Die Gefahr des Kieksens ist groß

Marlene spielt Horn und das mehrere Stunden am Tag. Schule und Musik erlebt die 17 Jahre alte Jungstudentin als Doppelbelastung, aber Preise und Konzerte lohnen die Mühe

Da musst du schon den Arsch in der Hose haben. Denn wenn etwas nicht so gut gelingt, weiß jeder, dass du schlecht gespielt hast." Die 17-jährige Marlene Pschorr ist Hornistin im Bundesjugendorchester und weiß, welche Belastung auf einen Solo-Hornisten zukommt. Mit zehn Jahren begann sie Horn zu spielen, aber schon im Alter von drei Jahren spielte sie Klavier, um ihr Gehör zu trainieren.

Am Abend vor ihrer Abreise zu einer Arbeitsphase mit dem Orchester in Berlin spürt man die Hektik und Freude im Hause Pschorr in Heubach, einem kleinen Ort am Fuße der Schwäbischen Alb. Während der Arbeitsphase proben Deutschlands beste Nachwuchsmusiker gemeinsam für die anstehenden Konzerte. Ihre lockigen braunen Haare hat Marlene zu einem Dutt zusammengebunden, damit diese auch ja nicht beim Üben stören. In ihrem Zimmer steht der voll bepackte rote Koffer, das Horn liegt noch auf dem Bett, der Notenständer steht in einer Ecke. Überall sind Notenblätter verstreut. Vereinzelt liegen Kleidungsstücke und Kleinigkeiten herum, die nicht mehr in den Koffer gepasst haben. Immer wieder streckt ihre Mutter den Kopf ins Zimmer und erkundigt sich, ob sie denn auch schon ihre Fahrkarte eingesteckt habe oder ob sie sonst noch etwas für ihre dreiwöchige Arbeitsphase brauche.

Durch erfolgreiche Probespiele sowie nationale und internationale Wettbewerbe wurde sie zur Hornistin verschiedener Nachwuchsorchester. Seit drei Jahren spielt sie nun im Bundesjugendorchester, davor schon im Landesjugendorchester Baden-Württemberg.

Bei Jugend musiziert erhielt sie unter anderem einen Preis mit Höchstpunktzahl, einen zweiten Preis errang sie beim internationalen Hornwettbewerb Concorso Internazionale per Corno "Federico II di Svevia" im italienischen Bari. Damit steigerte sie ihren Bekanntheitsgrad, um sich für das Bundesjugendorchester zu qualifizieren und aufgenommen zu werden. Dabei gewöhnte sie sich auch daran, mit Stress und Druck umzugehen.

Schleichend entwickelte sich ihr Wunsch, Musik zu ihrem Beruf zu machen. "Du wachst ja nicht auf und denkst, du willst Horn studieren", sagt Marlene und erklärt, dass sie sich durch Wettbewerbserfolge und den musikalischen Einfluss ihrer Eltern langsam mit dem Gedanken anfreunden konnte, Hornistin zu werden. Das Horn ist für sie, wie auch für Johannes Brahms, die "Seele des Orchesters". Ursprünglich diente das Horn als Jagdinstrument, um Signale im Wald zu versenden. Lange Zeit waren die Orchester klein und bestanden fast nur aus Streichern. Mit der Zeit wuchsen die Orchester, und es wurde ein Blechblasinstrument benötigt, das nicht nur energisch, hart und rauh spielen konnte, sondern auch leise, traurig und sehnsuchtsvoll.

Marlene ist fasziniert von der Tiefgründigkeit klassischer Musik. Aber das Hornspielen sei auch ein Glücksspiel, die Gefahr des "Kieksens" ist sehr groß. Man wisse nie, was rauskommt. Man spiele zwar den richtigen Ton, aber es klingt falsch. Deshalb wird das Horn oft verspottet, da sich Kieksen auch bei Profis nicht vermeiden lässt. Immer und immer wieder zu versuchen, das Kieksen zu verhindern, genauso wie der warme Hornklang geben ihr den Anreiz, mehrere Stunden am Tag zu üben.

Sie blickt an die lila Wand hinter ihrem Schreibtisch, an der ein CD-Regal mit rund 200 CDs hängt. Daneben steht ein Bücherregal mit einigen Büchern über Musik, aber auch Harry Potter und ein Englischwörterbuch. Musik spiele eine wichtige Rolle in ihrem Leben, aber es bestehe nicht nur aus Musik. Bewusst habe sie ihr Zimmer so eingerichtet wie jeder andere Teenager auch. Trotzdem beneidet sie Gleichaltrige nicht um ihr stressfreieres Leben. Im Gegenteil. In jeder Arbeitsphase mit dem Bundesjugendorchester sammele sie neue Erfahrungen. Üben ist täglicher Bestandteil, auch wenn nach zehn Stunden Schule, Hausaufgaben und Vorbereitung auf Klausuren weniger Motivation als sonst vorhanden ist. Schule und Musik sei eine anstrengende Doppelbelastung, aber Erfolge bei Wettbewerben und ein Konzert zu spielen, um seine Leistung zu präsentieren, geben ihr genug Motivation, den inneren Schweinehund zu überwinden. Vor wichtigen Konzerten nimmt Marlene ihr Horn mit in den Urlaub, um dort nicht aus der Übung zu kommen. "Es ist einfach ein tolles Gefühl, im Orchester zu sitzen", sagt sie lächelnd. Unter der Woche studiert sie an der staatlichen Hochschule für Musik und Kunst in Stuttgart bei Professor Christian Lampert als Jungstudentin. Zusätzlich ergänzt sie ihre Hornausbildung bei Professor Erich Penzel und Christoph Eß, dem Solohornisten der Bamberger Symphoniker. Damit die einstündige Zugfahrt zur Hochschule nicht zur Zeitverschwendung wird, lernt sie währenddessen Spanischvokabeln oder macht Hausaufgaben.

"Nervosität ist das, was den Musikerberuf spannend macht." Besonders gern erinnert sie sich an ihre Konzerte mit dem Bundesjugendorchester. Im vergangenen Winter spielten sie in der Berliner Philharmonie "Der Feuervogel" von Strawinsky unter Kirill Petrenko. "Es war das letzte Konzert der Arbeitsphase, und da gibt jeder noch mal sein Bestes, und es war sehr emotional." Mit dem Bundesjugendorchester reiste sie schon durch Europa und Südafrika, und mit ihrer Schwester, einer Posaunistin, und einem Freund, Trompeter, reiste sie vergangenen August nach Ecuador. "Das Leben, das wir hier in Deutschland führen, ist ein sehr privilegiertes Leben", sagt sie ernst. Durch die Reisen sei sie offener für andere Kulturen geworden und schätze ihr Leben in Deutschland umso mehr.

Das Bundesjugendorchester, das aus ungefähr 100 Musikern besteht, nimmt einen wichtigen Platz in ihrem Leben ein. Drei Mal im Jahr gibt es bis zu vier Wochen lange Arbeitsphasen mit Konzerten. "Die Leute, die man dort kennenlernt, prägen einen." Die Zusammenarbeit mit professionellen Musikern bieten ihr einen Einblick in das spätere Berufsleben. Mit Hilfe ihrer Erfahrung wurde sie zur sogenannten Stimmführerin und darf nun entscheiden, wer eine Chance bekommt, auf Arbeitsphasen mitzufahren und auch welches Horn, welche Stimme spielt. Ihrem Instrument fühlt sie sich verbunden, deshalb spielt sie nur ungern mit fremden Hörnern. In der Zukunft träumt sie davon, in einem guten Orchester zu spielen.

Geprägt durch ihre Reisen, will sie den musikalischen Nachwuchs weltweit fördern. "Ich will Leute mit Musik von der Straße holen", meint Marlene nachdenklich. Im Vordergrund stehe jedoch, Menschen mit Musik Freude zu bereiten. Ihren Erfolg empfindet Marlene als das pure Glück. Durch die Förderung ihrer Eltern, die an der örtlichen Musikschule unterrichten, und anderer Lehrer gewann sie viele Wettbewerbe. Aber auch das viele Üben, das Verbessern ihrer Technik und ihre eigene Disziplin verhalfen ihr zum Erfolg. Lächelnd fügt sie hinzu: "Wer etwas Besonderes sein möchte, kann es auch werden!"

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Gefahr des Kieksens ist groß
Autor
Sina Reck
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.06.2011, Nr. 137, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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