Der Mops darf mit ins Bett

Ja, da ist ja mein Schatz", freut sich die alte Frau und bemüht sich, die kleine Heidi zu streicheln. Im Gemeinschaftsraum der Gräflich Röthenfels'schen Spitalstiftung Immenstadt nebenan unterhalten sich drei Damen angeregt mit Anke Preiss über ihren Malteser Beppo, der brav auf dem Tisch sitzt und sich streicheln lässt. Einen Gang weiter ist es ganz ruhig. Adele Löffler hat Besuch von "ihren" Hunden Fleckli, einem Altdeutschen Hütehund, und Mops Smiley, die beide bei ihr im Bett liegen. Sie ist bettlägrig und kann sich nicht mehr gut artikulieren, aber dennoch ist es ihr deutlich anzumerken, dass sie den Besuch genießt. Sie kennt die Hunde seit fast drei Jahren, denn seit August 2007 wird sie vom Hundebesuchsdienst jeden Donnerstag besucht. Eingeführt in die Region hatte das Projekt die Tierärztin Iris Neumaier: "Somit gebe ich nicht nur meinem Hund eine sinnvolle Aufgabe, sondern kann auch noch Freude vermitteln, das finde ich toll." Inzwischen werden vier Heime regelmäßig von Mitgliedern der Regionalgruppe Allgäuer Alpen des 1987 gegründeten Vereins "Tiere helfen Menschen" und ihren Hunden besucht. Die Mitglieder des Vereins sind ehrenamtlich aktiv und bringen Freude in Seniorenheime, Kliniken, Kinderheime, Behindertenheime, Betreute Wohneinrichtungen, Schulen, Kindergärten und Justizvollzugsanstalten. Auch Einzelpersonen mit einer körperlichen oder seelischen Beeinträchtigung werden besucht. Schon lange sind die positiven Auswirkungen von Tieren auf die psychische und physische Verfassung von Menschen bekannt. Bereits die Anwesenheit eines Tieres im selben Raum führt zu einer Senkung des Blutdrucks und oft zu einer Stressminderung. Das Streicheln eines Hundes vermittelt den Hundefreunden Sicherheit, Wärme und Liebe. Gerade das sind oftmals Dinge, die dementen Menschen fehlen und die ihnen die Hunde bieten können. Die Hunde bieten Gesellschaft, ohne Zustände kritisch zu hinterfragen, und bieten somit bedingungslos Abwechslung, Freude und Glück, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Ein Hundebesuch kann sehr unterschiedlich ablaufen, manchmal legen sich die Hunde zu den Senioren ins Bett, manchmal spielen sie mit ihnen, und manchmal lassen sie sich einfach anschauen. Wichtig ist es, dass "man für jeden Menschen das richtige Tier findet und eine gegenseitige Empathie stattfindet", sagt Krankenschwester Anke Preiss, die seit sieben Jahren auf einer beschützenden Station für demente Patienten arbeitet, seit sechs Jahren von ihrem "Beppo" begleitet wird und sich seit Herbst 2008 auch ehrenamtlich mit ihrem Hund engagiert. Im Vordergrund steht der Körperkontakt zwischen Mensch und Hund, dadurch werden sowohl die Fein- als auch die Grobmotorik geschult. Aber auch die Kommunikation zwischen den Bewohnern wird durch den Hundebesuch angekurbelt, diese beginnen dann oftmals von ihren Erfahrungen mit früheren Haustieren zu erzählen. "Die Leute kriegen ein Stück Heimat zurück, weil viele früher selbst Haustiere hatten", ist die 53-jährige Alltagsbegleiterin Annette Waldenmayer überzeugt, die selbst vier Katzen hat. Der 85 Jahre alte stellvertretende Heimbeirat Heinz Klossek freut sich über die schöne Abwechslung für die Bewohner des Heimes, das bereits seit mehreren Jahren zahlreiche Kaninchen und Meerschweinchen in einem großzügigen Außengehege, Vögel und Fische im Innenbereich hält. Diese können zwar nicht die Hunde ersetzen, bieten aber einen schönen visuellen Anreiz und fördern das Daheim-Gefühl. Die Mutter von Renate Schwarz ist schon immer sehr tierlieb gewesen. Bis vor ungefähr einem halben Jahr hat sie ihrer Tochter auch immer von den Hunden erzählt, mit fortschreitender Krankheit muss man sie heute zwar danach fragen, aber dann beginnt sie gerne zu erzählen, dass "die Hundle" da waren. "Ich finde, die Hunde sind gut für die Seele," sagt die rüstige 70-Jährige, die so oft wie möglich ihre Mutter besucht. Im Sommer wird der parkähnlich angelegte Garten zum zentralen Sammelpunkt für die noch mobilen Bewohner. Mit kühlen Getränken und einem Plantschbecken für die Füße genießen sie die mehrstündigen Besuche der Hunde. Manchmal kommen dann noch zwei Zwergziegen und ein Pony dazu. Gerade bei den Senioren, die aus der Landwirtschaft stammen, wecken diese besonderen Besuche alte Erinnerungen und bereiten viel Freude. Mops-Yorkshire-Hündin Heidi ist inzwischen auf dem Schoß der Seniorin eingeschlafen, und als die Dame glücklich zu Frau Neumaier schaut, sagt diese lächelnd: "Sehen Sie, die mag Sie auch!"

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Mops darf mit ins Bett
Autor
Lina Neumaier, Gymnasium Immenstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.06.2010, Nr. 130 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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