Das widert mich an

Ein zerfleddertes Gartenpolster bedeckt den rauhen Steinboden unter der Brücke. Müll liegt herum. Für den Obdachlosen Bernd Schneider ist das alltäglich: Seine zertretenen Turnschuhe sind verdreckt, der abgemagerte Körper ist in schlabberige Klamotten gewickelt. Die Haare und der lange graue Bart sind ungepflegt, sein Gesicht ist von Schrunden überzogen. Seit acht Jahren lebt der 57-Jährige auf der Straße. Früher arbeitete er als Bankangestellter, verdiente gut und hatte eine schöne Wohnung. Ein Stellenabbau brachte das Aus: Er verlor seinen Arbeitsplatz, verfiel in Depressionen und zog sich mehr und mehr zurück. Seine Freunde versuchten, ihm wieder auf die Beine zu helfen. Doch der ehemals zielstrebige, erfolgsorientierte Mann lehnte Hilfe ab. "Ich habe mich geschämt, arbeitslos zu sein, meine eigene Situation widerte mich an, ich war abweisend und verletzend. Doch statt mich aufzuraffen und mich nach einer neuen Stelle umzusehen, vergrub ich mich tiefer und tiefer in meiner eigenen Welt. Ich zermarterte mir den Kopf darüber, wieso gerade ich gefeuert wurde. Ich habe meine Heimatstadt verlassen und bin hierher nach Stadtbergen gezogen, wo mich niemand kennt." Seitdem hat sich sein Leben komplett verändert. Er versucht zu verdrängen und sich auf das Überleben zu konzentrieren. "Man ist vollkommen auf sich allein gestellt, von den anderen will niemand mehr etwas von mir wissen. Ich akzeptiere das. Denn so, wie ich sie aus meinem Leben fernhalten wollte, so wollen sie mich mittlerweile auch aus ihrem Leben fernhalten." Besonders die ersten Monate waren hart. "Ich verfiel mehr und mehr dem Alkohol, begann zu klauen. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, wenn der erste Schnee kommt, die Kälte, die einem nachts die Glieder starr macht. Oder was passieren wird, wenn ich wirklich gar kein Geld mehr habe." Nach und nach sammelte er sich dann einige Habseligkeiten zusammen. Wollene Handschuhe, eine Mütze, durchlöcherte Tragetaschen - alles, was ihm als nützlich erscheint und offensichtlich niemandem gehört oder vergessen wurde, nimmt er mit. Im Sommer bevorzugt der Obdachlose seinen Stammplatz unter der Brücke, im Winter schläft er auf Baustellen oder an Bahnhöfen. Durch die Mangelernährung und die Strapazen des Lebens auf der Straße ist er anfällig für Krankheiten: Wirbelsäulenschäden, Atemwegserkrankungen und Erfrierungen. "Es bleibt einem nichts anderes übrig als zuzusehen, wie der eigene Körper nach und nach verfällt und kaputtgeht." Am Anfang jedoch war die mangelnde Hygiene, der eigene Gestank das Schlimmste für Bernd. Inzwischen hat der einsame Mann akzeptiert, dass sein einziges Einkommen Almosen und Flaschenpfand sind. Um sein Verlangen nach Alkohol zu stillen, müssen die Abfallcontainer der Supermärkte herhalten. "Für andere mag das wohl unappetitlich und abstoßend wirken, für mich ist es jedoch überlebenswichtig."

Informationen zum Beitrag

Titel
Das widert mich an
Autor
Raphaela Schön. Wernher-von-Braun-Gymnasium, Friedberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2010
Projekt
Jugend schreibt

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