Elend auf vier Pfoten

Settermix, etwa fünf Monate, aus Tötungsstation in Spanien, sucht neues Zuhause. Nur als Zweithund zu vergeben." Solche Anzeigen finden sich täglich in deutschen Zeitungen und Wochenblättern. Besonders im Herbst. Denn dann, wenn die Jagdsaison kommt, werden die vorher unkontrolliert "produzierten" Hunde aussortiert: Nach Größe, Schnelligkeit, Schussfestigkeit, Gehorsam und Jagdtauglichkeit. Wer sich nicht für die Jagd eignet, den muss man loswerden. Viele werden gleich getötet oder ausgesetzt, um dann - nach einem Streunerdasein -, früher oder später von Hundefängern geschnappt, im Tierheim zu enden. Doch eine spanische "Perrera" ist mit einem deutschen Tierheim nicht vergleichbar. Dort gibt man den Hunden, wenn sie Glück haben, noch zwischen zwei und vier Wochen, bis sie eingeschläfert werden. Doch selbst das Einschläfern ist noch besser als das, was ihnen von manchen Einheimischen droht. "Es gibt da noch sehr viel grausamere Methoden", erklärt Christine Wegener aus Meisenheim bei Bad Kreuznach. "Häufig werden überflüssige Hunde einfach erhängt oder durch billige Medikamente umgebracht, was für das Tier oft Höllenqualen bedeutet. Der Streuner versucht man sich zu entledigen, indem man sie in einer Bucht oder Sackgasse zusammentreibt und sie dort mit Knüppeln erschlägt." Die Altenpflegerin und ihre Familie nehmen seit einem Jahr regelmäßig Hunde aus Spanien auf und kümmern sich um die verwahrlosten Vierbeiner sowie deren Weitervermittlung. Ohne diese engagierten und aufopferungsvollen Pflegefamilien, die auch die Futterkosten übernehmen, wäre die Rettung der Hunde oft nicht möglich. Inzwischen gelingt es einigen Hilfsorganisationen aus Deutschland, wenigstens ein paar dieser meist noch sehr jungen Hunde vor dem sicheren Tod zu bewahren und nach Deutschland zu bringen. So zum Beispiel den Settermischling Jazz. Er wurde nach einer langen, erschöpfenden Autofahrt Christine Wegener übergeben. Sein Fell war verfilzt, er war heruntergekommen, krank und abgemagert. Er hatte hartnäckigen Husten und Würmer und musste sich häufig übergeben, weshalb er kaum zunahm. Dann wurde eine Anzeige in die Zeitung und ins Internet gestellt, und wohl auch dank des herzerweichenden Fotos meldeten sich mehr als 50 Interessenten. Aufgrund mangelnder Erfahrung mit Hunden, zu wenig Platz oder Zeit kamen viele nicht in Frage, andere, weil sie keine wirkliche Vorstellung davon hatten, wie viel Verantwortung und Arbeit mit der Aufnahme eines solchen Problemhundes verbunden sind. Daher steht nicht umsonst oft in den Anzeigen "Nur als Zweithund zu vergeben", denn viele dieser eigentlich zutraulichen Familienhunde haben ihr Vertrauen in die Menschen fast vollkommen verloren, und ein anderer, erfahrener und zutraulicher Hund kann ihnen oft helfen, genau dieses wiederaufzubauen. Selbst nach fast einem halben Jahr hat Jazz noch immer viel Training und Geduld nötig. Vermutlich wird es Jahre dauern, bis seine Angst - wenn überhaupt - besiegt werden kann. Die Wahl fiel schließlich auf eine Kleinfamilie in Grünstadt, die alles mitbrachte, was man braucht: Zeit, Erfahrung mit Hunden, Platz, und, am wichtigsten, den zweiten Hund, Lucy. Die neun Jahre alte Beaglemix-Hündin akzeptierte und adoptierte Jazz vom ersten Moment an und wurde für ihn zur liebevollen Ersatzmutter, Freundin und Spielkameradin, die sich selbst seine manchmal eher unsanften Spielmethoden gefallen lässt: "Die beiden fressen sogar einträchtig gemeinsam aus einem Napf", erzählt Renate Büchner, sein jetziges Frauchen, die schon immer Hunde hatte und mit Jazz das Abenteuer Zweithund einging. So scheu er Menschen gegenüber ist, so aufgeschlossen und neugierig zeigt er sich gegenüber seinen Artgenossen. Inzwischen hat sich Jazz in seine neue Familie eingegliedert und fühlt sich, wenn schon nicht pudelwohl, so doch setterwohl. "An Frauen gewöhnt er sich verhältnismäßig schnell", erklärt Jazz' neue Besitzerin. "Bei Männern ist das leider ganz anders. Selbst bei meinem Mann hat Jazz fast fünf Wochen gebraucht, bis er erkannt hat, dass sein neues Herrchen harmlos ist und ihm nichts tut. Erst als wir alle zusammen in den Urlaub gefahren sind und mein Mann Jazz viel Zeit widmen konnte, sah unser Angsthund ein, dass Gassi gehen und schmusen mit Herrchen besser ist, als ihn vor lauter Panik und Misstrauen anzubellen oder skeptisch anzuknurren. Seitdem liebt Jazz auch ihn über alles." Ein Hund, der womöglich misshandelt, gequält oder auch nur vernachlässigt wurde, ist kein Kuscheltier, auch wenn er sich bei dem richtigen Umgang sowie der nötigen Sorgfalt und Konsequenz als wahres Geschenk entpuppen kann. Er braucht viel Liebe und Zuneigung und vor allem Geduld, bis sich das gestörte Vertrauen zu den Menschen wieder aufbaut. "Schon am Telefon habe ich Fragen gestellt", erzählt Jazz' neue Besitzerin. Denn unseriösen Tierhandel, bei dem die Hunde eher leiden, als dass man ihnen hilft, wollte sie auf keinen Fall unterstützen. "Wir Deutschen haben ein ganz anderes Verhältnis zu Hunden als manche andere Nationen", erzählt Jazz neues Frauchen. "Wir nehmen immer mehr Hunde auf, egal, ob sie vermittelbar sind oder nicht, obwohl unsere eigenen Tierheime ohnehin schon überfüllt sind." Oft kommen Hunde, die gerade ein neues Zuhause gefunden hatten, wieder ins Tierheim. Die Verantwortung und der erforderliche Zeitaufwand werden zu häufig unterschätzt. Jazz dagegen hat auch dank der peniblen Auswahl der künftigen Besitzer durch die Pflegefamilie ein geradezu paradiesisches neues Zuhause gefunden und macht stetig Fortschritte. "Inzwischen können wir sogar mit ihm ins Restaurant gehen. Besucher bei uns zu Hause jagen ihm zwar immer noch Angst ein, aber nach einer Weile, wenn er merkt, dass ihm niemand etwas tut, entspannt er sich und schläft seelenruhig in seinem Körbchen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Elend auf vier Pfoten
Autor
Lara Büchner, Leininger-Gymnasium, Grünstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.06.2010, Nr. 130 / Seite N6
Projekt
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