Klirren, Stürze, rasanter Basketball im Rollstuhl

Der Schicksalsschlag kam für Helene Harnisch aus München vor zwei Jahren: Bei einem Skiurlaub mit ihren Großeltern verunglückte die damals 13-Jährige und ist seither irreversibel querschnittsgelähmt. Wie es passierte, weiß sie nur aus Erzählungen. "Mit der Narkose setzte auch die Amnesie ein. Mir wurde erzählt, dass ich vor der OP gesagt habe, ich sei angefahren worden und deshalb in den einzigen ungesicherten von neun Pfeilern gefahren, die eigentlich die Piste befestigen sollen. Aber ob das stimmt, weiß ich einfach nicht mehr." Nach dem Unfall wurde Helene sofort ins Unfallkrankenhaus Murnau gefahren und operiert.

Dabei wurde klar, dass sie nie mehr würde laufen können. "Ich hab' das am Anfang wegen der Nachwirkungen der Narkose gar nicht so mitbekommen", sagt Helene. "Natürlich habe ich später oft versucht, meine Zehen zu bewegen. Aber da ging natürlich gar nichts." Eine albtraumhafte Vorstellung - umso überraschender ist, dass Helene die Zeit im Krankenhaus als "eine der schönsten" in ihrem Leben bezeichnet.

Denn im Hospital lernte Helene ohne Mithilfe der Beine aus dem Bett aufzustehen, sich wieder alleine anzuziehen, mit einer Rolltreppe zu fahren. "Ich hatte jeden Tag ein Erfolgserlebnis", sagt sie, "als ich noch laufen konnte, habe ich mich abends immer wieder gefragt, was ich heute geleistet habe. Manchmal musste ich da ganz schön lange überlegen. Aber im Krankenhaus hab' ich mir immer gedacht: Hey, heute hab' ich gelernt, wie man alleine U-Bahn fährt. Und da war ich schon stolz."

Auch wenn sie nun schon seit zwei Jahren selbständig ihrem Alltag nachgeht, kann sie weiterhin auf ihre Leistungen stolz sein: Sie spielt in der dritten Bundesliga des Rollstuhlbasketballs und war bei der Deutschen Meisterschaft der Damen im Mai 2010 in Frankfurt dabei. Seit April 2010 trainiert sie in der 4. Mannschaft des USC München. Das Team aus 16 Spielern ist in jeder Hinsicht gemischt, es gibt sowohl Männer als auch Frauen, 5 der 40 Spieler sind nicht behindert. Obwohl die meisten Teilnehmer behindert sind, läuft das Spiel nicht weniger brutal ab. Ziemlich oft kann man das metallene Klirren aneinander rumpelnder Rollstühle hören. Und ab und zu rutscht auch ein Spieler mal aus seinem Gefährt. Der muss allerdings selbst zusehen, wie er wieder in seinen Rollstuhl kommt: Das Spiel wird nicht abgepfiffen, es geht ohne Unterbrechung weiter. Durch Gurte sollen die Sitzenden an ihrem Platz gehalten werden, und die Modelle haben ringförmige Schienen im Fußbereich um den ganzen Rollstuhl, die ein Verhaken mit anderen Rollstühlen verhindern sollen. Zudem sind die Sportrollstühle leichter und damit wendiger und schneller.

Zweimal die Woche trainiert Helene mit ihrem Sportrollstuhl auf dem Olympiagelände in München. Sie wurde sogar schon zum sogenannten "Perspektivkader" eingeladen, wo talentierte Spieler entdeckt und in die Nationalmannschaft geholt werden. Helenes Traum ist es, eines Tages bei der WM oder den Paralympics mitzuspielen, "doch Schule geht leider vor". Sie besucht die 9. Klasse eines neusprachlichen Gymnasiums im Münchner Westen, und das Training muss zugunsten des Lernens auch mal ausfallen. Dennoch macht sie heute mehr Sport als früher, als sie noch laufen konnte. "Ich war damals absolut unsportlich, vor allem Ballsportarten habe ich gehasst", sagt sie lachend. Aber nicht nur ihre Einstellung zum Ballsport hat sich geändert: Sie fährt auch Fahrrad mit einem Handbike und sogar Monoski. Dabei ist auf einem Ski ein Sitz und eine dem Fahrer angepasste Schale angebracht, damit er nicht vom Ski fallen kann. Hat sie denn nicht Angst, wieder Ski zu fahren? Helene lächelt: "Angst, noch behinderter zu werden? Nein. Außerdem macht es fast noch mehr Spaß, auf einem Monoski zu fahren, weil der Schwerpunkt tiefer liegt und man damit richtig schnell werden kann." Demnächst möchte Helene auch einmal Wasserski ausprobieren: "Da bin ich leider noch nicht dazu gekommen, aber im nächsten Urlaub mache ich das." Kein Wunder, dass sie keine Zeit dafür findet. Wenn sie nicht gerade mit ihrem Basketballteam unterwegs ist, tanzt das bildhübsche Mädchen auch gerne mal mit ihren Freunden auf Konzerten, besonders gerne bei ihrer Lieblingsband "Blumentopf", indem sie eben nur ihre Arme und ihren Oberkörper zur Musik bewegt. Oder sie entdeckt auf Reisen andere Länder. "Ich bin dankbar für alles, was es gibt, dass man zum Beispiel in Deutschland Zug fahren kann und es fast überall Aufzüge gibt."

Außerdem ist sie froh, dass die Leute so freundlich zu ihr sind: "Klar schaut ab und zu einer bisschen komisch, vor allem Kinder starren mich oft an. Aber das finde ich nicht schlimm. Aber richtig unfreundlich war noch nie einer, eigentlich sind alle immer ziemlich hilfsbereit." Ein bemerkenswertes Mädchen, das sich trotz des großen Verlusts nicht unterkriegen lässt, das alle Freuden des Lebens genießt und dabei mehr erlebt, als so mancher, der noch laufen kann. Sie denkt deshalb auch nur selten an medizinische Fortschritte und die Möglichkeit, irgendwann vielleicht wieder laufen zu können: "Ich will die Zeit nicht verleben und genieße den Moment. Denn mein Leben ist nicht schlechter, nur weil ich behindert bin. Es ist nur einfach anders."

Informationen zum Beitrag

Titel
Klirren, Stürze, rasanter Basketball im Rollstuhl
Autor
Johanna Stoiber
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.06.2011, Nr. 143, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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