Die Türen des Cemevi sind offen

Gemeinsame Tänze, Frühstück für junge Leute und Wahl des Frauenbeirats: Die alevitische Gemeinde in Berlin bemüht sich um Toleranz. Ihr junger Vorsitzender ringt um den Dialog.

Gott soll keine Angst machen. Wir wollen ein Liebesverhältnis zwischen Mensch und Gott", sagt Ahmet Taner, Diplom-Wirtschaftsingenieur und ehrenamtlich erster Vorsitzender der Alevitischen Gemeinde zu Berlin. Er sitzt an einem kleinen Tisch im Cemhaus, dem Gebetshaus der alevitischen Glaubensgemeinschaft, in der Waldemarstraße in Berlin-Kreuzberg. Es ist ein Häuschen mitten in der Großstadt, nebenan gibt es einen Kiosk und ein Internetcafé. 20 Prozent der türkischen Bevölkerung sind Aleviten. Deutlich über einen halbe Million Aleviten leben hier. Dennoch ist das Alevitentum kaum bekannt. Der in Berlin geborene Ahmet Taner will das ändern. Dafür möchte er unter anderem aufklärende Prospekte in Schulen verteilen, sagt der Mann mit Brille und schwarzem lockigen Haar.

"Das Cemhaus ist für alle Menschen jederzeit offen, egal, welcher Religion sie angehören", erklärt der kleine Mann mit leiser, bescheidener Stimme. Wenn er spricht, wirkt es, als würde er dabei ständig grübeln. Das Alevitentum sei Teil des Islams. Die Aleviten verehren Ali, den ersten Anhänger des Propheten Mohammed. Sie gehen jedoch nicht in die Moschee, um zu beten. Es sei eine sehr moderne Religionsgemeinschaft, der es weniger um das Befolgen von Regeln gehe, wie zum Beispiel der fünf Säulen des Islams. Es sei der innere, persönliche Glaube, der in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielt. Frauen müssen ihren Kopf nicht bedecken und sind den Männern gleichgestellt.

Die Türen des Cemevi stehen weit offen. Das ist als Zeichen der Herzlichkeit gedacht, gleichzeitig ist es auch ein Symbol für die Offenheit der Gemeinde. Der weite, schlichte Saal, in dem der junge Mann sitzt, ist durch die großen Fenster sehr hell. Ein roter Teppich bedeckt den Boden. Vor jedem Fenster stehen bunte Blumen. An der Stirnseite des rechteckigen Saales sieht man das Bild des Haci Bektas Veli, einem der wichtigsten Geistlichen der anatolischen Aleviten. Von ihm stammt der Leitspruch der alevitischen Religionsgemeinschaft: "Beherrsche deine Hände, deine Lende und deine Zunge!"

Die Aleviten sehen sie sich als eigenverantwortliche Menschen, die das Schicksal selbst in die Hand nehmen. Sie glauben an das Gute und Göttliche in jedem Menschen. "Wir tolerieren fremde Religionen nicht nur, wir respektieren sie", sagt Taner, kurz leuchten seine lebhaften hellbraunen Augen auf. Sein Dreitagebart, die locker sitzende dunkle Jeans und der karierte beige Pullover lassen nicht unbedingt darauf schließen, dass er erster Vorsitzender des Berliner Alevitenzentrums ist. In dem kleinen Vorraum des Cemsaals steht ein weiterer Leitsatz der Aleviten: "Kommt Freunde, lasst uns eins sein." Die wenigen Tische sind besetzt, man hört angeregte Unterhaltungen. Aus einer winzigen Teeküche in einem Nebenraum servieren die Frauen scheinbar ununterbrochen den türkischen Tee Cai.

Der Cemsaal wird immer voller, später wird hier das "Cem" stattfinden, die gottesdienstliche Versammlung, bei der nicht nur gebetet, sondern auch Gedichte der alevitischen Dichter in Begleitung des traditionellen Saiteninstruments Saz gesungen werden. Frauen und Männer tanzen in gemischten Gruppen den rituellen alevitischen Tanz "Semah", der eine Form des Gebets ist. Geleitet wird das Cem vom "Dede", wörtlich bedeutet das "Großvater", dem geistlichen Prediger, der sich mit den religiösen Ritualen und Grundsätzen auskennt.

Regelmäßig wird ein gemeinsames Frühstück für Jugendliche angeboten. Die Veranstaltung, die in einem großen Raum mit bunten Tier- und Wissenspostern stattfindet, ist beliebt und sehr gut besucht. Fröhliches Lachen, angeregte Gespräche zwischen Jugendlichen und Erwachsenen sowie ein üppiges Frühstücksangebot prägen das Treffen. Ziel sei "eine Verschmelzung der alevitischen Jugend", bemerkt Ahmet Taner. Gleichzeitig erfahre man, welche Bedürfnisse und Wünsche sie haben. Die jungen Frauen und Männer fühlten sich dadurch gestärkt. Dass ihnen jemand zuhört, finden sie gut.

Frauen, die etwas bewegen möchten, gibt es in der alevitischen Gemeinde ziemlich viele. Deswegen wird alle zwei Jahre ein Frauenbeirat gewählt. Heute ist es wieder so weit. Mehr als 100 Frauen jeden Alters haben sich im Cemsaal versammelt, die meisten von ihnen haben sich mit einem Glas Cai eingedeckt. Einige ermuntern sich gegenseitig, sich zur Wahl zu stellen. Jeder Frau, die ihre Stimme abgeben möchte, wird ein grüner Stimmzettel gereicht. Das Gemurmel bricht jäh ab, als die Gesprächsleiterin die Wahl eröffnet. An einem hölzernen Podium können sich die Kandidatinnen nun vorstellen und für sich werben. Sie möchten unter anderem die Mitgliederzahl der Frauen erhöhen oder zum Beispiel Alphabetisierungskurse einführen. Betont wird in allen Reden, dass sie eine Gruppe sind, die alles nur gemeinsam schaffen kann, indem jede den ihr möglichen Beitrag dazu leistet.

Ahmet Taner verfolgt den Wahlvorgang am Ende des Saals mit einer kleinen Gruppe neugieriger Männer. Als er kurz einen Vorschlag zum weiteren Wahlverlauf macht, bekommt er durch die Wahlleiterin zu spüren, dass diese Wahl ausschließlich von und für Frauen ist. Taner nimmt dies lächelnd zur Kenntnis und lobt die Teilnahme der Frauen an der Vereinsarbeit, es sei "positiv, dass Frauen sich einmischen".

Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder jeder Herkunft und Religion sind willkommen, bekräftigt er. Neben dem Gottesdienst können sie Kurse besuchen: Deutschkurse, Computerkurse, Folklorekurse, Sazkurse, pyschologische Beratung, Rechtsberatung, Hausaufgabenhilfe und Theaterkurse werden kostenlos angeboten. Darauf ist Ahmet Taner stolz, er möchte ein großes Dialogzentrum in Berlin eröffnen. Es soll ein Dienstleistungszentrum werden, in dem jeder willkommen ist, egal welche Hautfarbe er hat oder welcher Religion er angehört. "Das Wichtigste ist für uns Aleviten eine Welt ohne Dualismus. Wir möchten nicht alles in Gut und Schlecht bewerten. Dazu haben wir nicht das Recht."

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Türen des Cemevi sind offen
Autor
Pinar Kaya
Schule
Bertha-von-Suttner-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.06.2011, Nr. 132, S. N8
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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