Kostbarkeiten in der Küchenschublade

Christine Martin verwandelt chaotische Handschriften in spielbare Noten. Sie arbeitet mit an der neuen Schubert-Ausgabe und hat vor allem die Opern im Blick.

Christine Martin blickt durch ihre Brillengläser konzentriert auf einen Punkt, der sich auf einer von fünf Linien befindet. Ist das wirklich eine Note oder nur ein Tintenklecks? In Franz Schuberts Handschrift des Singspiels "Claudine von Villa Bella", das er 1815 als junger Mann auf einen Text von Goethe komponierte, ist das kaum zu erkennen. Christine Martin vergrößert sich den Scan auf ihrem Bildschirm noch etwas, doch anscheinend muss diesmal ihr Fachwissen entscheiden, ob die Musik ohne oder mit diesem Tintenklecks besser klingen würde.

Sie sitzt an ihrem Arbeitsplatz in einem kleinen Dachzimmer. An der Wand steht ein Klavier, in den Regalen reihen sich Bücher über Schubert und seine Musik, und auf ihrem Schreibtisch steht ein großer Computerbildschirm. Wir befinden uns im Tübinger Pfleghof, einem denkmalgeschützten Fachwerkhaus ganz in der Nähe der Stiftskirche, in dem die Neue Schubert-Ausgabe ihre Büros hat. Dort arbeitet Christine Martin zusammen mit drei Kollegen als Editorin. Um diesen Beruf ausüben zu können, hat sie in Frankfurt und Heidelberg Musikwissenschaft studiert, anschließend als Dokumentarin beim "Répertoire International de Sources Musicales" in Frankfurt gearbeitet und dann - als ihre beiden Töchter klein waren - ihre Doktorarbeit geschrieben. Das editorische Handwerk lernte sie nicht nur an der Universität, sondern auch in freiberuflicher Tätigkeit für verschiedene Musikverlage. Seit acht Jahren ist sie bei der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe angestellt und vor allem für Schuberts Opern zuständig.

Als Editorin verwandelt Frau Martin chaotische Handschriften in brauchbare Noten für Musiker, die man dann beim Bärenreiter-Verlag, Kassel, kaufen kann. Dazu muss die Handschrift, die ediert werden soll, erst einmal gefunden werden. Das kann ziemlich schwierig sein, weil sich über die Jahrhunderte die teuren Notenblätter des Komponisten über die ganze Welt verteilt haben oder zum Beispiel seit dem Zweiten Weltkrieg ganz verschollen sind. "Oft müssen wir bis nach Tokio oder New York reisen, um uns Handschriften ganz schnell anzusehen, bevor sie bei einer Auktion versteigert werden und dann wieder im Tresor verschwinden. Manchmal liegen die teuren Blätter aber auch an ungewöhnlichen Orten: Eine alte Dame in Linz, Urenkelin eines Schubert-Freundes, bewahrt ihre Schätze in der Küchenschublade neben dem Geschenkpapier auf - hier muss man erst einmal einen persönlichen Kontakt aufbauen, bis man in die private Wohnung darf."

Schon einzelne Blätter aus Schuberts Hand kosten heute Zehntausende Euro. Viele davon liegen in berühmten Bibliotheken, Autographe gelten aber auch als gute Geldanlage bei Privatpersonen und Banken. Die Handschrift im Original zu sehen ist ein ganz besonderer Augenblick für die Editorin. Dafür reist sie zweimal im Jahr nach Wien, war aber auch schon in der Nationalbibliothek in Paris. "Schuberts Autographen darf ich oft nur mit Handschuhen anfassen und werde dabei von einem Bibliothekar beaufsichtigt."

Der Aufwand lohnt sich, denn nur so kann sie den genauen Schaffensprozess des Komponisten nachvollziehen. Bleistiftstriche und ausradierte Stellen, die auf Kopien und guten Scans nicht zu sehen waren, beeinflussen die Entscheidung, ob der kleine Punkt eine Note ist oder nicht. Oft kann man aber auch verschiedene Fassungen des Werks erkennen. In modernen Gesamtausgaben werden alle Fassungen veröffentlicht, damit jeder Musiker das Werk genau interpretieren kann.

Da stellt sich natürlich die Frage, warum die Musiker sich nicht selbst ihre Noten edieren können. Einerseits würde das viel zu lange dauern: Um ein längeres Stück zu edieren, braucht man mehrere Jahre. Andererseits können Musiker längst nicht alle alten Notenschlüssel lesen und kennen auch nicht die damaligen Abkürzungen zur Spieltechnik. Editoren "übersetzen" ihnen sozusagen die Handschrift in für sie verständliche Noten und Anweisungen. Um diese Übersetzung vornehmen zu können, müssen sie wissen, wie die verschiedenen Instrumente klingen und damals geklungen haben. "Ein Klavier zu Schuberts Zeiten hatte viel weniger Tasten als ein moderner Steinway-Flügel. Ein Pianist hat also heute mehr Spielmöglichkeiten, was aber nicht heißt, dass er diese zwangsläufig alle nutzen muss."

Ein Editor versucht trotz allem so nahe wie möglich am Original zu bleiben. Die Intention des Komponisten bleibt an erster Stelle. Doch selbst die genialsten Komponisten wie Bach oder Mozart haben Fehler gemacht: Zum Beispiel verrutscht man leicht um eine Notenzeile, wenn man eine neue Seite anfängt. So etwas muss natürlich in der modernen Ausgabe verbessert werden. "Man sagt immer, Beethoven hätte seine Werke nicht gehört. Das stimmt so nicht: Der Komponist, der seine Musik aufschreibt, hat eine genaue Klangvorstellung im Kopf, und auch der Editor sollte im Idealfall eine Klangvorstellung haben, wenn er die Noten sieht." Diese erlangt er zum Beispiel dadurch, dass er selbst ein Instrument spielt und sich die Noten vorspielen kann. Christine Martin, die aus einer Musikerfamilie stammt, spielt Klavier. Hinter all der Mühe steckt der Wille, die Musik von guten Komponisten und damit einen wichtigen Teil unserer Kultur für eine breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Man will die Werke in originalgetreuer Form für die Nachwelt erhalten, denn sie könnten etwa durch Brandfälle wie vor ein paar Jahren in der Weimarer Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek oder durch Tintenfraß und Papierverfall verloren gehen. Die Arbeit an der Gesamtausgabe von Schuberts Werken ist so aufwendig, dass sie mit öffentlichen Mitteln subventioniert werden muss. Editionen von weniger bekannten Komponisten werden durch den Verkauf der Noten finanziert. Deshalb gehören Notenausgaben nach Meinung Christine Martins auch nicht auf das Kopiergerät: "Wenn Noten kopiert werden, lassen die Verlage nur noch die populären Werke drucken, mit denen sie sicher Geld verdienen können. Unbekanntere Kompositionen verschwinden dann schnell vom Markt. Das ist sehr schade."

Informationen zum Beitrag

Titel
Kostbarkeiten in der Küchenschublade
Autor
Anna Martin
Schule
Kepler-Gymnasium , Tübingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.06.2011, Nr. 137, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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