der Beamte: Und Sie? Wollen Sie auch die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen?", sagt die deutsche Muslima belustigt. Sie hat Spaß daran, ihren deutschen Mitbürgern nachzuweisen, wie voreilig sie bereit sind, sie als Ausländerin abzustempeln. Genauso gern erklärt sie, wie viel ihr der Islam bedeutet.

"Ich war schon immer auf der Suche nach Gott. Mit 14 bin ich auch mal in die Kirche gegangen, aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass das alles ist. Den Buddhismus habe ich mir damals auch angeguckt, aber als Kakerlake wiedergeboren werden wollte ich ja auch nicht", sagt sie lachend. "Und dann habe ich meinen Mann kennengelernt, der mir sozusagen den Weg zum Islam geebnet hat." Für ihre Eltern war es zunächst ein großer Schock, als sie die Veränderungen an ihrer Tochter bemerkten. In Falkensee, einem Ort westlich von Berlin, lernte sie als blutjunge Frau ihren Mann kennen, kurz nachdem der aus dem Libanon geflohen war, ohne auch nur ein Wort Deutsch zu sprechen. "Na klar gab's anfangs Hindernisse und viele Missverständnisse, aber mit Händen und Füßen haben wir es irgendwie geschafft, uns zu verständigen." Nach ihrer Hochzeit lebten sie die ersten fünf Jahre in Falkensee, wo sie als deutsch-arabische Familie ziemlich auffielen. "Sogar alte Freunde von mir haben uns im Supermarkt mal heftig beschimpft." Als dann mit der Post Morddrohungen ankamen, beschlossen die Husseinis - vor allem der Kinder wegen - nach Berlin zu ziehen, in die "High-Deck-Siedlung", ein Neubauviertel, wo versucht wird, das soziale Miteinander von Menschen unterschiedlicher Kulturkreise zu fördern. Fortan konnte Hadice El Husseini ein Kopftuch tragen. "Mein Mann hatte mit der Entscheidung nichts zu tun. Ich möchte es tragen", betont sie. Schlechte Erfahrungen habe sie wenige gemacht.

Aber auch in den Kreisen ihrer neu angenommenen Kultur stößt sie auf Widerstände. "Als Deutsche muss man immer die Beste sein, auch in der Kindererziehung. Wenn arabische Frauen zu mir zu Besuch kommen, gucken die in alle Ecken, ob es da auch wirklich sauber ist." Auch für die Kinder lief es nicht reibungslos. Ihre Zwillinge musste sie von der Schule nehmen, da die Schulleitung angekündigt hatte, dass es wohl Probleme geben werde, wenn die Kinder mit zehn Jahren anfangen, Kopftücher zu tragen. Die drei ältesten Schwestern sind 15, 14 und 13 Jahre alt. Die Zwillinge sind 11, Ali ist fünf.

"Wenn eine meiner Töchter einen guten Grund hat und mir erklären kann, warum sie kein Kopftuch mehr tragen will, wäre das auch okay. In Sachen Ordnung und Pünktlichkeit bin ich sehr deutsch, und so auch meine Kinder, aber sonst habe ich sie eher muslimisch erzogen. Alleine rausgehen, shoppen oder sonst was gibt's bei uns natürlich nicht - das wollen sie aber auch gar nicht." Die Mädchen äußern sich dazu nicht. Überhaupt fällt das zurückhaltende, gesittete Benehmen der Kinder auf. Sie mischen sich in das Gespräch nur ein, wenn sie gefragt werden. Die Älteste bedient die Runde ganz selbstverständlich mit Kaffee und Wasser.

Die 15-jährige Batul wirkt verschlossen. Unter ihrer knielangen, schwarzen Strickjacke trägt sie einen bodenlangen schwarzen Rock. Ihre triste Kleidung steht im Kontrast zu ihrem kunstvoll hergerichteten Kopftuch. Auf die Frage, ob sie sich durch das Kopftuch verändert habe, antwortete Batul: "Ich bin selbstbewusster geworden." Die Mutter ergänzt: "Das muss auch so sein, wenn man bedenkt, wie oft wir uns rechtfertigen müssen und wie vielen wir erklären müssen, warum wir ein Kopftuch tragen. Mir macht das mittlerweile Spaß, aber ohne ausreichende Selbstsicherheit geht man da schnell dran kaputt." Das Kopftuch diene als Schutz. "Es muss die Aura verdecken." Es schütze die Frauen vor Blicken und symbolisiere eine Art Verschlossenheit und Distanz, die auf den Straßen Neuköllns respektiert werde.

Alle zwei Jahre setzen sich alle acht Husseinis in ihren kleinen Bus und fahren in den Libanon. Dort fühlt sich die Mutter heimischer als hier. Dort zu leben, könne sie sich im Moment noch nicht vorstellen. Sie weiß, dass die Kinder in Deutschland die besseren Bildungschancen haben. Die Mädchen wollen Ärztin, Hebamme, Kinderpflegerin werden. Auf die Frage, warum sie nicht lieber Erzieherin werden will, sagt Batul sachlich, dass das mit ihrem Kopftuch nicht gehen wird. Öffentliche Kitas stellen keine Kopftuchfrauen ein.

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie hat sich angepasst
Autor
Fabienne Bovier
Schule
Leonardo-da-Vinci-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.06.2011, Nr. 132, S. N8
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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