Rennrolli zu fahren machte ihr auf Anhieb Spaß

Man muss sich täglich aufraffen und sich selbst in den Arsch treten können!" Entspannt lehnt die Leistungssportlerin Kerstin Abele ihren durchtrainierten Oberkörper in den schwarzen Rollstuhl. Genau kann sie sich an den Unfall im Oktober 1988, der ihr ganzes Leben umkrempelte, nicht mehr erinnern. "Ich weiß nur noch, dass ich an jenem Tag mit dem Fahrrad in den Supermarkt fahren wollte. Dabei muss sich wohl eine der Taschen, die am Lenker hingen, im Vorderrad verfangen haben. Ich bin gestürzt und in einen offenen Autohänger gefallen." Im Krankenhaus wachte sie wieder auf und bekam die schockierende Diagnose: ein hoher Querschnitt ab dem achten Brustwirbel und Schädigung der sensiblen und motorischen Nerven.

Später wird ihr klar, dass sie sogar noch Glück gehabt hat, denn wäre das Rückenmark an einer noch höheren Stelle durchtrennt worden, wären auch ihre Arme gelähmt gewesen. Auf die Operation im Krankenhaus in Aalen im Ostalbkreis folgen neun Monate Reha-Aufenthalt in Margröningen. "Während die anderen beim Kaffeetrinken saßen, hab' ich eine zusätzliche Einheit Hanteltraining absolviert."

Der Ehrgeiz war nicht sofort da. "Gerade die ersten zwei Jahre waren hart. Man hadert mit seinem Schicksal und überlegt, ob man sich nicht besser gleich aus dem Fenster stürzen sollte." Doch die Krankengymnasten gaben sich viel Mühe und haben sie zum Rollstuhltraining motiviert.

Vor allem hatte sie das Ziel vor Augen nicht zum Pflegefall zu werden, sondern ihre Unabhängigkeit weitestmöglich zu bewahren. Heute lebt die Rollstuhlfahrerin in einer Wohnung im zweiten Stock in Hüttlingen bei Aalen. "Ich musste an die 30 besichtigen, bis ich eine geeignete Wohnung gefunden habe." Wichtig waren ihr ein Aufzug, Bäckerei und Supermarkt in der Nähe. Nichts Unnützes liegt auf dem Parkett. Die Küchenschränke sind niedriger, im Bad gibt es einen Duschrollstuhl. Den Anstoß zum Rennrollstuhlfahren bekam sie von einem Patienten. "Am Anfang hatte ich überhaupt keine Lust dazu. Doch mit dem Rennrolli zu fahren war ein richtiges Aha-Erlebnis für mich! Ich hab' mich einfach hineingehockt und sofort Spaß gehabt." Besonders die anspruchsvolle Technik gefällt ihr. "Der große Unterschied ist dabei der wesentlich kleinere Greifring des Rennrollstuhls", erklärt die attraktive Frau. "Wenn man richtig auf Geschwindigkeit kommen will, hat man keine Zeit mehr, zu schieben und loszulassen, sondern man muss schlagen, da sich der Ring viel schneller dreht." Rasch hatte sie Erfolg. "Beim Stadtlauf in Senden bei Ulm habe ich als einzige Frau alle Männer nass gemacht." Sie hat schon Wettkämpfe auf Hawaii, in Sydney und der Schweiz ausgetragen, ist mehrfache Deutsche Meisterin im Rennrollstuhl über 200, 400 und 800 Meter und im Jahr 2000 auch über 10 Kilometer geworden. "Durch den Sport lernt man Selbstdisziplin und kann zwei Stunden ohne Probleme in der Fußgängerzone unterwegs sein."

Da die Steuerfachgehilfin ihren Beruf nicht mehr ausüben kann, lebt sie von der Rente. Auch von einem Bandscheibenvorfall lässt sie sich nicht unterkriegen. "Ich bin sofort auf das Handbike umgestiegen. Dabei liegt man im Sitz und betätigt mit den Händen eine Kurbel, die parallel gedreht wird." Nach zwei Jahren Training gewinnt sie auch hier Wettkämpfe. Selbst als sie an Morbus Crohn erkrankt, lässt sie sich nicht unterkriegen. Oft referiert sie in Schulen. "Gerade die jüngeren Schüler sind offen und kommen auf einen zu."

Informationen zum Beitrag

Titel
Rennrolli zu fahren machte ihr auf Anhieb Spaß
Autor
Jacqueline Vetter
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.06.2011, Nr. 143, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180